Sittenstrenger

17. March 2008 - 19:25

Die iranischen Zensoren finden zunehmend nicht nur Missfallen an politisch aufmüpfigen Publikationen, sondern nun wollen sie auch strenger auf die guten Sitten achten.

Ende Januar wurde das Frauenmagazin Zanan mit der Begründung verboten, es veröffentliche „moralisch fragwürdige Informationen“ und „schädige die moralische Gesundheit“ seiner Leserinnen. Seit gestern dürfen nun auch neun Magazine nicht mehr erscheinen, die sich im wesentlichen mit Lifestyle, ausländischen Filmstars, Lebenshilfe und ein wenig Klatsch & Tratsch beschäftigen.

Auch im Iran haben Brad Pitt und Drew Barrymore Verehrer und schmachtende Fans.

Begründung für die Schließung: „Nutzung von Fotos von Künstlern, besonders von korrupten ausländischen Filmstars, um Erregung zu wecken, Veröffentlichung von Einzelheiten aus ihrem dekadenten Privatleben, Werbung für nicht genehmigte Arzneimittel, Verbreitung von Aberglauben.“

Einige der Zeitschriften veröffentlichen auch Horoskope und Werbung für Potenz stärkende Mittel.

Gleichzeitig wurden 13 weitere Publikationen verwarnt, in Zukunft die Vorschriften des Pressegesetzes einzuhalten.

Gemeinhin lassen repressive Regimes ihren Untertanen zumindest den Ausweg in die private Flucht. Im Iran herrscht da eine totalitärere Sicht.

Vertrauen

5. February 2008 - 21:34

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Es kommt immer wieder mal vor, dass mich Kollegen (und natürlich auch Kolleginnen) um Hilfe bitten. Sie wollen in den Iran kommen, eine Geschichte realisieren und haben Schwierigkeiten mit dem Visum, der Drehgenehmigung und kennen sich mit den Irrungen und Wirrungen der iranischen Bürokratie nicht aus oder sie suchen schlicht nach einem zuverlässigen Dolmetscher.

In der Regel helfe ich. Zum einen will ich natürlich nicht als unkollegial gelten, und zum anderen bin ich selbst oft auf die Hilfe anderer angewiesen.

Ab heute werde ich das nicht mehr tun.

Heute Vormittag rief mich eine iranische Freundin an, um mich zu fragen, ob ich Maik Grossekathöfer kenne.

„Sollte ich?“

„Er ist ein deutscher Kollege von dir.“

Grossekathöfer ist Redakteur des SPIEGELs. Mitte Januar hat er eine Geschichte über zwei weibliche Rennfahrerinnen im Iran geschrieben (die beiden Texte gibt es kostenlos online nur auf Englisch. Die deutsche Fassung ist nur für 50 Cent zu haben). Nichts ungewöhnliches. Z hat vor rund drei Jahren Laleh Seddigh bei ihrem ersten Rennen fotografiert. Die Bilder machten die Runde in einigen iranischen Zeitungen, dann hat AFP eine Geschichte über Laleh gemacht und seither wurde unzählige Male über sie geschrieben.

Grossekathöfer schreibt aber mehr, als seine Vorgänger gewöhnlich so geschrieben haben.

She goes to a party that evening, wearing brown, skin-tight trousers, black leather boots and a black top. Of the 40 or so guests, more than half are women. None of them is wearing a headscarf.

There is dancing and necking. A text message makes the rounds: “Why does Ahmadinejad wear his hair parted on the side? So that he can separate the male lice from the female lice.”

Vatankhah chain-smokes Winstons and eats potato salad with pine nuts. She drinks shots of vodka from bottles smuggled into the country. There are five bottles of Smirnoff — at $30 a bottle on the black market. Isn’t she worried about the police?

“That’s not a problem. If they show up we’ll buy our way out of it. Each of us pays $80 to make the problem go away.”

She takes a taxi home at 2 a.m. She’s tipsy.

Zohreh Vatankhah ist die zweite professionelle Rennfahrerin im Iran. Sie hat hart, sehr hart dafür gearbeitet, eine Lizenz zu erhalten und an Rennen teilnehmen zu können. Mit den Rennen ist es jetzt vorbei.

