Kimry - Einer von 7.865 Tagen


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Bahnhof KimryIch habe die durchschnittliche Lebenserwartung eines männlichen Deutschen vergessen, aber mit 70 Jahren dürfte ich nicht allzu weit daneben liegen. 70 Jahre sind exakt 25.550 Tage (Schaltjahre nicht mitgerechnet). Demnach dürfte ich noch 7.865 Tage zu leben haben. Einen dieser 7.865 Tage habe ich heute am Bahnhof von Kimry zugebracht.

Gestrandet bin ich hier auf der unendlichen Suche nach dem ersten Passagierschiff, das mich die Wolga hinabbringen kann. In Dubna, meiner gestrigen Station, wurde mir hoch und heilig versichert, "fahren Sie nach Kimry, in Kimry werden Sie mit Sicherheit ein Boot finden". Die Wirklichkeit sieht anders aus.

Der Taxifahrer kurvt mit mir durch eine Stadt, über die nicht mehr zu sagen ist, als dass sie weitgestreckt auf ein paar Hügeln liegt und als Schuhhauptstadt Russlands bekannt geworden ist, weil hier der Grossteil der russischen Schuhe, inklusive der Stiefel für das Militär, produziert wird. Am Standrand am Ende einer holperigen Strasse, die zum Hafen von Kimry führt, finden wir schliesslich einen Arbeiter, der mit Sicherheit weiss, dass die Passagierschifffahrt seit zwei Jahren eingestellt wurde. "Zu wenig Schiffe und zu wenig Passagiere." Die ersten Schiffe die Wolga hinunter fahren erst ab Uglitsch.

Am Busbahnhof ernte ich Kopfschütteln. Nein, es fährt kein Bus nach Uglitsch. Am Bahnhof erfahre ich, das ich den Zug nach Uglitsch gerade verpasst habe. Der nächste fährt um 23 Uhr - in 10 Stunden.

Ich füge mich meinem übellaunigen Schicksal. Zu allem Überfluss beginnt es zu regnen.

Kimry bietet an einem Sonntag genau so viele Attraktionen wie der Güterbahnhof von Peine. Zudem finde ich keinen Platz, an dem ich mein Gepäck sicher unterstellen kann.

Busbahnhof KimryIn dem kleinen Restaurant, eher einer Holzbude, am Bahnhofsplatz riecht es nach schimmelnder Pappe, verschüttetem Bier und kaltem Rauch. Das Schaschlick, die einzige Speise auf der Karte, schmeckt nach einem zähen Tier, das ich bisher noch nicht gegessen habe. Ein paar Katzen streunen vor dem Eingang vorbei.

Ein Liebespaar sitzt an dem Tisch vor dem Tresen. Der Aschenbecher quillt über, die Bier- und die Vodkaflasche sind leer. Zärtlich gemeinte Gesten geraten zu ungelenken Hampeleien, Liebesgeflüster wird zum zungenschweren Gebrabbel.

Ein Mann mit einem Bauch wie ein Globus und einer Brille mit Gläsern wie Flaschenböden kommt herein, lässt sich ein grosses Glas bis zum Rand mit Vodka füllen und kippt den Inhalt in einem Zug in sich herein. Mit dem Handrücken wischt er sich das stoppelige Kinn und marschiert wortlos wieder hinaus.

Im zweiten Cafe am Ende des Bahnsteiges werde ich nach einer knappen Stunde gebeten, wieder zu gehen, weil ich den anderen Gästen den Platz wegnehme. Während der gesamten Zeit verteilten sich an den sechs Tischen nie mehr als fünf Gäste.

So bleibt mir nur die Bank am Bahnsteig mit Blick auf die abgekoppelten Waggons auf Gleis 2. Genug Zeit, um die Tage eines ganzen Lebens einzeln zu zählen.

LiebespaarUm 22 Uhr wird schliesslich der Fahrkartenschalter für den Zug nach Rybinsk via Uglitsch geöffnet. Der Mann vor mir in der Warteschlange bietet mir selbstlos seinen Platz an. Ob Schiffe ab Uglitsch fahren, wisse er mit Sicherheit auch nicht, er habe aber davon gehört. Die Stadt solle ich mir aber auf jeden Fall anschauen. Allein das Vodka Museum sei ein Besuch wert.

Das Vodka Museum lässt mich einen Moment zögern, aber der Zug nach Uglitsch hält irgendwann mitten in der Nacht. Ich löse einmal Schlafwagen bis Rybinsk, der nächsten grossen Stadt stromabwärts. Ankunft 6 Uhr 20.

Stimmt. Manchmal sind Reisen auch eine Flucht.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001