Bürokratie

29. November 2007 - 15:00

Einer dieser Anrufe am frühen Morgen, die einem das Weiterschlafen verderben können.

Fardin muss noch im Morgengrauen zur iranischen Botschaft in Kabul gegangen sein, um dort sein Visum abzuholen. Wir haben ihn zu einer Ausstellung seiner Photos im Künstlerhaus in Teheran eingeladen. Die Ausstellung soll am Samstag um 17 Uhr eröffnen. Morgen ist Freitag = die iranische Botschaft in Kabul wird geschlossen sein. Heute ist die letzte Chance, dass Fardin sein Visum bekommt.

Es muss schon rund sechs Wochen her sein, als Golrokh und ich bei der afghanischen Botschaft in Teheran mit der Bitte um Unterstützung vorstellig wurden. Freundlicher Empfang, freundliche Worte und irgendwie auch eine Zusage. Aber der Einfluss eines stellvertretenden Kulturattaches, auch wenn sie in Teheran studiert hat und einen durchsetzungsfähigen Eindruck macht, ist begrenzt. Zum einen sehen die Vorschriften des eigenen Hauses vor, dass sie eine Genehmigung aus Kabul benötigt, wenn sie einen Bleistift anspitzen will, und Antrag wie Genehmigung werden jeweils mit einem Express-Esel ausgetauscht. Zum anderen ist der Iran gerade im Begriff, so viele wie mögliche afghanische Flüchtinge aus dem Land zu werfen. Da schaut man sich natürlich sehr genau an, welchen Afghanen man noch ins Land lassen will.

Vor gut zwei Wochen lehnte die iranische Botschaft in Kabul Fardins Visumsantrag ab. Oder auch nicht. Zumindest sah es so aus. So ganz klar war es nicht. Klar war nur, dass Fardin kein Visum hatte.

Golrokh bemühte sich parallel darum, jemanden im iranischen Außenministerium hier in Teheran zu finden, der für Visa für Afghanen zuständig war. Letzte Woche dann die Erfolgsmeldung. Wenn wir nur noch drei, vier Schreiben beibringen, dann könnte Fardin innerhalb weniger Tage ein Visum bekommen. Großartig!

Und tatsächlich: am vergangenen Dienstag teilte uns das Außenministerium den entscheidenden Code mit. 721/2430. Dies ist die Nummer des Telex, mit dem der Antrag auf ein 10tägiges Visum genehmigt wurde. Einen Tag später, also gestern, sollte sich Fardin den Stempel im Pass abholen.

Fardin war gestern zwei oder dreimal in der iranischen Botschaft. Kein Telex. Kein Visum. Der Express-Esel war wohl noch unterwegs.

Und dann der Anruf heute am frühen Morgen. Auch heute weder Telex und (folgerichtig) kein Visum. „Martin, kannst du etwas tun?“

Soweit das übliche Klagelied über Bürokratie, die nach meiner Einschätzung im Mittleren Osten wenn nicht erfunden dann doch zumindest perfektioniert worden sein muss. Aber eine gute Geschichte (ich bemühe mich) hat meist eine überraschende Wende.

Gegen 10 Uhr 30 hatte Golrokh die geniale Idee, doch noch einmal im Außenministerium anzurufen, obwohl alle öffentlichen Ämter donnerstags eigentlich geschlossen haben. Sie erwischte jemanden, der wohl gestern aus Versehen eingeschlossen worden war, und diese gute Seele erklärte sich bereit, sich um die Sache zu kümmern. Er werde in Kabul anrufen und dem dortigen Konsularbeamten erklären, dass das Visum für Fardin genehmigt sei.

Hektische Telefonate. Nach Afghanistan konnte man nicht durchkommen (deshalb wohl der Express-Esel). Wo steckte Fardin? Er musste bis vor 12 Uhr, wenn die Botschaft schließen würde, bei der Konsularabteilung sein. Sonst war es vorbei. Fardin war nicht erreichen.

