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Jaroslavl
gehört zum "Goldenen Ring", einer zeitgenössischen
Bezeichnung für eine Gruppe von Städten nordöstlich von
Moskau, die mit der Besiedlung der Region durch die Kiewer Rus gegründet
wurden. Einige von ihnen, wie Jaroslavl, sind älter als Moskau.
Im Jahr 1010 fasste der Kiewer Prinz Jaroslawl den Plan, an der Mündung
des Kotorosl in die Wolga eine Handelsstation zu errichten. Die dort bereits
lebenden Einheimischen, so die Legende, waren von dem Eindringling nicht
so begeistert und hetzten einen Bären auf ihn. Jaroslavl, furchtlos
und aus dem Holz geschnitzt, aus dem Männer in Legenden gern bestehen,
erschlug den Bären mit einem kräftigen Hieb seiner Axt und da
er einmal in Schwung war, beschloss er, an eben dieser Stelle eine Stadt
zu errichten.
Keine schlechte Wahl, denn aufgrund seiner günstigen Lage wurde
Jaroslavl zu einem bedeutenden Handelsplatz zwischen Weißem Meer
und Asien. Die Geschäfte blühten und Jaroslavl stieg im 17.
Jahrhundert zur zweitgrößten Stadt Russlands auf und wurde
während der Besetzung Moskaus 1612 durch die Polen sogar vorübergehend
die Hauptstadt des Landes.
Mit
dem Bau des Hafens von St. Petersburg gegen Ende des 18. Jahrhunderts
war es mit der Stellung als Spinne im Handelsnetz zwar vorbei, aber man
sieht es der Stadt noch heute an, dass hier Geld verdient wurde. Alte
Kaufsmannshäuser reihen sich an baumbestandenen Häusern. Entlang
des Wolgaufers führt eine Promenade, von der man auf der einen Seite
auf den Fluss hinabblicken kann und die auf der anderen Seite von einst
prachtvollen, heute etwas klapperigen Villen gesäumt wird, in der
Museen und Behörden untergebracht worden sind. Das Volkow-Schauspielhaus,
ein gelb gestrichener klassizistischer Bau, steht an dem selben Platz,
an dem 1750 der Kaufmann Fedor Volkov das erste öffentliche russische
Theater gründete. Zur Eröffnung gab es "Esphire" von
Racine. In den kleinen Parks bummeln Spaziergänger, sitzen Kriegsveteranen
mit ordengeschmückter Brust auf der Bank und lehnen sich auf ihren
Krückstock, schieben Mütter ihre Kinderwagen und vertreiben
sich Jugendliche bei einer Flasche Bier die Zeit.
Zu den touristischen Attraktionen von Jaroslavl zählt zum einen
der weiß gekalkte Kreml. Aus den verschiedenen Wechselfällen
der Geschichte ist neben dem Außenring der Festungsanlage mit zum
Teil meterdicken Mauern die Erlöserkathedrale und ein umfangreicher
Klosterkomplex übriggeblieben. Am Eingang sammeln Mönche Spenden
für die Restauration der Gebäude, die mehr als nur ein wenig
frische Farbe dringend notwendig haben. Daneben haben Souvenirhändler
eine ganze Seite der Befestigungsmauer mit ihren Ständen in Beschlag
genommen. Ein Stück weiter den Weg hinunter kann man für ein
paar Rubel einen alten, müden Bären in einem engen Käfig
bemitleiden. Aus den Lautsprechern der Cafes (Plastikstühle und -tische
und Sonnenschirmen mit den Aufdrucken einer Zigarettenmarke) plärrt
russische und amerikanische Popmusik aus den Lautsprechern.
