Meteor


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Cafe am AblegerMag ja sein, dass die Weltraumfahrt im Westen wenig an brauchbaren Dingen abgeworfen hat. In der Sowjetunion war das anders.

Ein schlagender Beweis liegt am Anleger des Bootshafen von Rybinsk und bildet einen merkwürdigen Kontrast zu dem Interieur des menschenleeren Cafes im ersten Stock des hölzernen Abfertigungsgebäude, in dem ich meinen ersten Kaffee trinke. Der rote Plüsch auf den Tischen und an den Wänden, die imitierte Seidentapete und die Holzdielen erinnern an einen Saloon im Wilden Westen ("Die Girls sind im Hinterzimmer"), während draussen ein Wunderwerk der Technologie zu bestaunen ist.

Es handelt sich um eine Wasserrakete mit der stolzen Bezeichnung "Meteor" - eine lange, abgeflachte, weiss glänzende Röhre, die vorne in einem schnittigen Entenschnabel endet. Aufgesetzt ist eine Kanzel, aus der heraus der Kapitän (oder muss man sagen "Käptonaut"?) das Gefährt steuert. Es ist das Transportmittel der Zukunft, das bereits seit Jahren auf russischen Flüssen im täglichen Einsatz ist.

MeteorÜber einen der beiden an der Seite angebrachten Flügel, die Geschwindigkeit und Schnittigkeit noch unterstreichen, gelangt man in das Innere. Zwei Verkleidungen teilen die Röhre in drei Abschnitte. Hinten kann man durch panoramaartig angeordnete Scheiben in die Vergangenheit schauen, in der Mitte gibt es an einem kleinen Buffet Erfrischungen.

Ich suchte mit einen Platz im vorderen Teil. Die Sitze sind leicht angeschrägt und sehen so aus wie die Illustrationen aus Jules Verne's Reise zum Mond. Ich suche nach Sicherheitsgurten, aber die sind wohl nicht notwendig. Die Musik aus den Lautsprechern an der Decke scheppert ein wenig als sei der Empfang von einer Radiostation auf der um Lichtjahre entfernten Erde durch kosmische Strahlung gestört.

Den Start habe ich verpasst. Kein Wackeln oder Schaukeln und auch kein Anschwellen der leise surrenden Motoren. Nur aus deMeteor Innenm Augenwinkel heraus nehme ich plötzlich wahr, dass sich das Landschaftsbild verschiebt. Wir gleiten zur Mitte des Flusses hinaus und mit zunehmender Fahrt hebt sich sanft der Bug nach oben. Ich lehne mich in meinen Sessel zurück. Nicht einmal der Kaffee in meinem Pappbecher schwappt.

Wir gleiten, nein wir schweben flussabwärts an Anglern vorbei, die in kleinen Schlauchbooten ausharren. Unsere Wasserrakete bringt auch sie nicht ins Schaukeln. Sie verursacht keine Welle sondern hinterlässt nur eine Spur glatten Wassers auf der gekräuselten Oberfläche der Wolga.

"80 Stundenkilometer" brummt der Kapitän, der eher wie ein Kranführer in einer Stahlgiesserei als wie Captain Kirk aussieht, als Antwort auf meine Frage, wie schnell wir fahren können.

Behende sausen wir an Schleppkähnen, die Sand geladen haben, an Tankschiffen mit Gas und Öl und an kleinen Kirchen vorbei, deren Türme am Ufer aus den Wäldern ragen. Die meisten Passagiere nehmen diesen Flug die Wasserstrasse hinunter als Selbstverständlichkeit. Sie sind es gewohnt, mit Spitzentechnologie durch Zeit und Raum transportiert zu werden. Einige sind vom leichten Surren der Motoren schläfrig geworden und mit verrenktem Hals eingenickt. Andere lesen. Ich stehe an der offenen Tür über dem linken Seitenflügel und berausche mich am Fahrtwind.

Anleger JaroslavlNach einer Stunde drosselt der Meteor das Tempo und dreht sich in einem sanften Halbkreis mit dem Bug wieder flussaufwärts. Vor uns liegt in der Sonne der frisch gestrichene Bootshafen von Jaroslavl. Mit einer sanften Landung kehren wir wieder in die Welt zurück.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001