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In
manchen Angelegenheiten bin ich ein wenig pedantisch. Wenn ich einen Fluss
von Anfang bis Ende entlangfahren will, dann soll es auch wirklich der
Anfang sein.
Wo fängt die Wolga an? Die nicht gerade üppige deutschsprachige Literatur, die ich dazu gefunden haben, schweigt sich aus unverständlichen Gründen darüber aus. Überhaupt sind die Informationen seltsam unpräzise. Mal ist der "längste Fluss Europas" 3007, mal 3680 Kilometer lang. Bei einer solchen Länge scheint es nicht so genau darauf anzukommen. Mehr als 200 "große (!) Nebenflüsse" und "über 150.000 Zuflüsse". Die Wolga versteht es, Eindruck zu schinden. Es soll mir recht sein, aber Informationen über die ersten paar Meter sind nicht zu finden.
Auch die Suche auf der Landkarte ist nicht so einfach. Verfolgt man die blaue Linie rückwärts verliert man sich in einem Gewirr von Seen und Flüssen. An der einen Stelle fliesst die Wolga heraus, aber wo fliesst sie hinein? Etwa auf der Hälfte der Luftlinie zwischen Moskau und St. Petersburg verliert sich auf meiner Karte ein kleines blaues Band in eine Ansammlung von kleinen, schmalen Seen, die die Eiszeit dort mit zittriger Hand hinein geschürft hat. Dann ward die Wolga nicht mehr gesehen.
Obwohl "Mütterchen Russland" auch in Moskau einen verklärten Glanz in den Augen hervorruft, scheint die Antwort auf die einfache Frage "wo liegt die Quelle der Wolga?" in der mystischen Verehrung dieses Flusses irgendwo verloren gegangen zu sein.
Aber
es gibt ja Andrey, die geduldige Seele, die mir bei den Behördengängen,
der Organisation von Internetanschlüssen, Handynummern, Fahrplänen
und was sonst so zu den Höhepunkten des Lebens eines reisenden Journalisten
gehört, unterstützt. Mit einem feinen Lächeln überreichte
er mir einen blassgrauen Ausdruck einer Karte aus dem Internet. Die Wolga,
so ist dunkelgrau auf hellgrau zu sehen, beginnt in dem Örtchen Wolgowerchowe.
Länge ist für einen Reisenden relativ. 10 Kilometer zu Fuss sind anstrengender als 1000 Kilometer mit dem Flugzeug. Von Moskau bis nach Wolgowerchowe sind es knapp 500 Kilometer. Den ersten Abschnitt fahre ich mit der Eisenbahn. Abfahrt 18 Uhr 25 am Leningrader Bahnhof Richtung St. Petersburg. Ankunft 20 Uhr 35 in Tver.
Tver
ist ein Städtchen mit einer breiten Allee, die vom Bahnhof Richtung
Wolga zur Innenstadt führt, die grässlich lang werden kann,
wenn man mit einem schweren Rücksack und einer schweren Tasche zu
Fuss das Hotel (Hotel "Wolga" !) zu erreichen versucht. Tver,
so der Reiseführer, wurde Anfang des 12. Jahrhunderts gegründet
und war einstmals Hauptstadt eines gleichnamigen Fürstentums. Im
Laufe der Jahrhunderte wurde die Stadt mehrfach erobert, geplündert
und geschliffen, und Opfer von Feuersbrünsten. Die Zaren machten
hier auf ihrer Reise von St. Petersburg nach Moskau Station. Katharina
II. soll gesagt haben, "die Stadt Tver ist nach St. Petersburg die
schönste Stadt des Reiches." Von dieser Pracht war bei Einbruch
der Dunkelheit nichts zu sehen. Es reichte gerade noch für einen
ersten Blick auf die Wolga, die dunkel und leer dahin floss.
Gestern brachte mich der Bus die 175 Kilometer nach Ostaschkow am Seliger See. Viereinhalb Stunden lang schaukelte und schnaubte der altersschwache Ikarus auf schnurgeraden Strassen durch eine flache Landschaft unter einem weiten, blauen Himmel. Draussen zogen Nadelwälder, Birken und Weiden vorbei, die gelegentlich den Blick auf ein silbern schimmerndes Stückchen Wasser freigaben. Hinten im Bus lärmte eine Gruppe angetrunkener Jugendlicher, aus deren Rucksäcken Angeln hervorguckten. Die alte Dame auf meinem Nebensitz hielt ihre Tasche fest auf ihren Knien und blickte wie festgeschraubt aus dem Fenster. Ich bot ihr ein Stück Schokolade an, das sie zögerlich und mit einem scheen Lächeln annahm. Das Verpackungspapier faltete sie ordentlich zusammen und steckte es in ihre Handtasche. Auch beim zweiten Stück zögerte sie, bedankte sich dann mit vielen "Spassiba", "Spassiba", "Spassiba" und einem noch scheueren Lächeln und steckte die Schokolade ungegessen ebenfalls in ihre Tasche.
Ostaschkow
ist ein malerischer kleiner Fleck aus der Vergangenheit. Geduckte Holzhäuser,
von der Witterung grau geätzt, stehen unter mächtigen Bäumen.
Hinter den Häusern liegen verwilderte Gärten, aus denen Apfelbäume
und in der Ferne die Spitzen der Kirchen eines verfallenen Klosters hervorragen.