Nach Erscheinen der Artikel wurde sie von einer einschlägigen Behörde einbestellt. Sie kann froh sein, dass sie mit einer Ermahnung davon gekommen ist. Ihre Rennlizenz wurde ihr sofort entzogen. Sie wird für sehr lange Zeit keine Rennen mehr im Iran fahren können. Bleibt zu hoffen, dass nicht noch Schlimmeres kommt.

Jeder Journalist, der in den Iran kommt, sollte um die Tabus und Verbote in diesem Land wissen. Alkohol trinken ist verboten. Außerhalb der eigenen vier Wände in der Anwesenheit von Männern ohne Kopftuch aufzutreten ist verboten. Hautenge Hosen dito. Schwarzes Top dito. Tanzen mit Männern, mit denen man nicht verwandt ist, ist erst recht verboten. Wer dabei erwischt wird, muss mit Strafe rechnen.

Den vollen Namen einer iranischen Frau zu schreiben, die auf einer Party mit enger Hose, schwarzem Top und ohne Kopftuch mit Männern tanzt und Alkohol trinkt ist entweder bösartig oder strafbar fahrlässig – wobei in diesem Fall nicht der Schreiber sondern die Beschriebene die Strafe erhält.

Ich kenne Maik Grossekathöfer nicht persönlich und war auch in keiner Weise an dieser Geschichte beteiligt. Ich weiß nicht, was für ein Mensch er ist, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass er eine gute Erklärung dafür besitzt, warum er diese Passage über Zohreh veröffentlicht hat.

Ich kenne aber Olivia. Vor zwei Tagen stieß ich durch Zufall auf eine Webseite einer britischen Zeitung. Es war ein Portrait von Olivia, das mit ihren jüngsten Bildern aus dem Iran illustriert wurde (aus verständlichen Gründen kein Link und keine vollen Namen). Die Bilder zeigten H. in ihrem Zimmer – ohne Kopftuch. Auch das ist verboten. In der Bildunterschrift wurde Hs Name genannt.

Eine Bekannte, die ebenfalls Olivia kennt, erzählte, dass gerade in diesen Tagen ein Buch mit den Arbeiten junger Fotografinnen an die Redaktionen großer Magazine weltweit verschickt wird, in dem auf einem Foto von Olivia H gemeinsam mit ihrem Freund auf einem Hotelbett liegt. Dieses Foto wird den Magazinen zum Abdruck angeboten.

Olivia ist eine junge Fotografin mit einer steilen Karriere. Sie kam letzten Herbst nach Teheran, um eine Geschichte über das Privatleben von Iranerinnen zu fotografieren. Eine schöne Idee, an der allerdings schon viele gescheitert sind, weil das Privatleben eben außerhalb der Öffentlichkeit stattfindet und dort Dinge geschehen, die öffentlich verboten sind. Die Sittenwächter im Iran achten streng darauf, dass diese Grenzen eingehalten werden. Ohne Kopftuch zuhause ist okay, solange kein fremder Mann da ist. Ohne Kopftuch in der Öffentlichkeit niemals. Ohne Kopftuch auf einem Foto, das sich fremde Männer anschauen können. Ebenfalls niemals (wenn man nicht wie Shirin Ebadi einen Nobelpreis besitzt)

Es gab lange Gespräche mit Olivia, was man trotzdem machen kann und auf was sie zu achten hat. Nach Möglichkeit keine Gesichter. Auf keinen Fall Namen. Die Dargestellten dürfen nicht von den Sittenwächtern identifiziert werden können.

Olivia suchte nach jungen Frauen, die sie gern in ihrem Privatleben aufnehmen wollte. Z half ihr und machte sie mit H bekannt. H ist eine Freundin einer Cousine von Z. Erst war H ein wenig unsicher, aber vertraute dann Zs Versicherung, dass sie sich keine Sorgen machen müsse.

Noch etwas: als professionelle Fotografin hätte Olivia ein offizielles Journalistenvisum für die Einreise in den Iran beantragen müssen. Weil dies nicht so einfach ist, kam sie auf einem Touristenvisum. Sie wohnte bei einer befreundeten Fotografin. Der Name dieser Freundin wird von ihr in diesem Artikel ebenfalls erwähnt. Es ist zwar nur der Vorname, aber es gibt in Teheran keine professionelle iranische Fotografin mit dem selben Vornamen.

Olivia wird sich nicht damit heraus reden können, sie habe es nicht besser gewusst. Sie kannte die Regeln. Um ihre Bilder veröffentlichen zu können, hat sie es einfach ignoriert, dass sie Menschen, die ihr geholfen haben, in Schwierigkeiten bringen könnte.

