Die Wolga hinab: Jaroslavl - Nischnij Novgorod


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WolgaschiffEs gibt zwei Klassen von Kreuzfahrtschiffen auf der Wolga. Links am Kai von Jaroslavl liegt die Maxim Gorki, rechts die Afanasij Nikitin.

Die Maxim Gorki wirkt moderner und eleganter. Sie glänzt silbrig-weiss in der Sonne, wirkt wuchtiger und eleganter und hat große, rechteckige Kabinenfenster. Vom Ufer aus kann man hören, dass über die Lautsprecher die Passagiere auf Englisch darüber informiert werden, dass das Restaurant wieder geöffnet habe.

Die Afanasij Nikitin erweckt einen geduckten, weniger glanzvollen Eindruck. Die Farbe ist mehrfach übergestrichen, die Holzbeschläge sind durch Wasserschäden stumpf und grau geworden. Die Fenster der Kabinen sind kleiner und mit schlaff hängenden, braunen Vorhängen verhüllt, die schon unansehnlich gewesen sein müssen, als das Schiff seine Jungfernfahrt noch vor sich hatte.

Die Maxim Gorki ist für ausländische, die Afanasij Nikitin für russische Touristen. Ich fahre mit der Afanasij Nikitin.

"Biljetts" löse man an Bord, hatte mich die gelangweilte Dame am Kassenhäuschen im Hafengebäude beschieden. "Da," nickt der Zahlmeister und nachdem er sich mit skeptischen Blick vergewissert hat, dass der Ausländer es auch wirklich ernst meint, rechnet er auf die Kopeke genau aus, wieviel Klasse IIb von Jaroslavl nach Nischnij Nowgorod kostet, und weist mir eine Kabine gleich rechts auf dem Unterdeck zu.

KabineIch habe die Wahl zwischen oben links, unten links, oben rechts und unten rechts. Die Kabine gleicht mit seinen vier Betten und dem fest installierten Tisch in der Mitte unter dem Fenster einen russischen Eisenwahnabteil. Selbst der an der Wand installierte Aschenbecher mit dem Klappdeckel fehlt nicht. Vorne links ist ein Waschbecken und ein inzwischen halb erblindeter Spiegel angebracht. Auf einer Konsole stehen zwei Gläser und eine gläserne Karaffe mit Zentimeter dicken Wänden. In der Luft steht eine Mischung aus erkaltetem Rauch billigen Tabaks, feuchtem Stroh und den Ausdünstungen von DDR-Plaste und mindestens zweitausend Jahren Menschheit.

Aber es ist ein Schiff - nach langen Mühen mein erstes Schiff die Wolga hinunter!

Aus den Lautsprechern scheppert eine kleine Fanfarne, die mir bekannt vorkommt, an deren Titel ich mich aber nicht mehr erinnern kann, als die Afanasij Nikitin losmacht und ohne erkennbare Mühe auf die Mitte des Flusses zusteuert. Zurück bleiben eine Handvoll winkender Menschen und ein paar Souvenirhändler, die eilig ihre unverkauften Waren wieder einpacken. Links und rechts von mir an der Reling wird zurück gewunken, fotografiert oder auch nur still dieser kleine Moment des Aufbruches genossen.

Die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel und vor uns warten unzählige Abenteuer, die wir von unseren Deckstühlen aus bestehen werden.

Mit mir reist eine bunte Schar: junge Paare, die sich an der Hand halten, alte Paare, die einander so vertraut sind, dass der eine jeweils den Schatten des anderen bildet, Familien mit kleinen Kindern, die quietschend und lachend den Aussengang entlang toben, Veteranen mit Ordensspangen auf den abgetragenen Anzugsjacken, junge Mädchen, die kichernd aber stolz ihre engsten T-Shirts spazieren tragen, alte Frauen in Pantoffeln mit ausgewaschenen Kleidern, gekrümmten Beinen und rissigen Fingern, Mittvierziger so unscheinbar, dass ihre blond-toupierten Frauen wie bunte lebenslustige Schmetterlinge wirken, und muskelbepackte junge Burschen, die es nicht nötig haben, mehr zu tun, als ein grosses Stück Raum mit ihrer Anwesenheit zu füllen. Das Durchschnitts-Russland hat ein paar Vertreter zur Erholung auf die Wolga geschickt.

