Ostaschkow / Rjew / Tver - Irrwege


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BusWenn man die Wolga bereist, dann lernt man Russland kennen. Klar, aber ich hatte es mir ein wenig anders vorgestellt.

Der Bus, der mich heute um 6 Uhr 30 von Ostaschkow nach Rjew bringen sollte, fuhr nicht. In Rjew, so hatte ich in einem Reiseführer gelesen, fahren die ersten Schiffe den Strom hinunter. Irgendwo, ich weiss nicht mehr wo, hatte mir zwar jemand erzählt, die Schiffahrt in Rjew sei eingestellt worden, weil das Geld fehle, um die Boote instand zu halten, aber nach einigen Aufenthalten in Russland hatte ich gelernt, dass ich nur den Informationen trauen sollte, die ich auch selbst überprüft hatte.

Warum der Bus nicht fuhr, war nicht ganz klar. Vielleicht hatte ich bei der Auskunft etwas falsch verstanden, vielleicht war der Bus auch einfach nicht erschienen.

Sei es drum. So blieb mir Zeit, mich um einen Internetanschluss zu kümmern. Seit meiner Abfahrt aus Moskau war es mir nicht mehr gelungen, eine Mail nach Deutschland zu schicken. Ich habe zwar einen Provider, aber dieser Provider hat Einwahlpunkte nur in den grossen Städten. Tver und Ostaschkow zählen nicht dazu. Um ins Internet zu gelangen muss ich also direkt Moskau anrufen, um mich dort mit dem Computer zu verbinden. Leider existieren in Tver und Ostaschkow aber nur wenige Telefone, die über einen direkten Anschluss nach Moskau verfügen. Jedenfalls habe ich keines finden können.

Also versuchte ich mein Glück bei der Post in Ostaschkow. Die Frau am Schalter schickte mich in den ersten Stock in ein Büro, in dem fünf Frauen damit beschäftigt waren, allerhand Papierkram zu bewältigen. An einem Schreibtisch knickte eine Frau fein säuberlich eine Falte in einen Stapel Belege und Quittungen und schichtete sie sorgsam entlang dieser Falte zu einem kleinen Paket auf.

Leider könne man mir nicht helfen, schnappte mürrisch eine der fünf Frauen, die eine Brille trug, hinter sich fast ihr gesamtes Gesicht versteckte. Der Kollege, der für so etwas zuständig sei, sei heute nicht da, und zudem gebe es von Ostaschkow aus nur direkte Telefonverbindungen nach Tver, nicht aber nach Moskau.

Bahnhofsplatz RjweNach längerer Zeit in Russland lernt man, solchen Aussagen zu misstrauen. Der müde, unwillige Blick, der gereizte Tonfall signalisieren, dass sich der Amtsschimmel belästigt fühlt und den Störenfried nur abwimmeln will. Also zückte ich meinen Presseausweis und wurde ein wenig energisch. Die Botschaft: ein Journalist in Not bittet nicht, nein, verlangt Hilfe.

Mit einem knappen "Schass" (einen Moment) verschwand die Brille aus dem Raum und nach zwei, drei Minuten kam eine völlig andere Person zurück. Das Brillengestell war zwar immer noch gigantisch, aber dahinter war plötzlich ein Lächeln zu erkennen. Aus einer mürrischen Postangestellten war plötzlich ein hilfsbereiter, freundlicher Mensch geworden, der mit seinen Stöckelschuhen für mich bis ans Ende der Welt gegangen wäre.

Wir mussten aber nur ein Stockwerk höher, wo sich unter dem Dach des Gebäudes die Schaltzentrale des Telefonnetzes von Ostaschkow befindet. In grauen Kästen ratterte und schnarrte es, kleine, froschaugenförmige Lichter blinkten. Staub lag in der Luft.


In einer kleinen Ecke standen eine Reihe von Computern in einem Regal. Auf einem Monitor leuchtete hell und in aller Farbenpracht die Seite einer Suchemaschine aus dem Internet und unter dem streng dreinblickenden Lenin an der Wand waren eine Reihe von Telefonanschlüssen aufgereiht, von denen einer direkt nach Moskau führen sollte. Ich verkniff mir alle Fragen, zumal die Brille strahlte, als habe sie mir gerade die Weihnachtsüberraschung meines Lebens bereitet.

Die Leitung nach Moskau funktionierte tatsächlich - leider aber nicht der Anschluss an meinen Provider. Wenn ich die Nummer mit dem Telefon wählte, meldete sich prompt auf der anderen Seite ein Modem, wenn ich versuchte, mich mit meinem Laptop einzuwählen, erhielt ich ein Besetzzeichen.

Nach zwei Stunden fruchtlosen Probierens nahte der Zeitpunkt der Entscheidung. In einer halben Stunde würde der letzte Bus des Tages Ostaschkow Richtung Rjew verlassen. Ich entschied mich für den Bus.

In Rjew, so hatte ich in einem Reiseführer (3. überarbeitete Auflage 2001) gelesen, sei die Wolga erstmals beschiffbar. Während der Bus an kleinen Dörfern vorbei über eine schier endlos gerade Strasse dreieinhalb Stunden lang schaukelte, träumte ich von einem kleinen Boot, mit dem ich gemütlich den Fluss hinab bis nach Tver oder gar noch weiter tuckern könnte.

