Radovan Karadzic

Am Ende sehen sie aus wie Einsiedler, die ihr Leben irgendwo abgeschieden tief im Wald verbracht haben. Saddam Hussein, als er aus seinem Erdloch gezogen wurde, hätte gut für die Rolle des Räuber Hotzenplotz besetzt werden können. Radovan Karadzic lebte zwar mitten in der Stadt und verdiente sich seinen Lebensunterhalt mit „alternativer Medizin“, sieht aber so aus, als ob der Kräuter dafür eigenhändig in tagelangen Wanderungen durch die Berge gesammelt hätte.
Gebrochene Männer, des Amtes beraubt, das es ihnen ermöglicht hatte, ihren Terror auszuüben. Kaiser, die ihre Kleider verloren hatten. Am Ende nur noch zwei große buschige alte Männer mit Angst in den Augen. Fast könnte man mit ihnen Mitleid haben.
Ich habe Karadzic irgendwann in den 90er Jahren in einem Hotelzimmer im New York Plaza getroffen. Er war in Manhattan, um an Verhandlungen über einen Waffenstillstand bei der UN teilzunehmen. Seinem Aufenthalt waren im Vorfeld lebhafte Diskussionen vorausgegangen, weil jederman klar war, dass er für zahlreiche Kriegsverbrechen und Abscheulichkeiten verantwortlich war. Es kursierte das Gerücht, ein „Bürgerarrest“ von Menschenrechtsaktivisten sei geplant, das sich leider nicht bewahrheitet hatte, aber die US Regierung erteilte dem Führer der bosnischen Serben zur eigenen Gesichtswahrung nur ein Visum mit einem Bewegungsspielraum von 10 Meilen rund um das UN Gebäude.
Er sah zerwuselt aus, als er in das Hotelzimmer kam, dass als eine Art provisorischer Empfangsraum des bosnischen-serbischen Delegation herhielt. Seine Hemd hing ein wenig aus der Hose, der Anzug war zerknittert, als habe er darin ein kleines Nickerchen gehalten, und seine berühmte silbergraue Haarpracht zerwuschelt. Er wirkte alles andere als „charismatisch“, wie er damals oft beschrieben wurde.
Grumpelig eröffnete das Gespräch mit einer Aufzählung von Verbrechen, die die Deutschen seit Hitler und bis zu Genscher an den Serben begangen hätten, bot mir dann aber in einer versöhnlichen Geste einen Wodka an. Der Slibovitz war wohl gerade alle.
An die Einzelheiten des Interviews kann ich mich nicht mehr erinnern. Es war ein konfuser Mischmasch aus abenteuerlichen historischen Analogien, plumpen nationalistischen Parolen und eine Selbststilisierung als Opfer und wurde zu Recht nie gesendet. Karadzic besondere Fertigkeit bestand darin, seine serbischen Milizen von jedem Verbrechen reinzuwaschen, indem er das serbische Volk zum ständigen Opfer erklärte. Notfalls griff er in die historische Trickkiste, um kleinzureden, warum 300 Jahre später moslemische Frauen von seinen Männern vergewaltigt, ihre Männer gequält und ermordet wurden.
Um zu unterstreichen, was ein kultivierter Mann er selbst und die Serben im allgemeinen sind, trug er mir ein paar seiner Gedichte vor. Ich kann kein Serbisch, aber auch wenn ich die Zeilen verstanden hätte, hätten sei mich nicht von meinem Eindruck abbringen können, es hier nicht mit einem Psychiater, sondern mit einem Psychopaten zu tun zu haben. Heute nennt man solch einen Mann einen Warlord. Man findet solche Typen in Afghanistan, in Pakistan oder in solch abgelegenen Gegenden wie Abchasien. Männer, die religiösen Fanatismus oder dumpfen Nationalismus im Interesse ihrer eigenen Macht mobilisieren.
Dass man ihm dennoch hofierte und zu Verhandlungen nach New York einlud, hatte mehr mit der Angst der internationalen Gemeinschaft als mit dem staatsmännischen Format von Karadzic zu tun. Briten wie Franzosen, die damals das Hauptkontingent der Blauhelme in Bosnien stellten, fürchteten, in eine bewaffnete Konfrontation hineingezogen zu werden, und waren deshalb bereit, mit Kriegsverbrechern wie dem Mann aus Pale Kompromisse einzugehen. Statt ein demokratisches Bosnien zu unterstützen, in denen alle Ethnien und Religionsgruppen gleiche Rechte genießen, ließen sie sich auf Pläne ein, das Land in ethnische Enklaven einzuteilen, und fügten sich damit der Logik der „ethnischen Säuberungen“. Statt die Bevölkerung zu schützen, versuchten sie, eine „friedliche Lösung“ zwischen Tätern und Opfern zu schaffen, von der allein die Täter profitierten.
Deutschland, das geplant oder ungeplant zum Statthalter kroatischer Interessen geworden war, drängte auf ein entschiedeneres Vorgehen gegen Karadzic und seine Schergen, wollte aber keine eigenen Truppen auf den Balkan schicken. Die (Un)Taten der serbischen Milizen lösten eine Debatte aus, in der sich die Nachkriegsgeneration eingestehen musste, dass Pazifismus sowohl eine ehrenwerte wie gleichzeitig eine bequeme, heuchlerische Haltung sein kann. Barbaren sind manchmal nur durch Waffen zu stoppen.
So nahmen Karadzic und seine Räuberbanden schließlich (und erst dann!) ihr Ende, als NATO Flugzeuge die militärische Infrastruktur der Serben bombardierten. Karadzic tauchte unter und erneut zeigte die „internationale Gemeinschaft“ wenig Entschlossenheit. Die Anstrengungen, ihn aufzuspüren und für seine Verbrechen zur Verantwortung zu ziehen, waren allenfalls halbherzig.
Zum Abschied gab mir Karadzic in dem Hotelzimmer in New York ein Empfehlungsschreiben mit. Auf die Rückseite einer Restaurantrechnung schrieb er „Herr Martin Ebbing ist als Gast in der Republik Srepska jederzeit willkommen und es ist ihm jede Unterstützung zu gewähren“. Ich habe den Zettel inzwischen verloren.
Es ist nicht schade darum. Beim internationalen Gerichtshof in Den Haag würde er allemal nicht anerkannt.
gepostet am 22. July 2008 um 12:58 von unter Krims&Krams. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Sehr geehrter verfasser/Verfasserin,
Es ist schön, dass Sie eine Meinung zu dem Thema haben. Bloß, tu ich mir schwer hier eine Meinung, die nicht von Vorverurteilung geprägt ist, zu erkennen. Allein der Satz: “Ich kann kein Serbisch, aber auch wenn ich die Zeilen verstanden hätte, hätten sei mich nicht von meinem Eindruck abbringen können, es hier nicht mit einem Psychiater, sondern mit einem Psychopaten zu tun zu haben” spricht für sich. Sie wissen: Er ist ein Völkermörder, ein Psychophat! - Deshalb müssen sie gar nicht “serbisch” können, um zu verstehen, dass seine Gedichte nur krankhafte Wortaneinanderreiungen sind. Bei allem Respekt vor dem dann in der Schlussphase wieder ausgewogen Kommentar, ist es doch sehr strange… oder hab ich das falsch verstanden?