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ReisebüroRussen sind nicht unbedingt reisefreudig. Das liegt nicht nur an den Warteschlangen an den Schaltern am Bahnhof, wo man schon mal das halbe Wochenende verbringen kann, bis die umfangreiche Transaktion zur Ausstellung eines Fahrscheines erfolgreich abgeschlossen ist.

Ich spreche auch nicht von Fernreisen in exotische Urlaubsparadiese. Das ist nur für die Superreichen unter den Neureichen möglich. Selbst zwei Woche türkische Adria für 320 Dollar inklusive Vollpension und Flug ist für die meisten unerschwinglich.

Ich meine die verblüffende Unkenntnis des eigenen Landes. Fragt man nach den Verhältnissen in der nächst großen Nachbarstadt, nach Sehenswürdigkeiten, Stadtbild und kleinen Tipps, erntet man oft ein Achselzucken. Man ist noch nicht da gewesen.

Das erstaunt um so mehr als viele Russen Biographien besitzen, die mindestens fünf Zeitzonen umfassen: geboren in Kasachstan, studiert in St. Petersburg, mit der Armee in Tadjikistan, ersten Arbeitsplatz in Smolensk, schließlich in Jekaterinenburg gelandet und dann ist da noch die Oma in Wladiwostok und die Schwiegereltern in Wladikawkas.

Verwandte in anderen Orten sind zumindest ein Grund zu reisen. Familien halten zusammen. Geschäfte sind ein zweiter. Auch russische Bahnhöfe und Flughäfen werden von gräulichen Männern in Allwettermänteln mit kleinen Aktenkoffern bevölkert. Aber sonst?

Logo der BusgesellschaftEs fehlt das Geld, ist eine häufig genannte Erklärung, die sicher stichhaltig ist. Wenn man Mühe hat, am Ende des Monats noch die notwendigsten Lebensmittel zu kaufen, dann denkt man natürlich nicht an eine Reise. Die Datscha ist eine weitere Erklärung. Das Leben pendelt zumindest im Sommer zwischen der Arbeit und der Wohnung in der Stadt während der Woche und dem Häuschen auf dem Lande am Wochenende. Zum Teil ist das ökonomische Notwendigkeit, weil der eigene Garten die Haushaltskasse entlastet, zum Teil ist es die Liebe zur Natur und zum Teil ist es schlichte Gewohnheit. Und die Gurken und Tomaten kann man natürlich auch schlecht mal für ein paar Tage alleine lassen.

Aber wie wäre es mal mit etwas anderem? Mit dieser Frage kommt man dem Reiseunwillen schon etwas tiefer auf den Grund. Es fehlt nicht nur an den Möglichkeiten, es fehlt vor allem am Willen. Warum sollte ich? fragen erstaunte Gesichter, als habe man vorgeschlagen, sich am ganzen Körper mit Senf einzureiben. Gelegentlich wird noch der Satz, "was gibt es denn da zu sehen?" hinzugefügt.

Kennt man eine russische Stadt, kennt man alle, wird bockig die fehlende Neugier für den Blick über den Gartenzaun verteidigt. Wahr ist, dass der sozialistische Städtebau mit seinen vorfabrizierten Wohneinheiten, Paradeplätzen, Triumphalleen und klassizistischem Kitsch wenig Interesse an einem individuellen Stadtbild hatte, aber trotz aller Hartnäckigkeit ist es auch ihnen nicht gelungen, ganz Russland einzuzementieren.

ZugabteilDer tiefere Grund für die Immobilität liegt in der Natur des Reisens selbst. Wer sich aufmacht, den treibt die Neugier, die Lust am Ungewissen und am Abenteuer - auch wenn es meist nur eine Pauschalreise ist. Ungewissheit ist allerdings eines der wenigen Güter in Russland, bei denen es ein weit größeres Angebot als Nachfrage gibt. Die letzten zehn Jahren habe für die meisten Bürger den Bedarf an Turbulenzen und Abenteuern erst einmal gedeckt. Den Arbeitsplatz verloren, die Ersparnisse eingebüsst, die alten Qualifikationen wurden nicht mehr benötigt, neue gefordert und dort, wo man früher auf einen Park blicken konnte, versperrt jetzt eine Plakatwand den Blick, auf der für Whiskey vor der Manhattan Skyline geworben wird. Wenn man nicht sicher sein kann, ob diesen Monat auch ein Gehalt gezahlt wird, benötigt man eigentlich kaum mehr Aufregung für den Tag.

Also bleibt man lieber zu Hause. So kann man sich den wahrscheinlichen Weltuntergang bei Vodka und Chips vom Sofa aus im Fernsehen anschauen.

 

Poka.

 

 

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© Martin Ebbing 2001