Diese beiden Fälle sind nicht die einzigen dieser Art. Es gab andere in der Vergangenheit und es mag Zufall sein, dass dies nun zweimal in so kurzer Zeit geschehen ist.

Mir macht es aber klar, dass es mehr „Kollegen“ gibt, als ich zu glauben bereit war, die allein ihre eigenen Interessen im Auge haben und es in Kauf nehmen, wenn andere dadurch in Schwierigkeiten geraten.

Und da man es ihnen nicht an der Nasenspitze ansehen kann: bitte keine Anfragen um „kollegiale Hilfe“ mehr. Die Antwort lautet – wenn es nicht Freunde sind – grundsätzlich Nein.

Kein Vertrauen.

Tilgner

30. January 2008 - 19:30

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Ulrich Tilgner ist ein Kollege mit einem Büro hier in Teheran. Wir kennen uns und wenn wir uns zufällig treffen, grüßen wir uns und tauschen ein paar unverbindliche Worte.

Gestern war bereits in zwei Berliner Zeitungen (hier und hier) zu lesen, dass Tilgner keine Lust mehr hat, seinen Vertrag mit dem ZDF, für das er aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan berichtet, zu verlängern. In der Süddeutschen von heute ist mehr zu erfahren.

Was der Nahost-Korrespondent des ZDF in dem Buchbeitrag nicht beschrieb, war der alltägliche Kleinkrieg mit der Redaktion, mit den Besserwissern, den Neunmalklugen, die ignorieren, dass in Teheran die Uhr zweieinhalb Stunden weiter und alles Behördliche geschlossen ist, wenn sie um 15.30 Uhr nach der Konferenz einen Beitrag bestellen. (SZ)

Bei Ihnen auch, Kollege Tilgner?

Mit mal größerer, mal geringerer Resignation habe ich mich mehr oder weniger damit abgefunden, dass die Kollegen in den Zentralen oft wenig Verständnis für die Arbeitsbedingungen vor Ort haben. Es gibt Ausnahmen, aber Ausnahmen sind halt nicht die Regel. Unkenntnis ist ja verzeihlich, aber weniger verständlich ist, dass sie nicht selten auf ihrer Ignoranz beharren.

Bis heute ist es mir ein Rätsel, warum in vielen Redaktionen nicht die entsprechenden Posten an Kollegen vergeben werden, die selbst mal in der Region gearbeitet haben.

Ebenso rätselhaft erscheint mir, warum Mitglieder der Redaktion sich nicht des öfteren mal die Mühe machen, in den Iran, in den Irak oder auch nach Afghanistan zu fahren, um sich mit der Situation dort ein wenig vertrauter zu machen. Ein bisschen mehr zu wissen, kann ja auch bei der Themenauswahl nicht schaden.

Okay. So ganz rätselhaft ist es mir auch wieder nicht, aber wo ich schon von Themenauswahl rede:

[E]s geht auch um Grundsätzliches: Tilgner missfällt die ganze Richtung. Er findet vieles, was über den Schirm kommt, zu boulevardesk, und seit die deutsche Freiheit angeblich am Hindukusch verteidigt wird, auch zu regierungsfromm.

„Boulevardesk“? Hmmm.

Heimatredaktionen bestellen das, was ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Aus dem Irak wollen sie Tote, aus dem Iran Mullahs und aus Afghanistan – das wissen sie selber nicht so genau, weil die Kenntnisse von dem Land sehr beschränkt sind.

Der Reporter vor Ort ist meist das ausführende Organ dieser Vorstellungen. Seine eigenen Kenntnisse werden gern ignoriert, wenn sie den Erwartungen aus der Zentrale entgegen stehen. Aus Berlin, Köln oder München erscheint es eine ausgemachte Sache, dass „die Mullahs“ („Ach, Ahmadinejad ist kein Mullah? Wie konnte er denn dann Präsident werden?“) an einer Atombombe basteln. Klar scheint von dort aus auch, dass Karzai ein netter Kerl ist, der ganz Afghanistan in eine blühende westliche Demokratie verwandeln würde, wenn die bösen fanatischen Taliban ihn nur lassen würden. – „Wie, Sie sagen, die Korruption ist eines der größten Probleme in Afghanistan? Da müssen wir erst noch mal in der Konferenz drüber entscheiden.“

Tilgner nennt das „regierungsfromm“. Ich würde eher davon sprechen, dass Redaktionen nicht selten Opfer der selbst mitgeschaffenen Klischees werden.

