Das Grauen von Tver


Die Reportagen
Radio
Die Reise

Email


TverAm Tage ist Tver nicht einmal so ein schlechtes Städtchen. An den Aussenrändern gleicht es zwar mit seinen leerstehenden Fabrikanlagen, heruntergekommenen Wohnblocks, blätternden Farben, monotonen Fassaden, klapperigen und kreischenden Strassenbahnen, rostigen Kiosken und zerzausten Grünstreifen jeder anderen durchschnittlichen russischen Stadt, aber im Stadtzentrum sind noch einige der Bauten erhalten geblieben, die ahnen lassen, was Tver einmal war. Der Adel und die Zaren machten hier Zwischenstation auf ihren Reisen von und nach Sankt Petersburg. Kleine Palais wurden für sie gebaut, "Reiseschlösser" und Kirchen. Zudem war Tver einmal ein wichtiger Hafen an der Wolga. Ein Bürgertum entstand, Parks wurden angelegt, Theater wurde gespielt.

Nach der Revolution war es mit diesem Glanz vorbei, aber die neuen Machthaber haben genommen, was sie vorgefunden haben, und es für ihre Zwecke genutzt. Kirchen wurden, wie überall in Russland, zu Lagerhallen umfunktioniert, die Theater erhielten einen neuen Spielplan und in den Parks erholte sich ab sofort die Arbeiterklasse.

Tver hat den Anschlag realsozialistischer Lebensplanung überlebt. Die Bürgerhäuser stehen noch, auch wenn es an Farbe mangelt. Die Kirchen sind wieder geräumt worden und die frisch vergoldeten Türme glitzern in der Sonne. Im Theater wird Tschechow gespielt und im grossen Park am Wolgaufer tanzen spät am Abend eng umschlungen Pärchen zu den Balladen von Metallica und Whitney Houston.

Wolga bei TverDie Wolga hat bei Tver schon eine Breite von gut 100 Metern - und ist verdächtig leer. Von der grossen Brücke aus, die im Osten die beiden Teile der Stadt miteinander verbindet ist kein einziges Schiff zu sehen. Im Büro des Flusshafens bestätigt sich die düstere Vorahnung: es gibt schon seit Jahren keine regelmässige Passagierschifffahrt mehr. Die einzigen Schiffe, die noch fahren, sind kleine Ausflugsdampfer. Wenn ich heiraten wolle, könne ich auch solch ein Schiff mieten.

Nein, heiraten möchte ich im Moment nicht und auch den Anglern zuzuschauen, die sich am Kai aufgereiht hatten, ist - so verführerisch es auch ist - für einen reisenden Journalisten nicht die angemessene Beschäftigung.

In diesem Moment der Orientierungslosigkeit lockt mich ein Schild an, das mehr Aufregung als Heiraten und Angeln verspricht: "Museum des Grauens".

Das Museum befindet sich im Untergeschoss des Hafenamtes. Svetlana ist die Kassiererin und Museumsführerin in einer Person. Sie ist von freundlicher Sachlichkeit, aber irgend etwas an ihr erweckt bei mir den Verdacht (oder ist eher die Erwartung?), dass sie eine Einladung zur Hochzeit des Teufels nicht ausschlagen würde.

"Keine Angst. Es wird Ihnen nichts passieren", ermuntert Sie mich und hält eine Plastikplane zur Seite, die den Eingang verdeckt. "Wir bewerfen Sie nicht mit Schmutz und wir machen Sie auch nicht nass. Seien Sie einfach ganz entspannt. Dann wird Ihnen nichts passieren." Ich beschliesse, ihrem Lächeln zu vertrauen.

EingangDas Innere des Gewölbes ist schwach beleuchtet und es dauert einen Moment, bis sich meine Augen so weit an die Dunkelheit gewöhnt haben, dass ich erkennen kann, dass ich mich in einer Mischung aus Rumpelkammer und Baustelle befinde. Frisch gemauerte Wände sind mit Plastikplanen zugedeckt, es riecht nach Zement und Staub.

"Natürlich kommen die Leute in der Erwartung hierher, sich ein wenig zu gruseln, ihr Adrenalin in Gang zu bringen", klärt mich Svetlana auf, "aber wir sind kein gewöhnliches Horrorkabinett. Wir wollen informieren. Es gibt in ganz Russland kein zweites Museum dieser Art. Vielleicht noch eins in St. Petersburg, aber das weiss ich nicht so genau."