RestaurantUm ihnen den Aufenthalt ein wenig angenehmer zu gestalten, bietet ihnen die Afanasij Nikitin auf dem Unterdeck einen kleinen Kiosk, an dem man Getränke und ein paar Süssigkeiten kaufen kann. Die dahinter liegende Cafeteria ist allerdings geschlossen. Auf dem mittleren Deck kann man am Heck durch verschmutzte Scheiben einen Raum mit einem Klavier und ein paar aufeinander gestapelte Stühle sehen. Am Bug ist das Fernsehzimmer mit seinen verschlissenen Sesseln von den tobenden Kindern in Beschlag genommen worden. Darüber, auf dem Oberdeck, bietet das Bordrestaurant einen wunderbaren Blick auf die Wolga und den nostalgischen Charme vergangener Sowjeteleganz: schwere Tischdecken mit zerfransten Säumen, Plastik-Schalensessel, die ein wenig niedrig geraten sind, Plastikblumen und Aluminiumbesteck. Am Heck haben die Sonnenhungrigen in einem zufällig arrangierten Ensemble von Liegen und Stühlen ihren Wallfahrtsort.

Ich flaniere von Deck zu Deck und erlaube mir dabei indiskrete Blicke in die Kabinenfenster meiner Mitreisenden. Auf dem Oberdeck erscheinen die Kabinen ein wenig grösser und die Betten ein wenig breiter zu sein, aber sonst kann ich keine grossen Unterschiede entdecken, ohne Gefahr zu laufen, mit meiner ungebührlichen Neugier entdeckt zu werden. Ein paar sitzt am Tisch vor dem Fenster, vor sich je eine Tasse Tee mit schweren Henkeln, in denen eine Zitronenscheibe schwimmt. Eine Mutter sitzt auf der Bettkante und liest ihrer Tochter aus einem Buch vor. Rosa schimmernde Würste sind vor einem Fenster aufgereiht. Auf einem anderen Tisch liegt in einem Haufen Krümel frisch angeschnittenes Brot. Ein älterer Mann hat sich auf seinem Bett lang ausgestreckt, den linken Arm über das Gesicht gelegt und schläft.

SonnendeckSchliesslich suche ich mir einen der Stühle auf dem Oberdeck als Bleibe für den Rest des Tages aus. Ein sanfter Wind bläst mir ins Gesicht, was die stechende Sonne erträglicher werden lässt. Links und rechts ziehen zwei endlose Landschaftsbänder vorbei. Birkenwäldchen wechseln sich mit dichten Laubwäldern ab. Klobige Bagger schaufeln den Ufersand auf Lastwagen. Am Horizont tauchen vier dünne Stifte auf, die beim Näherkommen erst zu rot-weiss geringelten Bleistiften und schliesslich zu Schornsteinen eines Kraftwerkes werden. Kleinen Städten folgen Dörfer aus Holzhäuser, die sich um Kirchen mit goldenen Zwiebeltürmen scharen. Die Ufer sind so weit entfernt, dass die Menschen nur noch als gesichtslose Figuren zu erkennen sind. Vom Lärm des Alltags ist nur wenig zu hören und wird vom sanften Rauschen der Bugwelle erstickt.

Gelegentlich überholt die Afanasij Nikitin eines der Lastschiffe oder ein Schlepper kommt uns entgegen. Müssiggang grüsst die Arbeitswelt.

Erst ein leichtes Hungergefühl weckt mich aus dieser sanften Meditation. Zu meiner Überraschung bin ich, obwohl es spät genug ist, der einzige Gast im Restaurant. Eine der beiden Serviererinnen unterbricht kurz ihre immer während neues Arrangement von Tellern und Besteck an den unbesetzten Tischen, um mir zu erklären, dass die Speisekarte erst für den morgigen Tag gelte. Heute stände nur ein Gericht zur Auswahl. Das erleichtert die Bestellung erheblich.

Die Bedürfnislosigkeit meiner Mitreisenden erklärt sich bei einem Zwischenstopp in Plies, einer ehemaligen Künstlerkolonie. Kaum hat das Schiff angelegt und ist die kleine Holzbrücke freigegeben worden, stürmen die Passagiere an Land als gelte es, als Erster die russische Flagge auf neu erbeutetes Territorium zu pflanzen.

Am Ufer warten bereits ein Stand mit Bettwäsche und Frotteetüchern (entweder handelt es sich dabei um eine gute Geschäftsidee oder es muss eine entsprechende Fabrik in der Gegend geben) sowie die Werke von Hobbymalern und zu Recht unbekannten Künstlern, die von vom Renommee des Ortes zu profitieren versuchen. Die Ankömmlinge wühlen in der Bettwäsche, werfen einen Blick auf die Kunst und beweisen ihren guten Geschmack damit, dass sie es damit auch belassen. Ihr Interesse gilt mehr den Lebensmittelgeschäften, wo Wurst und Käse, Brot und Fisch, Bier und Vodka aufgestockt wird. Man ist Selbstversorger.