Einen ständigen Punkt der Verärgerung teile ich aber mit ihm.

Tilgner tut sich erkennbar schwer mit jenen ZDF-Leuten, die nah am Berliner Regierungsbetrieb sind und dann mit dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Kabul fliegen und berichten. “Die Berliner”, sagt er gern, und das klingt gar nicht nett. Nah dran, doch ohne Durchblick, heißt das übersetzt.

Zu meinem Ärger besetzen diese eingeflogenen Kollegen, die nicht unbedingt aus Berlin kommen müssen, dann die Themen. „Versagen der deutschen Polizeiausbildung? Da war erst kürzlich ein Kollege da.“ Ja, zwei Tage lang, wobei er nicht mehr gesehen hat, als das aufpolierte Bild, das auch dem Minister präsentiert wurde.

Ungewöhnlich an der Tilgner Geschichte ist, dass er seine Unzufriedenheit in die Öffentlichkeit trägt. In der Medienwelt, die sonst so sehr auf Transparenz dringt, gilt die eiserne Regel, schmutzige Wäsche wird intern gewaschen. Öffentlich-rechtliche Anstalten geben sich da besonders mimosenhaft.

Zum Teil hat die Politik, Kontroversen in den eigenen Reihen zu klären, seine Berechtigung. Nicht selten geht mir aber die Frage durch den Kopf, wie Zuschauer / Zuhörer / Leser den Bericht wohl beurteilen würden, den sie gerade sehen / hören / lesen, wenn sie wüssten, dass der Autor beispielsweise statt in Teheran in Istanbul sitzt und nur das wiedergibt, was andere schon vor ihm geschrieben haben.

Tilgner grummelt laut und öffentlich. Dafür sei ihm Dank.

Zanan

29. January 2008 - 11:28

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Gestern erhielt Shahla Sherkat die Mitteilung der „Kommission für die Autorisierung und Überwachung der Presse“ (ja, das gibt es im Iran), dass ihre Erlaubnis zur Herausgabe des Frauenmagazins Zanan bis auf weiteres suspendiert ist.

Zanan ist das ältest und eindeutig beste Frauenmagazin im Iran. Es erscheint seit 16 Jahren und hat sich eine ganze Fülle von Meriten dadurch erworben, dass es sich vieler Themen angenommen hat, sie vorher tabuisiert waren. So wurde über das Scheidungsrecht, Gewalt in der Ehe und Prostitution ebenso geschrieben wie über Frauen im Gefängnis und Gesundheitsfragen.

Die Kommission begründete ihre Entscheidung damit, Zanan zeichne ein „düsteres Bild der Islamischen Republik“, „schädige die mentale Gesundheit der Leser“ und „veröffentliche moralisch fragwürdige Informationen“.

Sherkat will gegen die Entscheidung rechtlich vorgehen.

Robert

7. January 2008 - 14:47

Ein weiterer westlicher Kollege hat den Iran verlassen. Genauer: er hat das Land verlassen müssen, denn die iranischen Behörden verweigerten ihm die Verlängerung seiner Aufenthaltsgenehmigung.

Der Guardian, für den Robert Tait in Teheran gearbeitet hat, hat es schon am vergangenen Freitag auf den eigenen Seiten gemeldet. Heute nun hat die Zeitung die Geschichte veröffentlicht, die man als eine Art öffentlicher Abschied schreibt, wenn man ein Land unfreiwillig verlassen muss. Ein persönlicher Abschied, in dem sich Bitterkeit und Sentimentalität miteinander verbinden.

Robert ist in kürzester Zeit der vierte westliche Kollege geworden, der gegangen ist resp. gehen musste.

Im Frühjahr letzten Jahres wechselte die französische Kollegin und Freundin Delphine Minoui von Teheran nach Beirut, nachdem ihr über Monate hinweg die Arbeitserlaubnis mal entzogen und dann wieder zurückgegeben wurde und sich schliesslich abzeichnete, dassman sie imIran nicht mehr arbeiten lassen will.