Frauen schrubben Wäsche per Hand im See, weisse Passagierdampfer
tuckern über den See.
Ostaschkow ist das Zentrum eines Feriengebietes entlang des Seliger Sees. Vom Busbahnhof aus verstreuten sich die Reisenden mit den Rucksäcken und den Koffern in alle Richtungen. Nein, sagte die Frau am Schalter, der nächste Bus nach Wolgowerchowe fährt erst morgen wieder um 6 Uhr 30.
Also mietete ich mir eine der kleinen Ferienwohnungen am See für die Nacht und unternahm einen Spaziergang. Auf einer Bank sass Nikolai, schaute auf die rostigen Boote, die am Ufer lagen und schien nur auf den nächstbesten Fremden gewartet zu haben, mit der er sich unterhalten konnte. Etwas verlegen versteckte er seinen rechten Arm, dem die Hand fehlte, hinter seinem Rücken und streckte mir die Linke entgegen. Aus Deutschland komme ich? Ja, es kämen immer noch viele Touristen an den Seliger See, aber ganz selten Deutsche. Ja, es werden immer noch Fische im See gefangen, vor allem Aal, der in der Region berühmt sei. So, ich habe vor, die gesamte Wolga entlangzufahren. Wunderbar! Die Wolga sei für ihn ein Sinnbild des Lebens, die Seele Russlands. Ob er Lieder über die Wolga kenne? Aber natürlich! Er sei doch Russe! Ob er ein Lied für mich singen könne? Nein, nein, lacht er. Er sei kein guter Sänger.
Der
Bus heute morgen um 6 Uhr 30 war zu früh für mich. Ich hatte
gestern abend zu lange am See gesessen und über ein, zwei Flaschen
Bier darüber nachgedacht, ob ich es begrüssen oder bedauern
sollte, dass die mangelnde wirtschaftliche Entwicklung den See von lärmenden
Cafes, Pommes Buden und Souvenirständen bislang verschont hat. Als
ich weit nach Mitternacht ins Bett ging, war am Horizont immer noch ein
schmaler roter Lichtschein der Abendröte zu sehen.
Also fahre ich für 500 Rubel die restlichen 72 Kilometer mit einem Taxi nach Wolgowerchowe. Etwa auf der Hälfte der Strecke biegen wir von der asphaltierten Strasse auf einen Schotterweg durch einen Wald ab. Der Ort selbst ist nicht mehr als eine Ansammlung von ein paar ärmlichen Holzhäusern auf einem kleinen baumlosen Hügel samt einer Backsteinkirche, deren Eingänge von schweren Stahltüren verschlossen sind. Sein wohlgehütetes Geheimnis liegt am Fusse dieses Hügels. Eine Holztreppe führt zu einem kleinen Gewässer hinunter. Ein neugebauter Steg endet an einem mit einem Kreuz geschmückten Häuschen, an dem ein Schild davon verkündet, dass Patriarch Alexander II., das Oberhaupt der russisch-orthodoxen Kirche, hier gewesen sei. Ihm zu Ehren scheint man diese Hütte gebaut zu haben, deren Tür verschlossen ist, aber durch die Fenster kann man in das Innere des schmucklosen Raumes sehen, in dessen Miete sich wiederum eine kreisrunde Öffnung befindet, die den Blick auf das darunter liegende Wasser ermöglicht.
An
ihrem Ursprung ist die Wolga nichts anderes als ein von Gräsern und
Schilf umstandener Tümpel, auf dem ein wenig Grünzeug schwimmt
und sich ein paar farbenprächtige Libellen tummeln. Aber was hätte
ich anders erwarten sollen? Die Seele Russlands persönlich? Dass
es sich um eben diese trotz der Schalheit des Tümpels handelt, verkündet
eine von zwei Tafeln. "Hier ist der Ort, wo die Sauberkeit und majestätische
Grösse Russlands beginnt." ist für alle Ewigkeit in den
Stein gemeisselt. "Hier ist die Quelle der Seele des Volkes."
Die zweite Tafel ist für den weniger zum Pathos neigenden Leser bestimmt und informiert schlicht darüber, durch welche Seen die Wolga fliesst und dass sie eine Länge von 3690 Kilometern besitze.
Ich
habe eine leere Wodkaflasche mitgebracht und will sie als Flaschenpost
aussetzen. Als Nachricht, die transportiert werden soll, ist mir nichts
besseres als meine eigene Visitenkarten eingefallen. 228 Meter über
dem Meeresspiegel liegt die Quelle. Rechnet man noch die 17 Meter hinzu,
die das Kaspische Meer unter dem Meeresspiegel liegt, würde ein Gefälle
von 245 Metern auf 3690 Kilometer meiner Flaschenpost die notwendige Fahrt
verleihen. Früher, so ist aus der selben Literatur zu erfahren, die
sich nicht über die Länge einigen kann und keine Auskunft über
den Ursprung gibt, wäre diese Reise in gut 40 Tagen zu schaffen gewesen.
Nachdem der Fluss an vielen Stellen aber zur Energiegewinnung gestaut
und ein ausgreifendes Kanalsystem gegraben wurde, benötigt ein Wassertropfen
von der Quelle bis zur Mündung knapp anderthalb Jahre.
Die Chancen stehen damit nicht allzu schlecht, dass ich noch vor meiner Flasche Astrachan am Kaspischen Meer erreichen werde.
Poka.
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