Gegen 13 Uhr 30 kam schliesslich eine Email aus Kabul. Fardin hat das Visum! Der Konsularbeamte in der Botschaft hat auch nach Schalterschluss noch auf den Anruf aus Teheran gewartet. Als der nicht kam, hat er selbst im Außenministerium angerufen.

Fardin hat ihm zum Dank zwei Photos von Ahmadinejad bei seinem Besuch in Kabul geschenkt. Vom Photographen handsigniert.

Mehr tote Zivilisten als tote Taliban

25. June 2007 - 08:53

Eine Meldung, die gestern in einigen Zeitungen zu lesen war:

KABUL, Afghanistan (AP) — U.S.-led coalition and NATO forces fighting insurgents in Afghanistan have killed at least 203 civilians so far this year — surpassing the 178 civilians killed in militant attacks, according to an Associated Press tally. (USA Today)

Es ist nicht einfach, die Zahl der Toten zu zählen, und noch schwieriger ist es, tote Taliban von toten Zivilisten zu unterscheiden.

Allgemein gilt, dass die Zahl der Toten in der Regel als zu niedrig angegeben wird. Kein Journalist, kein Mitglied einer NGO, kein Angehöriger der afghanischen Regierung und auch nur wenige Soldaten der NATO Truppen haben Zugang zu den von den Taliban kontrollierten Regionen. Das sind genau die Gebiete, in denen am heftigsten gekämpft wird.

Deshalb stimmen die Zahlen, die veröffentlicht werden, auch nicht immer überein.

ACBAR — the Agency Coordinating Body for Afghan Relief — has counted 230 civilians killed in U.S. and NATO operations, basing their figure on reports from the Afghan Independent Human Rights Commission, Afghan NGO Security Office and the U.N.

The number of civilians killed in militant attacks was approximately the same as those killed by foreign forces according to ACBAR’s latest figures from about a month ago, said Anja de Beer, director of ACBAR.

Die USA und ISAF/NATO geben an, sie besäßen keine Zahlen über die zivilen Toten – oder sie veröffentlichen sie nicht.

Wie auch immer man zählt: niemand kann mehr ernsthaft behaupten, die Tötung von unbeteiligten Zivilisten sei ein „Unfall“ oder ein „bedauerliche Ausnahme“.

Ebenso unglaubwürdig ist die Aussage geworden, die NATO sei in Afghanistan, um die Zivilbevölkerung zu schützen.

7 Kinder + mehr

19. June 2007 - 08:10

Am vergangenen Sonntag sind erneut sieben Kinder bei militärischen Operationen von NATO Truppen gegen die Taliban in Afghanistan ums Leben gekommen. Sie wurden getötet, als US Kampfflugzeuge eine Siedlung bombardierten, in der al-Qaida Mitglieder vermutet wurden.

Die NYT veröffentlicht bei dieser Gelegenheit neue Zahlen zu den zivilen Opfern von NATO Einsätzen in Afghanistan.

More than 130 civilians have been killed in airstrikes and shootings in the past six months, according to Afghan authorities.

That toll may soon inflate dismally. Afghan officials said late Monday that more than 50 civilians may have died during fierce fighting over the past three days between NATO forces and the Taliban in the Chora district of the southern province of Uruzgan.

Von bedauerlichen Einzelfällen kann sicher nicht mehr die Rede sein.

Schutzschild

16. June 2007 - 21:28

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Immer wider werden unbeteiligte Zivilisten in Afghanistan in den Kämpfen zwischen NATO Truppen und den Taliban getötet. Diese Vorfälle haben eine Größenordnung erreicht, dass sie nicht mehr einfach als vereinzelte Unfälle abgetan werden können.

Nicht nur unschuldige Menschen werden getötet, sondern die Vorkommnisse drohen auch das politische Ziel der NATO Mission zu gefährden. Mit jedem erschossenen Passanten und jedem fälschlich bombardierten Haus verliert der Westen an Sympathien und die Stimmung droht sich gegen die „Ausländer“ zu wenden.

