Seitenblick: Papier


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PapierverkaufPapier war während der Sowjetzeit knapp. Das hat sich mittlerweile geändert, aber in Russland denkt man nicht daran, mit diesem neuen Reichtum verschwenderisch umzugehen.

Beispielsweise Toilettenpapier. Die einlagige, graue, von kleinen Holzsplittern durchsetzte Variante ist noch immer der nationale Standard. Auch die kleinen, durchscheinenden Karrees in den Ständern auf den Tischen der Restaurants, die den Verdacht erwecken, als habe ein Geizkragen aus einer Papierserviette drei gemacht, haben ihre Karriere noch nicht hinter sich. Man kann sich an das raue Toilettenpapier gewöhnen, an das gänzliche Fehlen von Papiertaschentüchern allerdings weniger.

So wird es auch mit der Zeit zur Routine, beim Einkaufen besser eine Tasche mitzunehmen, es sei denn, man stört sich nicht daran, die Koteletts in der Zeitung von gestern und die Apfelsinen in der Hosentasche nach Hause zu tragen. Plastiktüten gibt es auch, muss man aber an einem anderen Stand kaufen.

Auch das Lineal ist weiterhin im Gebrauch. Nicht zum Ziehen gerader Linien sondern um sauber ein Stück Papier in zwei Teile zu reißen. Man verwendet ein Blatt Papier wie ein Stück Käse und schneidet, resp. reißt immer nur so viel ab, wie man wirklich braucht. Hotelrechnungen schrumpfen auf die Größe einer Kreditkarte und für Quittungen aller Art reicht das Format einer Briefmarke.

QuittungenSo sparsam im Alltag mit Papier umgegangen wird, so ausschweifend ist der Gebrauch bei Behörden und Ämtern (was den Verdacht nahe legt, dass die Papierknappheit immer eine Mär war). Allein der Einfache Kauf einer Zugfahrkarte löste eine wahre Papierflut aus. Alle möglichen Angaben inklusive der Passnummer werden in doppelter Ausfertigung per Hand eingetragen. Die Fahrkarte selbst wird dann von einem Computer ausgedruckt. Ähnliches gilt beim Geldumtausch und jeder Besucher Russlands weiß, dass nach dem Ausfüllen des einen Formulars immer noch ein weiteres Formular wartet.

Was mag mit all diesen Durchschlägen, Listen und Belegen passieren?

Da offensichtlich ein vernetztes, zentrales Computersystem fehlt, werden dann diese Papiere alle an einem zentralen Punkt zusammengetragen, um dort registriert und ausgewertet zu werden? Fahren nachts Güterwaggons voller ausgefüllter Formulare von Machatschkala, von Murmansk und aus den entferntesten Ecken Sibiriens nach Moskau?

ServiettenWie wird diese Flut bewältigt? Existieren riesige Halle in denen Sachbearbeiter an langen Reihen von Schreibtischen Papierstapel um Papierstapel in wiederum neue Registraturen eintragen und in sauber beschrifteten Ordnern abheften? Kommen sie überhaupt mit der Arbeit nach oder werden jetzt erst die Unterlagen aus der Gorbatschow-Ära erfasst?

Was passiert danach? Wo werden die Ordner und Bündel gestapelt? Und wie lange? Kann es sein, dass das Toilettenpapier in meinem Badezimmer wiederauferstandene Gästelisten aus dem selben Hotel aus dem Jahr 1971 sind? Und wenn Recycling, warum dann nicht zweilagig?

 

Poka.

 

 

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© Martin Ebbing 2001