Wolga in RjewDas war früher einmal so. Heute, klärte mich eine verdutzte Gruppe Männer auf, die sich auf dem Bahnhofsvorplatz von Rjew die immerwährende Langeweile mit den immer gleichen Gesprächen vertrieb, habe die Wolga nicht mehr genug Wasser. Zudem lohne es sich auch nicht. Das letzte Schiff habe deshalb vor acht Jahren abgelegt.

Der Bahnhofsvorplatz stellt zwar ein eindrucksvolles Monument städtebaulicher Ödnis dar, aber Rjew besitzt einen schmucken, wenn auch etwas abgenutzten kleinen Bahnhof mit Stuckdecken, Kronleuchtern und Säulen. Nur der Fahrkartenschalter ist so eingerichtet, dass man die Person auf der anderen Seite nicht sehen kann, ohne sich weit nach unten zu bücken, um durch einen schmalen Schlitz, durch den Geld gegen Karte getauscht wird, zu spähen. Ich konnte nicht mehr als ein paar Frauenhände mit einem goldenen Hochzeitsring an der Rechten und einem dezenten Bernstein-Ring an der Linken auf einer Schreibtischoberfläche erkennen. Der nächste Zug fahre nach Moskau, teilten mir die Hände bewegungslos mit. Und nach Tver? Nein, nach Tver gebe es keinen Zug. Die Handflächen erhoben sich leicht an den Innenseiten zum Zeichen des Bedauerns. Und wie komme ich dann nach Tver? "Fahren Sie nach Moskau. Von dort gibt es dann eine Verbindung nach Tver." Der rechte Zeigefinger umspielte die Fassung des Bernsteins an der Linken. Sonst gebe es keine Möglichkeit? Beide Hände drehen ihre Handflächen nach oben, was offensichtlich auch in Russland bedeutet "was weiss ich?".

Aber es gab noch einen Bus, den letzten des Tages. Zwanzig Minuten blieben mir Zeit, um noch schnell ein paar Kekse gegen den aufkommenden Hunger zu kaufen. Drei Stunden später war ich wieder in Tver, von wo ich vor zwei Tagen gestartet war.

Heute sass eine Dame mittleren Alters an der Rezeption des Hotels Wolga, der offensichtlich das Missgeschick wiederfahren war, dass der Lockenstab in ihrem platinblond gefärbten Haar Amok gelaufen war. Vielleicht war es auch das schwüle Wetter, das die Millionen kleinen Löckchen zu einem Afro-Look gekringelt hatte.

Kirche am WegArtig bitte ich nicht nur um ein Zimmer sondern auch um eine Registrierung. Nach russischem Gesetz muss jeder Ausländer an seinem jeweiligen Aufenthaltsort spätestens nach drei Tagen bei der Polizei registriert werden. In der Regelt übernimmt dies das Hotel. "Eine Registrierung ist nicht möglich." Die Locken wippten und federten, als die Rezeptionistin den Kopf schüttelte. Und warum nicht? Sie blättert in meinem Pass. "Sie sind schon seit eine Woche in Russland, sind aber noch nicht registriert. Sie hätten sich nach drei Tagen registrieren lassen müssen. Jetzt kann ich das auch nicht mehr machen." Erst freundlich, dann energischer, schliesslich wütend weise ich sie darauf hin, dass ihre Kollegin vor drei Tagen, als noch Zeit war, mich ebenfalls nicht registriert hatte, schimpfte über ihre Bequemlichkeit und polterte, dass ich nun Schwierigkeiten hätte, weil sie zu faul sei. Es half nicht. Auch wenn die Locken luftig und leicht auf ihrem Kopf tanzten, sie blieb hart.

Eine fehlende Registrierung kann äusserst unangenehm werden. Bei der Ausreise kann man festgehalten werden und muss für jeden fehlenden Tag eine saftige Strafe zahlen. Also marschiere ich selbst zur Polizeistation, um das drohende Unheil vielleicht doch noch abzuwenden.

Ein Polizist mit einer grossen Ballonmütze und zwei Sternen auf der Schulter nimmt sich meiner an. Mit strengem Gesicht hört er mir zu, wie ich von meinen Misslichkeiten erzähle. Hmmm, brummt er und entscheidet, ich müsse nach Moskau zurück, um dort die fehlende Registrierung nachtragen zu lassen. Ich zeige ihm meinen Presseausweis, schildere meine Arbeit, die Reise entlang der Wolga, meine Verpflichtungen gegenüber meinen Auftraggebern in Deutschland. Hmmm, brummt er erneut und lässt sich meine Hotelquittungen zeigen. Er blättert, verlangt Erläuterungen, macht ein sehr ernstes Gesicht, brummt erneut und geht dann in ein Nebenzimmer zum Telefonieren.

Nach gut zehn Minuten kommt er zurück und schaut mir fest in die Augen. Hmmmm, brummt er wieder, "das Hotel wird sie registrieren, aber sie müssen morgen früh noch einmal wiederkommen, um ein Protokoll anfertigen zu lassen."

Mit all der Energie, die mir am Ende dieses Tages noch geblieben ist, bedanke ich mich bei ihm und schüttele ihm die Hand.

"Haben Sie ein Auto?"

Ohjehh, neue Schwierigkeiten? Ich verneine.

"Kommen Sie, ich bringe Sie ins Hotel zurück."

Ein netter Mensch.

 

Poka.

 

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© Martin Ebbing 2001