(Wieder-) Gelesen: Slavin

Barbara Slavin ist die senior diplomatic correspondent von USA TODAY – nicht unbedingt die beste, aber die auflagenstärkste Tageszeitung der USA.
Slavin hat in der Vergangenheit uns im Iran lebenden Journalisten die Gesichter oft vor Neid grün werden lassen, denn während wir uns mühselig und dennoch vergeblich um Interviews mit Spitzen des iranischen Machtapperates bemühten, schien sie keinerlei Schwierigkeiten zu haben. Wann immer der Iran etwas Wesentliches mitzuteilen hatte, wurde sie für ein Interview eingeflogen.
Sie ist die einzige ausländische Journalistin, die ich kenne, die mit Rafsanjani, Khatami und Ahmadinejad gleich drei iranische Präsidenten interviewt hat. Ihrem Buch hat das allerdings nicht mehr genutzt, als dass sie ein wenig Farbe aber keine Tiefe einfügen konnte.
Sollten Sie das Buch in die Hand bekommen, rate ich, die ersten neun Kapitel zu überschlagen und gleich beim zehnten zu beginnen. Bis dahin erfährt der Leser eigentlich nicht viel mehr als das, was eine Journalistin, die sich seit Jahren mit dem Iran beschäftigt, so im Laufe der Zeit zusammengetragen hat: kurze Skizze von Präsident Ahmadinejad, das politische Machtgefüge im Iran, die Revolutionären Garden, die „Mullahs“, die Reformer, die Atombombe, die Opposition. Alles recht flott geschrieben, aber nicht substantierter als das, was man auch in Zeitungen und Zeitschriften lesen kann.
Slavin ist in Washington zu Hause und hat dort ihre Kontakte in den Think Tanks und im State Department, die zumindest ein paar Dinge zutage bringen, die bislang noch nicht oder noch nicht so allgemein öffentlich bekannt waren. Anhand dieser amerikanischen Quellen (Condoleezza Rice, Richard Haass, Rick Inderfurth, Richard Armitage, etc.) gelingt ihr ein kurzer Überblick über die Bemühungen sowohl der USA wie aber auch des Iran, sich einander anzunähern, und sie schildert sowohl die verpassten Möglichkeiten wie die merkwürdige Asynchronität, mit der die positiven Signale bei der anderen Seite jeweils zu einer ungelegenen Zeit eintrafen. So erfährt man, warum Khatamis ausgestreckte Hand von den USA nicht erwiedert wurde, warum Madeleine Albrights Entschuldigung für die amerikanischen Missetaten der Vergangenheit die Beziehungen nicht wiederbeleben konnten und seit wann man in den USA wieder persische Teppiche kaufen kann. Etwas ausführlicher werden die Vorgänge um das great bargain, ein umfassendes Verhandlungsangebot, das der Iran 2003 vorlegte und u.a. eine Zusammenarbeit im Bereich Terrorismus, eine Akzeptanz der 2-Staaten-Lösung für Palästina/Israel und eine Einstellung der Unterstützung der Hamas anbot, dargestellt.
Zum great bargain und zu den gescheiterten US Annäherungsversuchen während der Clinton Ära kann man zwar mehr bei Kenneth M. Pollack (The Persian Puzzle) lesen, aber Pollack ist als Akteur in dieser Sache Partei und Slavins Buch reicht bis Anfang 2007.
Slavin bietet zu dem überaus spannenden Thema der amerikanisch-iranischen Beziehungen allenfalls eine Einführung, aber auch in der vergleichsweise knappen Schilderung ist schon zu erkennen, dass sich dieses Verhältnis mit einem einfachen Schwarz-Weiss-Muster nicht einmal ansatzweise erfassen lässt.
gepostet am 17. June 2008 um 14:29 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Kommentare
Es ist kein Kommentar vorhanden. Kommentar hinzufügen!