(Wieder-) Gelesen: Naji

Nach der Wahl von Ahmadinejad zum Präsidenten erhielt ich eine Reihe von Anfragen, ob ich nicht Interesse hätte, ein Buch über den neuen Mann zu schreiben. Interesse wohl, aber entweder war die Zeit zu knapp oder aus den Anfragen wurde ersichtlich, dass man auf der Suche nach einer ausgewalzten Fassung eines Magazin-Artikels a la STERN oder SPIEGEL war.
Hätte ich ein Buch über Ahmadinejad geschrieben, dann hätte es so wie Kasra Najis Ahmadinejad – The Secret History of Iran’s Radical Leader werden sollen – oder zumindest so ähnlich.
Naji hat sich daran gemacht, ein wenig Ordnung in das Dickicht der Gerüchte und Legenden um den weltweit neuen Public Enemy Number One zu bringen und die Fakten auszugraben, die man über Ahmadinejad zu Tage bringen kann. Das allein ist schon eine lobenswerte und alles andere als einfache Aufgabe.
Zum einen hat Ahmadinejad zu seiner eigenen Biographie einige Gedächtnislücken, die auf dunkle Flecken schließen lassen, die aber wie ein Staatsgeheimnis gehütet werden. Dann gehört es zum politischen Diskurs im Iran, über seinen jeweiligen politischen Gegner allerhand Gerüchte und Verleumdungen in die Welt zu setzen, die schwer zu verifizieren sind. Manche dieser Legenden fanden auch Eingang in die internationale Presse wie die Geschichte von dem speziellen Boulevard für die Ankunft des Mahdi oder die nach Geschlechtern getrennten Aufzüge in der Stadtverwaltung und gelten inzwischen fälschlich als gesicherte Fakten.
Das Buch ist chronologisch geordnet. Naji forschte noch einmal bei Verwandten, Bekannten, Weggefährten und Nachbarn des Präsidenten nach Einzelheiten zu dessen Werdegang und stieß dabei auf Details, die keinen Anlass geben, das Bild von Ahmadinejad grundsätzlich zu revidieren, malen das Bild aber mit einigen zusätzlichen Akzenten aus. Er beschreibt im Detail die Umstände der berühmten Rede auf dem Kongress Eine Welt ohne Zionismus und ordnet die Äußerung, Israel müsse aus den Seiten der Geschichte verschwinden, in den richtigen zeitlichen Kontext. Ein gut recherchiertes Kapitel über den Holocaust Kongress zeigt, um was für eine bizarre Veranstaltung es sich dabei handelte. Naji schreibt über Ahmadinejads Wirtschaftspolitik, die Säuberungen an den Universitäten, das Atomprogramm, die Briefe an Bush und Merkel, den Auftritt vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen und über einige der geistigen Einflüsse, die den neuen Präsidenten geprägt haben.
In der Summe entsteht ein recht facettenreiches Bild der Anfangszeit der Präsidentschaft von Ahmadinejad (das Buch wurde im November 2007 abgeschlossen) , das Naji an einer Stelle selbst so zusammenfasst:
Within a year of his presidency, Ahmadinejad had dragged Iran up the international agenda and raised his personal profile to within a hair’s breadth of that of Ayatollah Khomeini. His U-turn on reform, his strident anti-Israel rhetoric and his aggressive resistance to US and UN pressure to halt Iran’s nuclear programme had all won Ahmadinejad a place on the world stage. Somehow he had strengthened his domestic standing with people all across the political spectrum. He had isolated his critics and won the respect of the Muslim world.
Yet here was also a man who wrote incoherent letters to heads of state, who invited neo-Nazis to speak at high-profile events, who was lampooned and ridiculed the world over for believing that he was an agent of the divine, preparing Iran for the arrival of the messianic Missing Imam. Here was a leader whose grasp of geopolitics was rudimentary, a man who seemed not to understand economics, a man who would drag Iran to the brink of an unwinnable war with the West.
Nicht alle Abschnitte sind gelungen. Die Kapitel über das Atomprogramm und die Beziehungen zu den USA sind ein wenig dürftig ausgefallen. Zudem wäre es sicher sinnvoll, Ahmadinejad etwas genauer in den komplizierten Machtstrukturen des Irans zu positionieren, und ich bin mir immer noch nicht so sicher, wie eng die Beziehungen zwischen dem radikalen Ayatollah Mohammad Taqi Mezbah-Yazdi und dem Präsidenten wirklich sind.
Vor allem fehlt eins: eine Erklärung, wie es diesem Mann, der politisch schlicht als Amateur gelten muss, gelingen konnte, eine solch wichtige Position zu erringen. Aber das ist eine Frage, zu der ich selbst immer noch die Antwort suche.
Disclaimer: Bis Kasra gezwungener Massen den Iran verlassen hat, war er Mitglied unseres Fußballteams. Heißt: ja, wir sind miteinander befreundet. Und: ja, wir waren ein gutes Fußballteam.
gepostet am 20. August 2008 um 15:03 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Mir kommt es mehr und mehr so vor als, ob seine Position und Machtfuelle vom Westen masslos ueberschaetzt wird. In dem Interview mit NBC von Ende Juli kann er die Frage von Brian Williams, wer tatsaechlich die Geschicke Irans lenke, nur mit der Gegenfrage nach den Verhaeltnissen in US beantworten.
Ich habe das Buch (noch) nicht gelesen, aber gerade bei Amazon bestellt. Mich interessieren in der Tat die Hintergruende der vielen widerspruechlichen Angaben was er tatsaechlich sagt und wie ernst wir das zu nehmen haben. Ich war etwas erschuettert, bei Qantara kuerzlich von Katajun Amirpur (die in der SZ ja zumindest mit der wipe-off-the-map Legende etwas aufgeraeumt hat) erneut diese Maer von der Prachtstrasse fuer den Mahdi zu lesen. Andererseits scheint sich die iranische Fuehrung tatsaechlich einen ‘Spass’ damit zumachen, die Reden des Praesidenten doppeldeutig zu kolportieren, wohl um den ‘Westen’ zu reizen.
Uebrigens Danke fuer Ihren Blog und grosses Kompliment. Einer der wenigen, der sich ernsthaft bemueht, Licht ins Dunkel dort zu bringen!
Gruesse nach Tehran
Hans-Peter Mueller
Wer die Geschicke des Irans lenkt ist tatsächlich eine Frage, auf die die Antwort nicht leicht fällt. Auf jeden Fall ist es nicht allein Ahmadinejad, sondern er ist nur (ein gewichtiger) Teil eines recht verschachtelten Gefüges.
Ich denke nicht, dass es in Teheran wirklich die Absicht gibt, Ahmadinejads Äusserungen doppeldeutig darzustellen. In den meisten Fällen ist es schlicht Unprofessionalität und Einfältigkeit. Ahmadinejad selbst ist ein gutes Beispiel dafür, wie ignorant und unbeholfen iranische Politiker und Offizielle gegenüber dem Ausland sein können.
Wir stolpern oft über unsere eigenen Beine, indem wir Dingen einen tieferen Sinn zuschreiben, die schlicht nichts anderes als Unvermögen sind. Wer wie ich in Teheran lebt und gelegentlich iranische Politiker aus dem Umfeld von Ahmadinejad trifft, kann oft nur stauen.
Zudem gehört es bekanntlich zu den Merkmalen der Ideologen, eine verzerrte Wahrnehmung ihrer Umwelt zu besitzen.
Und Dank für das Kompliment.
M