Wolga am AbendDie Schifffahrtsgesellschaft straft diese Eigenständigkeit damit, dass sie uns Passagieren bei der Weiterfahrt die kalte Schulter zeigt. Sowohl der Kiosk auf dem unteren Deck wie das Restaurant oben sind bei der Rückkehr geschlossen. Der Fernsehraum ist abgesperrt und auch das Klavier auf dem mittleren Deck bleibt unberührt. Also kein Tanz bei lauschiger Mondfahrt und kein letzter Drink an der Bar vor dem Zubettgehen.

Ein paar junge Mädchen behelfen sich auf dem hinteren Deck mit einer improvisierten Diskothek aus dem Kofferradio, aber von den jungen Burschen mit den grossen Muskeln, dem lässigen Gang und den herausfordernden Blicken ist weit und breit nichts zu sehen.

Ich verbringe den späten Abend damit, mich von einem Stuhl am Oberdeck aus mit den Sternen zu amüsieren, die hell und klar über mir funkeln, bis die Tageshitze verflogen ist und ich zu frösteln anfange. Von meinem Bett aus (oben links) höre ich wie Liebespaare vor meinem geöffneten Fenster tuscheln. Das Plätschern der Welle, das sanfte Tuckern des Motors und das leise Ächzen des Schiffens begleiten mich in den Schlaf.

Den Gorkier Stausee habe ich verschlafen. In der Dunkelheit wäre wahrscheinlich eh nicht viel zu sehen gewesen. Als ich aufwache schaut eine Mauer zu meinem Kabinenfenster herein. Die Afanasij Nikitin befindet sich in Schleuse Nummer 16 und wird sanft herabgelassen. Vorderes Schleusentor auf, Schiff hinein, Schleusentor zu, Wasser auf das Niveau des unteren Wolgaabschnittes herablassen, unteres Schleusentor auf und das Schiff fährt wieder hinaus. Sanfte Mechanik. Der Vorgang wiederholt sich noch einmal bei Schleuse 14, um "17 Meter Höhenunterschied zu überwinden" (Reiseführer).

Auch am Morgen bin ich wieder der einzige Gast im Bordrestaurant. Die Kellnerin serviert mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Scheibe Weissbrot, die auf der einen Seite getoastet, auf der anderen Seite noch gefroren ist, sowie ein Stückchen Butter als Frühstück. Aber die Schifffahrtsgesellschaft scheint sich mit uns wieder versöhnt zu haben. Aus den Lautsprechern knarrt eine sonore Wochenschaustimme und unterhält uns mit allerlei Informationen über die Wolga und Musik von verkratzten alten Schallplatten.

SchleuseEin älterer Herr mit wässerigen blauen Augen hinter der dickglasigen Brille gesellt sich zu mir an die Reling. Er hat Mitleid mit meinen jammervollen Russischkenntnissen und kramt tief aus seinem Gedächtnis ein paar Brocken Deutsch hervor. Als junger Mann hat er als Soldat der Roten Armee an der Befreiung teilgenommen und hat auch "Gamburg" (Hamburg - das Russische kennt kein "h") gesehen. Alles sei furchtbar zerstört gewesen und ihm ist noch jetzt das Entsetzen anzusehen. Kein Groll über die Deutschen ist in seiner Stimme zu hören. Ja, eine Fahrt auf der Wolga sei ein "Perejiwanje" (Erlebnis) stellen wir gemeinsam fest und zum Abschied schüttelt er mir herzlich die Hand.

Von meinem Stammplatz auf dem Stuhl auf dem Oberdeck aus sehe ich der Ankunft in Nischnij Nowgorod entgegen. Der Bordlautsprecher klärt die "Towarischtschi Passajiry" (Genossen Passagiere) übe die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Rechts am Ufer tauscht eine Plattenbausiedlung auf, dann ist die Einmündung der Oka in die Wolga zu sehen. Dahinter liegt in der Sonne der Flusshafen der Stadt. Die Afanasij Nikitin beschreibt in einem eleganten Bogen einen Halbkreis, um die Nase wieder flussaufwärts zu drehen.

Vom Ufer her quakt uns das Megaphon eines Reiseveranstalters entgegen, der eine Bustour zur Besichtigung des Kremls von Nischnij Nowgorod anbietet. Angelockt von der Aussicht auf diese kulturhistorische Abwechselung oder auch nur, weil die Lebensmittelvorräte zur Neige gehen drängen die Passagiere wie die Pinguine zum Ausgang. Ich stelle mich hinten an.

 

Poka.

 

 

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© Martin Ebbing 2001