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Die Maxim Gorki wirkt moderner und eleganter. Sie glänzt silbrig-weiss in der Sonne, wirkt wuchtiger und eleganter und hat große, rechteckige Kabinenfenster. Vom Ufer aus kann man hören, dass über die Lautsprecher die Passagiere auf Englisch darüber informiert werden, dass das Restaurant wieder geöffnet habe. Die Afanasij Nikitin erweckt einen geduckten, weniger glanzvollen Eindruck. Die Farbe ist mehrfach übergestrichen, die Holzbeschläge sind durch Wasserschäden stumpf und grau geworden. Die Fenster der Kabinen sind kleiner und mit schlaff hängenden, braunen Vorhängen verhüllt, die schon unansehnlich gewesen sein müssen, als das Schiff seine Jungfernfahrt noch vor sich hatte. Die Maxim Gorki ist für ausländische, die Afanasij Nikitin für russische Touristen. Ich fahre mit der Afanasij Nikitin. "Biljetts" löse man an Bord, hatte mich die gelangweilte Dame am Kassenhäuschen im Hafengebäude beschieden. "Da," nickt der Zahlmeister und nachdem er sich mit skeptischen Blick vergewissert hat, dass der Ausländer es auch wirklich ernst meint, rechnet er auf die Kopeke genau aus, wieviel Klasse IIb von Jaroslavl nach Nischnij Nowgorod kostet, und weist mir eine Kabine gleich rechts auf dem Unterdeck zu.
Aber es ist ein Schiff - nach langen Mühen mein erstes Schiff die Wolga hinunter! Aus den Lautsprechern scheppert eine kleine Fanfarne, die mir bekannt vorkommt, an deren Titel ich mich aber nicht mehr erinnern kann, als die Afanasij Nikitin losmacht und ohne erkennbare Mühe auf die Mitte des Flusses zusteuert. Zurück bleiben eine Handvoll winkender Menschen und ein paar Souvenirhändler, die eilig ihre unverkauften Waren wieder einpacken. Links und rechts von mir an der Reling wird zurück gewunken, fotografiert oder auch nur still dieser kleine Moment des Aufbruches genossen. Die Sonne scheint, keine Wolke am Himmel und vor uns warten unzählige Abenteuer, die wir von unseren Deckstühlen aus bestehen werden. Mit mir reist eine bunte Schar: junge Paare, die sich an der Hand halten, alte Paare, die einander so vertraut sind, dass der eine jeweils den Schatten des anderen bildet, Familien mit kleinen Kindern, die quietschend und lachend den Aussengang entlang toben, Veteranen mit Ordensspangen auf den abgetragenen Anzugsjacken, junge Mädchen, die kichernd aber stolz ihre engsten T-Shirts spazieren tragen, alte Frauen in Pantoffeln mit ausgewaschenen Kleidern, gekrümmten Beinen und rissigen Fingern, Mittvierziger so unscheinbar, dass ihre blond-toupierten Frauen wie bunte lebenslustige Schmetterlinge wirken, und muskelbepackte junge Burschen, die es nicht nötig haben, mehr zu tun, als ein grosses Stück Raum mit ihrer Anwesenheit zu füllen. Das Durchschnitts-Russland hat ein paar Vertreter zur Erholung auf die Wolga geschickt.
Ich flaniere von Deck zu Deck und erlaube mir dabei indiskrete Blicke in die Kabinenfenster meiner Mitreisenden. Auf dem Oberdeck erscheinen die Kabinen ein wenig grösser und die Betten ein wenig breiter zu sein, aber sonst kann ich keine grossen Unterschiede entdecken, ohne Gefahr zu laufen, mit meiner ungebührlichen Neugier entdeckt zu werden. Ein paar sitzt am Tisch vor dem Fenster, vor sich je eine Tasse Tee mit schweren Henkeln, in denen eine Zitronenscheibe schwimmt. Eine Mutter sitzt auf der Bettkante und liest ihrer Tochter aus einem Buch vor. Rosa schimmernde Würste sind vor einem Fenster aufgereiht. Auf einem anderen Tisch liegt in einem Haufen Krümel frisch angeschnittenes Brot. Ein älterer Mann hat sich auf seinem Bett lang ausgestreckt, den linken Arm über das Gesicht gelegt und schläft.