Bei der NATO hat man das Problem erkannt und sich auf der Tagung der Verteidigungsminister am Freitag in Brüssel Gedanken darüber gemacht, wie man eine Wiederholung solcher Vorkommnisse verhindern kann.

“We discussed measures to help us do better, and that is constantly and permanently looking at our procedures,” NATO Secretary General Jaap de Hoop Scheffer told reporters after the meeting Friday. (AFP)

Laut Scheffer trifft aber nicht die NATO die Schuld, wenn unbeteiligte Zivilisten ihr Leben verlieren, sondern die Verantwortung liege in erster Linie bei den Taliban.

“They are waging this indirect war against us by exploiting civilians, by using them as human shields, by terrorising them, by burning schools, by beheading people,” he said.

Ein ähnliches Argument brachte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am selben Tag in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Es ist auch teilweise eine perfide Strategie der Taliban, sich hinter der Zivilbevölkerung zu verschanzen.

Jung fügte sehr richtig hinzu:

Aber wir müssen dort darauf achten, dass wir möglichst keine Schäden, Kolateralschäden, bewirken also auch im Hinblick auf die Zivilbevölkerung, weil wie gesagt: Wir brauchen das Vertrauen der Bevölkerung und das ist das Entscheidende. Deshalb müssen wir dort sehr abgestimmt und verhältnismäßig reagieren.

Es ehrt den Minister, dass er die beiden Worte „auch“ und „teilweise“ einfügte. Das relativiert das Argument. Die Ursache für die „Kolateralschäden“ (Menschen, die das Pech hatten, am falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, und dafür mit ihrem Leben bezahlten) ist nicht allein die Strategie der Taliban, sondern dies trifft nur „teilweise“ zu. In vielen Fällen sind es NATO Soldaten, die aufgrund falscher Informationen, aus Unachtsamkeit oder schlicht weil sie die Situation nicht unter Kontrolle haben, unbeteiligte Zivilisten töten.

Gestern attackierte ein Selbstmordattentäter in Kabul einen Konvoi mit amerikanischen Zivilbeschäftigten. Er tötete vier Passanten und verletzte einen der Amerikaner. Wenig später tauchten US Soldaten auf und eröffneten das Feuer in die umherstehende Menge. Ein Lastwagenfahrer namens Aziz, der sich kurz vorher noch drei Pepsi gekauft hatte, wurde getötet. Ein zweiter Zivilist wurde verwundet.

Ein Sprecher der US Army sprach von einem „unglücklichen Vorfall“ und vermutete, eine Waffe haben sich unbeabsichtigt entladen. Er kündigte eine Untersuchung an.

Dies war der jüngste Fall einer Tötung eines Unbeteiligten durch NATO Soldaten, der bekannt wurde. Es gibt andere. Weiterlesen →

Zakia Zaki

6. June 2007 - 22:05

Sechs Tage nach der Ermordung von Shokiba Sanga Amaj ist eine zweite afghanische Journalistin getötet worden.

Die 35jährige Zakia Zaki wurde gestern am späten Abend von Unbekannten in ihrer Wohnung in Jabal-us-Siraj erschossen.

Der Ort liegt eine gute Autostunde nördlich von Kabul und wurde während der Taliban-Zeit von der Nordallianz kontrolliert. Zaki arbeitete dort bei einer Radiostation und nach dem Fall der Taliban wurde sie die Direktorin von Radio Frieden.

Gleichzeitig leitete sie die einzige Mädchen High-School im Ort.

Nach Angaben ihrer Familie wurde Zaki schon seit längerer Zeit bedroht. Sie war bekannt für ihre Einsatz für Frauenrechte sowie für ihre Kritik daran, dass viele Warlords für ihre Verbrechen der Vergangenheit nicht zur Verantwortung gezogen werden.