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Nüchtern betrachtet ist die Wolga mit einer Länge von etwa 3.600 Kilometern der längste Fluss Europas. Er besitzt etwa 200 Zuflüsse, sein Einzugsgebiet umfasst 151.000 Flüsse, Bäche und zeitweilige Wasserläufe. Historisch ist die Wolga eine Wasserstrasse, die den Norden und Westen Europas mit dem Kaspischen Meer und Zentralasien verbindet. Als eine natürliche Barriere schützte er die christliche Zivilisation vor den heranrückenden Völkern aus dem Osten. Die Rus nutzten ihn als Verkehrsader, um die anliegenden Gebiete zu erobern. Der Transport von Pelzen, Holz und Mineralien brachte den Siedlern Wohlstand. Städte entstanden, Kirchen und Klöster wurden gebaut. Die russisch-orthodoxe Kirche verfolgt noch heute ihre historischen Wurzeln an die Wolga zurück und erst der Zugang zur Wolga ermöglichte den Aufstieg Moskaus und des russischen Reiches. An der Wolga wurde Lenin geboren und er zog sich zum Sterben an den Fluss zurück. Während der Sowjetzeit wurden Industriebetriebe, Auto- und Flugzeugwerke an der Wolga gebaut. Die Wehrmacht erlebte in Stalingrad die entscheidende Niederlage, die zur Wende im Zweiten Weltkrieg führte. Der Regimekritiker Andrej Sacharow wurde an die Wolga verbannt. Aber niemand betrachtet die Wolga nüchtern. Der mächtige Strom ist zu einem Mythos, zur "Seele Russlands" geworden. "Mütterchen Wolga" wird in zahllosen Liedern besungen und in Gedichten beschreiben. Der Fluss wird als eine mütterlich-nährende Lebensader verherrlicht und gleichzeitig als unbeherrschbar und zügellos beschworen - ganz so, wie man sich die "russische Volksseele" vorstellt und sie sich selbst auch gerne präsentiert. Mit Sicherheit ist die Wolga eine Linie, an der sich Geschichte wie Gegenwart Russlands aufspüren lassen. Alte Klöster reihen sich an stillgelegte Industriebetriebe, vom Geburtsort Lenins ist es nicht weit bis zu den Siedlungen, die Deutsche gegründet haben, als sie auf Einladung von Katharina II. nach Russland kamen. Und selbstverständlich wird auch der Kapitän des Wolgadampfers etwas zu erzählen haben.
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© martin ebbing 2001