Gelegentlich überholt die Afanasij Nikitin eines der Lastschiffe oder ein Schlepper kommt uns entgegen. Müssiggang grüsst die Arbeitswelt. Erst ein leichtes Hungergefühl weckt mich aus dieser sanften Meditation. Zu meiner Überraschung bin ich, obwohl es spät genug ist, der einzige Gast im Restaurant. Eine der beiden Serviererinnen unterbricht kurz ihre immer während neues Arrangement von Tellern und Besteck an den unbesetzten Tischen, um mir zu erklären, dass die Speisekarte erst für den morgigen Tag gelte. Heute stände nur ein Gericht zur Auswahl. Das erleichtert die Bestellung erheblich. Die Bedürfnislosigkeit meiner Mitreisenden erklärt sich bei einem Zwischenstopp in Plies, einer ehemaligen Künstlerkolonie. Kaum hat das Schiff angelegt und ist die kleine Holzbrücke freigegeben worden, stürmen die Passagiere an Land als gelte es, als Erster die russische Flagge auf neu erbeutetes Territorium zu pflanzen. Am Ufer warten bereits ein Stand mit Bettwäsche und Frotteetüchern (entweder handelt es sich dabei um eine gute Geschäftsidee oder es muss eine entsprechende Fabrik in der Gegend geben) sowie die Werke von Hobbymalern und zu Recht unbekannten Künstlern, die von vom Renommee des Ortes zu profitieren versuchen. Die Ankömmlinge wühlen in der Bettwäsche, werfen einen Blick auf die Kunst und beweisen ihren guten Geschmack damit, dass sie es damit auch belassen. Ihr Interesse gilt mehr den Lebensmittelgeschäften, wo Wurst und Käse, Brot und Fisch, Bier und Vodka aufgestockt wird. Man ist Selbstversorger.
Ein paar junge Mädchen behelfen sich auf dem hinteren Deck mit einer improvisierten Diskothek aus dem Kofferradio, aber von den jungen Burschen mit den grossen Muskeln, dem lässigen Gang und den herausfordernden Blicken ist weit und breit nichts zu sehen. Ich verbringe den späten Abend damit, mich von einem Stuhl am Oberdeck aus mit den Sternen zu amüsieren, die hell und klar über mir funkeln, bis die Tageshitze verflogen ist und ich zu frösteln anfange. Von meinem Bett aus (oben links) höre ich wie Liebespaare vor meinem geöffneten Fenster tuscheln. Das Plätschern der Welle, das sanfte Tuckern des Motors und das leise Ächzen des Schiffens begleiten mich in den Schlaf. Den Gorkier Stausee habe ich verschlafen. In der Dunkelheit wäre wahrscheinlich eh nicht viel zu sehen gewesen. Als ich aufwache schaut eine Mauer zu meinem Kabinenfenster herein. Die Afanasij Nikitin befindet sich in Schleuse Nummer 16 und wird sanft herabgelassen. Vorderes Schleusentor auf, Schiff hinein, Schleusentor zu, Wasser auf das Niveau des unteren Wolgaabschnittes herablassen, unteres Schleusentor auf und das Schiff fährt wieder hinaus. Sanfte Mechanik. Der Vorgang wiederholt sich noch einmal bei Schleuse 14, um "17 Meter Höhenunterschied zu überwinden" (Reiseführer). Auch am Morgen bin ich wieder der einzige Gast im Bordrestaurant. Die Kellnerin serviert mir ohne mit der Wimper zu zucken eine Scheibe Weissbrot, die auf der einen Seite getoastet, auf der anderen Seite noch gefroren ist, sowie ein Stückchen Butter als Frühstück. Aber die Schifffahrtsgesellschaft scheint sich mit uns wieder versöhnt zu haben. Aus den Lautsprechern knarrt eine sonore Wochenschaustimme und unterhält uns mit allerlei Informationen über die Wolga und Musik von verkratzten alten Schallplatten.
Von meinem Stammplatz auf dem Stuhl auf dem Oberdeck aus sehe ich der Ankunft in Nischnij Nowgorod entgegen. Der Bordlautsprecher klärt die "Towarischtschi Passajiry" (Genossen Passagiere) übe die Geschichte und Sehenswürdigkeiten der Stadt auf. Rechts am Ufer tauscht eine Plattenbausiedlung auf, dann ist die Einmündung der Oka in die Wolga zu sehen. Dahinter liegt in der Sonne der Flusshafen der Stadt. Die Afanasij Nikitin beschreibt in einem eleganten Bogen einen Halbkreis, um die Nase wieder flussaufwärts zu drehen. Vom Ufer her quakt uns das Megaphon eines Reiseveranstalters entgegen, der eine Bustour zur Besichtigung des Kremls von Nischnij Nowgorod anbietet. Angelockt von der Aussicht auf diese kulturhistorische Abwechselung oder auch nur, weil die Lebensmittelvorräte zur Neige gehen drängen die Passagiere wie die Pinguine zum Ausgang. Ich stelle mich hinten an.
Poka.
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© Martin Ebbing 2001