Und so führt sie mich durch die Dunkelheit ("Achtung! Da vorne sind zwei Stufen! Die müssen Sie ertasten!") von Raum zu Raum.

Das Hexenzimmer ist in rotes Licht getaucht. Durch einen Maschendrahtverhau hindurch sind zwische Tische, ein Stuhl und zwei hölzerne, wandhohe Regale zu sehen. Die Regale enthalten allerlei Krimskrams, Dosen und Schachteln, eine Strohpuppe, einen Mörser und Glasflaschen mit bunten Flüssigkeiten. Links vorne vor dem Regal steht auf einem dreibeinigen Ständer eine Metallschale. Auf dem Tisch sind verschiedene, getrocknete Kräuter verstreut. An der Wand hängen Bildchen mir unbekannter Personen und im zweiten Regal, an der rechten Seite, sind Folianten, Bücher, Zettel und Papiere aufbewahrt.

"Dies ist das Innere eines Hexenhauses." - Svetlanas Stimme verfällt in den Singsang einer routinierten Museumsführerin - "Davon gab es im Durchschnitt zwei in jedem russischen Dorf. Die Dinge, die Sie hier sehen, sind wirklich für Hexereien benutzt worden. Wir lassen unsere Besucher diese Gegenstände nicht berühren, weil wir sicher sind, dass in ihnen immer noch eine besondere Kraft steckt. Wir haben ein paar Spezialisten, die viel von Hexereien verstehen. Sie sind die einzigen, die die Gegenstände berühren dürfen."

SvetlanaOb sie denn tatsächlich an Hexerei und schwarze Magie glaube? "Ich glaube, dass es Zauberkraft gibt. Hexerei war in Russland sehr weit verbreitet, ähnlich wie in Indien. Noch heute gibt es Menschen, die beispielsweise Wunderheilungen durchführen, die mit herkömmlicher Medizin nicht zu erklären sind." Die Antwort kommt so gerade heraus, dass klar wird, dass ich nicht der einzige bin, der diese Frage jemals gestellt hat.

Neben dem Hexenzimmer befindet sich die Exekutionskammer. Rechts scheinen zwei versteckte Lampen auf eine Truhe mit zwei rostigen Äxten sowie zwei rostigen Eisenzangen mit langen Griffen. Diese Instrumente seien tatsächlich bei Hinrichtungen benutzt worden, versichert Svetlana. Mit den Zangen habe man glühende Kohlen aus dem Feuer geholt und damit die Verurteilten so lange gequält, bis sie gestorben seien. Mit den Äxten wurden die Köpfe und andere Gliedmassen abgeschlagen.

Das Licht der beiden Lampen reicht gerade noch, um die Schemen einer Guillotine noch erkennen zu können. "Die Guillotine wurde, wie Sie wissen, in Frankreich hergestellt, aber in Russland nie benutzt. Der Grund hierfür besteht darin, dass anderswo Henker ihr Opfer in der Regel erst nach dem dritten oder vierten Axthieb getötet haben. Das galt als grausam. Russische Henker waren aber so stark, dass sie mit einem einzigen Hieb das Urteil vollstreckten." Und damit verweist sie auf die beiden rostigen Äxte in der Truhe und fügt noch schnell hinzu: "Die Guillotine ist eine Kopie, die wir selber gebaut haben." Solche Offenheit erhöht natürlich das Vertrauen in Svetlanas Glaubwürdigkeit.

MenschenfleischZum "Museum des Grauens" gehören noch ein Zimmer mit Waffen aus unterschiedlichen historischen Perioden ("Alles Kopien."), eine aufgebahrte Puppe ("Dies war ein Chirurg, der in einem Krankenhaus arbeitete und ohne Narkose Experimente an Patienten durchführte"), ein weiss ausgeschlagener Sarg, in den man sich legen kann ("Manche Menschen sagen, er habe einen Leichengeruch", ergänzt Sventlana mit einem Sie-wissen-ja-wie-die-Menschen-so-sind-Lächeln), einen Baumstumpf ("Wenn man ihn berührt, fühlt man seine Energie") sowie einen Baum, an dem eine Strohpuppe aufgehängt ist ("Dies ist die traditionelle russische Art, jemanden zu hängen. Man bindet dem Opfer ein Gewicht an die Füsse und stösst ihn dann von einem Stuhl herunter. Er wird dann nicht erwürgt, sondern bricht sich den Hals und muss nicht so lange leiden."). Aber der interessanteste Teil ist ein Raum, in dem verschiedene Mordinstrumente ausgestellt sind. "Die Gegenstände, die Sie hier sehen, sind Instrumente, die tatsächlich für einen Mord benutzt worden. Die Taten fanden in einer Periode zwischen den 40er und den 80er Jahren, also während der Sowjetzeit statt."