Im Juli musste Angus McDowell, der u.a. für den britischen Independent schrieb, dasLand verlassen, nachdem sein routinemässiger Antrag auf Verlängerung seiner Aufenthaltserlaubnis abgelehnt wurde. Eine offizielle Begründung gab es (wie in Roberts Fall) nicht, aber eine Rolle spielte dabei wohl der Umstand, dass er auf einem Wochenendausflug unbeabsichtigt in militärisches Sperrgebiet geraten war. Er war von einem iranischen Richter zwar von jedem Fehlverhalten freigesprochen worden, aber für die iranischen Sicherheitsbehörden kann niemand unschuldig sein, wenn er britischer Staatsangehöriger ist.

Nach Angus folgte im August die zweite wichtige Stütze unserer Fussballmannschaft, Gareth Smyth, der für die Financial Times schrieb. Er wurde von seiner Zeitung zurück gerufen, aber die iranischen Behörden hatten klar gemacht, dass auch seine Aufenthaltserlaubnis nicht verlängert werden würde. Gareth und Angus waren zusammen unterwegs gewesen, als sie versehentlich in das militärische Sperrgebiet gerieten.

Als einiziger britischer Journalist ist nun nur noch Jon Lyle von der BBC übrig geblieben. Vielleicht weil die BBC doch zu groß und mächtig ist, um sich mit ihr anzulegen, vielleicht auch, weil das Regime glaubt, nicht ganz darauf verzichten zu können, via BBC den eigenen Standpunkt in der Welt zu verbreiten.

Insgesamt dürften wir noch weniger als ein Dutzend westlicher Journalisten sein, die permanent im Iran arbeiten und leben. Tendenz stark fallend. Keiner von uns kann sich wohl ganz von dem Gedanken frei machen, er könnte der nächste sein, der seine Sachen packen muss. Niemand macht langfristige Pläne. Wir leben von Aufenthaltsverlängerung zu Aufenthaltsverlängerung. Meine steht am 9. September dieses Jahres zur Verlängerung an.

Robert schreibt in seinem heutigen Abschied vom Iran

The austere image fostered by the Islamic authorities is very different from the Iran I know. Far from being the religious monolith projected by the regime, it will be forever associated in my mind with glorious food, dancing, dramatic landscapes, dazzling mosques and stunningly beautiful women.

Er findet neben Kritik sogar ein paar freundliche Worte für Präsident Ahmadinejad.

[I]t would be wrong to conclude from all this that Ahamdinejad is mad or evil. As the reformist politician Saeed Hajarian explained to me months ago, the president’s beliefs and governing style are rooted deep within the traditions of Iranian society. Those traditions are religious and rural in origin. They are held dear by millions of Iranians who, like Ahmadinejad’s family, migrated from remote villages to the cities amid a great wave of social and economic change during the reign of the last shah. At their core is a fear of many aspects of the modern world that are taken for granted in the west.

Wie fast alle westlichen Journalisten, die die Chance hatten, das Land näher kennenzulernen, hatte auch Robert eine Nähe und Zuneigung zum Iran entwickelt – trotz all der Dinge, für die das herrschende Regime verantwortlich zeichnet. Er geriet sogar (wie die meisten von uns) in die unkomfortable Position, den Iran vor seinen Kritikern manchmal verteidigen zu müssen und gleichzeitig von der Führung des Landes ständig als Spion oder zumindest als „Agent des feindlichen Auslandes“ verdächtigt zu werden.

Robert hat immer wieder Ausreden gefunden, sich nicht unserem stark dezimierten Fussballteam anzuschliessen. Dieses Fehlverhalten wurde aber durch Einladungen in seine Wohnung im Norden der Stadt mehr als kompensiert, von deren Balkon aus man über die ganze nächtlich erleuchtete Stadt man blicken konnte.

Ich mag Roberts trockenen Humor und die quirlige Lebensfreude von Nousheen, die mit ihm den Iran verlassen hat.

Irgendwie, ganz tief im Inneren, glaube ich, dass wir uns alle, Delphine, Angus und Gareth incl, in Teheran wiedertreffen werden.

 

Nachtrag 08.01: Die staatliche iranische Nachrichtenagentur IRNA meldete heute:

Iran has criticised a leading British newspaper for claiming that its correspondent was expelled from the country without explanation.

“Robert Tait’s case was not expulsion,” the press section of the Iranian Embassy in London emphaisized [sic] in a letter to the Guardian newspaper.

Wer selbst im Glashaus sitzt, sollte vielleicht mit dem Vorwurf vorsichtig sein, andere würden nicht korrekt berichten.