Rybinsk - Flut


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Ich habe keine Ahnung, wie Rybinsk aussieht. Wahrscheinlich hat die Stadt eine Vorstadtsiedlung aus Plattenbauten, ein Theater und ein Museum, ein Rathaus mit einem Lenin davor, einen ganze Batterie von Kiosken, an denen man sich bis spät in die Nacht mit Vodka, Bier und ein paar Knabbereien versorgen kann, Schulen, brave Bürger und böse Buben, schlaflose Nächte und ermüdende Tage, aber heute ist dies alles hinter einer dichten Regenwand verschwunden.

Es strömt, es schüttet, es - sorry - pisst. Was an bessern Tagen vielleicht nur eine Ansammlung von Schlaglöchern wäre, ist nun eine dicht miteinander verbundene Seenplatte von unergründlichen Tiefen. Wer versucht, die kleinen Inseln zu navigieren, erntet eine Dusche der vorbeifahrenden Autos.

Während ich den Kopf zwischen die Schultern ziehe und mich ganz auf drohende Untiefen konzentriere, die sich als Pfützen tarnen, rempeln mich triefende Mäntel an und werden mir Schirme gegen den Kopf geschlagen. Keine Ahnung, wie die Täter aussehen. An den Gummistiefeln würde ich sie vielleicht wiedererkennen.

Wenn er nicht in den Fluten versunken ist, dann hat Rybinsk auch einen Hafen. Von dort aus wollte ich eigentlich per Schiff quer über den Rybinsker Stausee nach Tscherepowez ans andere Ende und von dort aus zum Kirillo-Belozerskij-Kloster fahren, einst eines der grössten und reichsten Klöster im Lande, das häufig von den Zaren besucht wurde. Der Rybinsker Stausee war bei seiner Fertigstellung 1941 das grösste künstlich angelegte Gewässer der Welt. Er ermöglicht es, dass Schiffe von den Häfen der Ostsee über die Wolga in das Kaspische und das Schwarze Meer fahren können. Frachtschiffe, um genau zu sein, denn laut Telefonauskunft (wer verlässt bei diesem Wetter noch freiwillig das Hotel?) existieren keine Passagierschiffe von Rybinsk nach Tscherepowez.

(Ich verschweige, wieviel Menschen mir erzählt haben, dass sie noch eben jüngst von solchen Schiffen gehört haben, resp. ein guter Freund mit eben einem solchen Schiff gefahren ist.)

Es gibt nichts. Nicht mal Fotos. Nur Regen.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001