Der Sammler, der den Grundstock für das Museum zusammengetragen hat, hat sich die Gegenstände aus den Polizei- und Gerichtsarchiven von Tver zusammengetragen. Seine Vorliebe galt den ausgefallenen Stücken. Svetlana erklärt bei jedem Instrument, unter welchen Umständen es zum Einsatz kam.

Eine klobige Holzspindel: "Mit dieser Holzspindel erschlug eine Frau die Geliebte ihres Ehemannes."

MordinstrumenteEin Messer aus einem Essbesteck: "In einem Park hier in der Stadt hatten ein paar Jungen eine Prügelei. Ein Junge wollte weglaufen, aber ein anderer Junge stiess mit dieser Gabel nach ihm und erwischte ihn am Hinterteil. Es klingt komisch, aber der Junge starb später im Krankenhaus, weil die Gabel verschmutzt war."

Eine stumpf-silberne Elektrozange: "Diese Zange wurde dazu benutzt, Zähne zu ziehen. Ein Verrückter zog seinen Opfern die Zähne aus und mit einem Mörser zerstiess er sie zu feinem Pulver und füllte das Pulver dann in ein Glas. Der Mann wurde nie gefasst. Warum er das tat, weiss kein Mensch."

Eine grobgliedrige, schwere Kuhkette: "Die Schuldner eines Mannes zwangen ihn dazu, diese Kette herunter zu schlucken. Der Mann erstickte."

Ein aus Weiden geflochtener Korb: "Ein Verrückter hatte eine Reihe von Menschen getötet und ihnen dann die Hand abgeschlagen. In diesen Korb packte er dann die Hände und ging damit in der Stadt spazieren. Als er gefasst wurde, hat man fünf dieser Körbe bei ihm gefunden."

Beeindruckend an dieser Sammlung ist weniger, wozu man Alltagsgegenstände alles benutzen kann, sondern dass sie überhaupt zu sehen sind. Während der Sowjetzeit wurde die Existenz derartiger Verbrechen vertuscht. Kriminalität galt als Merkmal des dekadenten Kapitalismus. Unter der Herrschaft der Arbeiter und Bauern waren Mord und Totschlag planmässig abgeschafft worden.

Gehängter"Ja" bestätigt Svetlana, "während der Sowjetzeit wurden all diese Dinge verheimlicht. Heute kann man in der jeder Zeitung etwas darüber lesen." Sie lässt offen, welche Variante ihr lieber ist.

Morgen beim Frühstück wird mir die Serviererin des kleinen Buffets im dritten Stock des Hotels erzählen, sie sei eigentlich Computer-Programmiererin in einem Rüstungsbetrieb gewesen, habe die Stelle aber aufgeben. Sie wird mir erklären, dass es keinen bezahlten Stellen in ihrem Beruf in Tver mehr gebe, weil auch die Rüstungsindustrie in der Krise stecke, sie aber nicht anderswo hingehen möchte. Moskau beispielsweise mache ihr Angst und sie sorge sich vor allem um die jungen Leuten. Auf meine Frage, ob sie selber Kinder habe, wird sie stumm nicken und angestrengt lächeln, um die aufkommenden Tränen zu bekämpfen. "Einen Sohn. 21 Jahre. Er ist letztes Jahr gestorben." Und ich werde, wie man das so tut, ohne sich viel Gedanken darüber zu machen, mit was für einer Antwort man rechnen muss, nachfragen: "Unfall?" Und die Serviererin wird dann noch angestrengter Lächeln, weil sich die Tränen kaum mehr im Zaun halten lassen, mir ins Gesicht schauen und den Kopf schütteln. "Nein. Er wurde ermordet. Er schuldete jemandem Geld."

 

Poka.

 

[vorheriger Tag] [Übersicht Wolga] [nächster Tag]

top

 

 

© Martin Ebbing 2001