Jaroslavl: Artjom


Die Reportagen
Radio
Die Reise

Email


ArtjomGestern Abend habe es noch eine große Prügelei gegeben, erzählt Artjom. Eine Gruppe Betrunkener habe sich gestritten und dann seien zwei der Plastikstühle draufgegangen.

Artjom ist wahrscheinlich Kellner in einem der Strassencafes an der Ulitsa Swobodi in Jaroslavl. So ganz klar ist das nicht, denn man sieht ihn nie ein Bier an eines der Gartentische tragen und die jungen Mädchen, die hier ebenfalls als Kellnerinnen arbeiten, folgen seinen Anweisungen, aber er selbst sagt, die Frau mit dem lila Pullover hinter der Theke sei seine Chefin.

Ich habe ihn gestern Abend kennengelernt. Er sprach mich auf Englisch an, ob er mir einen der Trockenfische bestellen könne, die in Russland gern zum Bier geknabbert werden. Es war aber schon spät, ich war müde und so verabredeten wir uns für heute.

Eigentlich wollte auch Artjoms Freund oder Bekannter Alexandr kommen. So ganz klar ist auch das nicht. Fest steht nur, dass Alexandr tatsächlich als Kellner in dem Strassencafe arbeitet. Allerdings nur vorübergehend, denn in Wirklichkeit ist Alexandre, der mit seiner hageren Gestalt, seinem scharfen Kinn, den zurückliegenden Augen, den langen, knochigen Fingern, dem abgetragenen Anzug und dem skeptischen Blick eher wie ein verarmter Schriftsteller aussieht, Söldner. So hat er sich mir gestern Abend auf jeden Fall vorgestellt.

"Dies hier tue ich nur so zwischendurch." Er wolle demnächst wieder bei der russischen Armee im Kosovo oder in Tschetschenien anheuern. Das sei gut bezahlte Arbeit. Kosovo könne ich mir ja vorstellen, aber Tschetschenien? "Kein Problem!" Ich habe aber anderes gehört, halte ich ihm entgegen. "Ach!" Die recht Hand winkt so müde ab, wie Alexandr es offensichtlich müde ist, solche Einwände zu hören.

Ja, natürlich könne er mir von seinem letzten Einsatz in Tschetschenien erzählen, aber nicht jetzt. Morgen, aber auch nicht zu früh. Er schlafe tagsüber immer.

Eigentlich ist auch Artjom weder Kellner noch Oberkellner noch Geschäftsführer des Strassencafes sondern Student.

Artjom"Ich studiere Jura," und mir geht der Gedanke durch den Kopf, dass dies auch besser zu seinem schwarzen Rollkragenpullover passe. Warum Jura? "Weil man damit viel Geld verdienen könne", und nach einem kurzen Moment, in dem er sich wohl überlegt hat, ob er diesem sehr materialistischen Motiv nicht doch besser ein zweites hinzufügen sollte, "und es ist interessant. Man hat es mit der Polizei, mit den Gerichten, mit der Staatsanwaltschaft zu tun."

Ob er eine Freundin habe? Nein, "natürlich nicht". Seine ganze Empörung legt Artjom in das Wort "natürlich". Wie alt er denn sei? "Siebzehn ...". Ich hatte ihn für älter geschätzt. "... und in den nächsten Jahren habe ich auch nicht vor zu heiraten. Eine Familie zu Gründen kostet viel Geld." Bei dem Wort "Geld" scheinen seinen Gedanken selbständig geworden zu sein und ihre eigenen Bahnen zu nehmen. Sein Blick wird leer und das Gespräch kommt zu einem Halt.

Ja, er wohne gerne in Jaroslavl, obwohl, nun, abends nach seiner Arbeit hier, das sei es in der Stadt nicht ungefährlich. Wenn das Cafe gegen drei, vier Uhr morgens zu mache, dann sei es riskant auf die Strasse zu gehen. "Wie?" entfährt es mir verblüfft. "Ich habe bislang noch nichts Gefährliches gesehen." - "Doch, doch. Jugendliche lungern auf der Strasse herum und nehmen einem das Geld ab. Manchmal auch ganz brutal." Allerdings nicht unmittelbar hier in der Innenstadt, schiebt er dann nach, sondern mehr in den Aussenbezirken. In zwei, drei Bezirken, wo Drogen gehandelt würden, sei es besonders schlimm. Der Drogenhandel finde dort unter den Augen der Polizei statt. "Die tun nichts. Wahrscheinlich sind sie bestochen."

Überhaupt, und damit kehrt Artjom wieder zum Thema Geld zurück, was wie ein Magnet all seine Gedanken anzuziehen scheint, überhaupt gehe alles immer um Geld. Die ganze Kriminalität habe ihre Ursache in der Gier nach Geld.

Was er als angehender Jurist denn dagegen unternehmen würde, frage ich ihn. Er schaut mich prüfend an, als wolle er taxieren, ob ich die Antwort auch vertragen könne. "Unter Stalin gab es keine Verbrechen. Für Schwerverbrecher gab es die Todesstrafe." Um meinen Gesichtsausdruck unter Kontrolle zu halten, spanne ich meinen Unterkiefer an. Artjom spürt, dass ich von seinem Plan nicht überzeugt bin. "Bei Ihnen im Westen mag das anders sein. Da gibt es eine vernünftige Polizei, da gibt es vernünftige Gerichte. Die gibt es hier nicht. Deshalb helfen nur radikale Mittel."

Die Frage, warum er die Todesstrafe wieder einführen will, wenn die Polizei die Täter nicht schnappen und die Gerichte sie nicht ordentlich verurteilen können, stelle ich zurück. Ob viele so denken würden wie er, frage ich statt dessen. "Klar. Fragen Sie hier die Leute."

Und wer soll mit der Todesstrafe bestraft werden? "Die Schwer- und Gewaltverbrecher. Mörder, Entführer und Vergewaltiger."

ArtjomArtjom scheint seinen Antiverbrechens-Plan etwas genauer durchdacht zu haben. Was er denn für den schlimmeren Verbrecher halte, hole ich zu einem bei solchen Gelegenheiten bewährten Gegenargument aus, die Ehefrau, die in einem Moment der Hilflosigkeit ihren ewig betrunkenen, gewalttätigen Mann tötet, oder den Regierungsbeamten, der über Jahre planmässig finanzielle Hilfen für die Armen und Rentner unterschlägt und in die eigene Tasche steckt?

"Hmmmm", brummt Artjom. "Eine schwierige Frage." Nachdenklich verfällt er in Schweigen und wieder muss sich der Gedanke selbständig gemacht haben und eigene Wege gegangen sein.

"Noch einen Kaffee?", fragt er unvermittelt. - "Nein, danke."

 

Poka.

 

 

[ top] [vorheriger Tag] [Übersicht Wolga] [nächster Tag]

 

 

© Martin Ebbing 2001