Da
Jaroslavl auch eine Stadt der Glockengießer war, wird den Touristen
- meist ältere Leute, die von Reiseführern wie eine Schar Gänse
von historischer Sehenswürdigkeit zu historischer Sehenswürdigkeit
geführt werden - ein Glockenspieler präsentiert. Die junge Künstler
hat auf einem Gerüst allerlei große und kleine Glocken aufgehängt,
die jeweils mit einem Faden mit seinen Händen verbunden sind. Mit
einem leichten Ruck der Finger, einer Seitenbewegung der Hand oder des
ganzen Armes bringt er die Glocken zum Klingen. Seine Körpermotorik
ist dabei beeindruckender als die dünne Melodie, die er zustande
bringt.
Der größte Reichtum von Jaroslavl sind die Kirchen der Stadt.
Vor der bolschewistischen Revolution sollen es einmal 170 gewesen sein.
Viele davon sind abgerissen worden oder als Museen, Warenlager, Sport-
und Versammlungshallen von den anti-religiösen neuen Machthabern
umfunktioniert worden. Aber sind immer noch genug Kirchenübrig geblieben,
dass an jedem Punkt der Stadt irgendwo über den Dächern ein
spitzer oder buntbemalter, zwiebelförmiger Turm zu sehen ist.
Die
prächtigste Kirche ist die Prophet Elias Kirche, die gleich gegenüber
dem grauen Zementblock der Bezirksverwaltung steht. Sie wurde 1647 von
der Kaufmannsfamilie Skripin in Auftrag gegeben. Sie verkauften Perlen,
Edelsteine und Pelze nicht nur nach Moskau sondern nach ganz Europa und
waren damit zu unerhörtem Reichtum gelangt. Da weder Johannikij noch
Wonifatiji Skripin Kinder besaßen, beschlossen sie - ganz dem Zeitgeist
entsprechend, nach dem sich Geld selbst gern in religiösen Bauwerken
darstellte - eine Kirche zu hinterlassen. Nach dem Tod der Brüder
beauftragte die Witwe Iulita Makarowna Skripina die beiden damals populärsten
Maler Gurij Nikitin und Sila Sawin, die Kirche auszumalen. Mit der Unterstützung
von 13 Gehilfen machten sich die beiden daran, jedes erreichbare freie
Stück Mauerwerk mit Fresken zu schmücken. Wie ein japanischer
Gangster es sich zur Ehre sein lässt, seinen Körper über
und über zu tätowieren, um seine Macht zu demonstrieren, wurde
der Innenraum der Kirche, jede Nische und jede Säule zur bildlichen
Präsentation der Kraft christlichen Glaubens.
Szenen aus dem Evangelium wurden bebildert: Wunder Christi und seine
Predigen, Märtyrer und Heilige, Engel, Reiter und Pferde, die Propheten,
die Mutter Gottes, Schlachten und Darstellungen des Paradieses. Wie die
Streifen eines Comic-Strips sind die Bilder nacheinander geordnet und
laufen die Wände entlang.
Im Gewölbe einer Treppe ist zudem dem damaligen Zar Alexander Newskij
Tribut gezollt worden. "Die Familien der Zaren mögen gesegnet
sein" lautet die Inschrift zu einer Darstellung des Stammbaumes der
Zarenfamilie. Kirche und Staat lebten im besten Einverständnis.
Sehr
viel bescheidener nimmt sich dagegen das "Museum der Zeit und der
Musik" aus, das sich etwas versteckt zwischen zwei großen Villen
an der Wolga-Promenade befindet. Womit sein Stifter sein Geld verdient
hat, ist nicht ersichtlich, aber auch leidet wie die Brüder Skripin
unter dem Zwang, zur Schau stellen zu müssen, was er hat. In seinem
Fall sind es ein paar Ikonen, ein paar antiquarische Tasteninstrumente,
Porzellanglöckchen und Wanduhren.
Der Besucher ist eingeladen, ein paar Töne auf dem Piano oder der
Heimorgel zu klimpern. Die Wanduhren sind im hinteren der beiden Zimmer
als Gruppe angebracht. Wie eine aus dem Gleichschritt geratene Truppe
klackt jede nach ihrem eigenen Takt und zeigt ihre eigene Zeit.
Poka.
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