
Am 14. März wählt der Iran ein neues Parlament, das nicht ganz ohne Einfluss im Lande ist. Es verabschiedet Gesetze, beschließt einen Haushalt, an den der Präsident gehalten ist, beruft Minister und wählt sie notfalls auch wieder ab. Es kann auch Minister und sogar den Präsidenten vorladen, um den Abgeordneten Rede und Antwort zu stehen.
Jedenfalls ist das theoretisch so, denn es gibt eine Reihe von Einschränkungen. Jedes beschlossene Gesetz wird von einem 12köpfigen „Wächterrat“ darauf hin geprüft, ob es sowohl mit der Verfassung wie mit nicht näher definierten „islamischen Prinzipien“ konform ist. Präsident Ahmadinejad macht sich einen Spaß daraus, mehr Geld auszugeben, als das Parlament ihm zugebilligt hat, ohne dass er dafür wirklich abgestraft werden kann. Und sollte Revolutionsführer Ayatollah Khamene-i mal ein Machtwort sprechen (was er öffentlich selten tut), dann wird niemand im Parlament ihm widersprechen.
Das Parlament ist eines der demokratischen Elemente in der iranischen Verfassung, die autoritäre Herrschaft und Volkes Wille unter einen Hut zu bringen versucht. Im Iran besitzen Frauen bei den Parlamentswahlen sowohl das aktive wie das passive Wahlrecht. Derzeit sind 11 der 290 Abgeordneten Frauen.
Die Wahl in diesem Jahr gilt als eine Art Stimmungsbarometer für Ahmadinejad, der selbst nicht zur Wahl steht (der Präsident wird in einer separaten Wahl direkt gewählt = ein weiteres demokratisches Element in der Verfassung). Nachdem bei der letzten Wahl die Reformer erst gar nicht antreten durften, ist das Parlament fest in der Hand von Ahmedinejads Gesinnungsgenossen. Dass viele Parlamentarier auf ihn wegen seines autokratischen Stils nicht gut zu sprechen sind, geht dabei verloren. Mitgehangen, mitgefangen.
Am 5. Januar wurden die Kandidatenlisten eröffnet (Geduld, ich komme zu meinem Punkt). Jeder kann sich bewerben, der nicht vorbestraft ist, dem Sicherheitsdienst nicht aufgefallen ist, über eine ausreichende formale Bildung verfügt, die „Prinzipien der islamischen Revolution verteidigt“ und ansonsten ein rechtschaffender Moslem ist.
560 Frauen und 6608 Männer haben sich bis zum Stichtag am 12. Januar beworben. Darunter sind nicht wenige Kandidaten, die einfach eine Berufung für das hohe Amt gespürt haben, aber sonst als politische Figur nicht weiter in Erscheinung getreten sind noch die Unterstützung einer politischen Gruppierung besitzen.
Im Iran existieren keine fest gefügten, an langen programmatischen Traditionen orientierte Parteien, seit nach der Revolution die meisten Parteien verboten wurden. Die existierenden politischen Gruppen sind meist Gründungen jüngster Zeit, programmatisch nicht sehr genau festgelegt und nicht selten einfache Zweckbündnisse mit fluktuierender Mitgliedschaft.
(Ja, ja. Ich komme gleich zum Thema!)
In einer ersten Runde machen sich nun lokale Wahlausschüsse daran, die Bewerbungen der Kandidaten darauf hin zu überprüfen, ob sie die Formalien erfüllen. Erneut: theoretisch zumindest, denn die Kriterien sind nicht so glasklar. Wie bringt man den Nachweis, ein guter Moslem zu sein, und wie kann man ein solches Komitee davon überzeugen, dass man immer für die islamische Revolution eingetreten ist?
Heute nun schlugen die Reformer, die sich zu einem Wahlbündnis mit 21 Gruppen zusammengeschlossen haben, Alarm, ihre Kandidaten seien weitgehend disqualifiziert worden. Von den rund 2000 Ablehnungen entfielen etwa 70 Prozent auf Bewerber des Reformbündnisses.
Genaue Zahlen gibt es nicht, aber die Klage erscheint glaubhaft, denn schon bei der letzten Parlamentswahl wurde ähnlich verfahren. Mitglieder des Parlaments wurden einfach nicht zur Wiederwahl zugelassen, weil sie zum Lager von Präsident Khatami gehörten. Auch diesmal sind ehemalige Parlamentsmitglieder und sogar ehemalige Minister ausgeschlossen worden.
Die Auswahl wird von lokalen Wahlausschüssen getroffen, deren Mitglieder von den Gouverneuren der jeweiligen Region ernannt werden. Die Gouverneure wiederum werden von Präsident Ahmadinejad eingesetzt.
Offensichtlich spielte bei der Auswahl nicht so sehr eine Rolle, wie man zu Ahmadinejad steht, sondern wichtiger war wohl die rechte Gesinnung. Die „Unabhängigen Fundamentalisten“, eine konservative Gruppierung, die in der Vergangenheit oft die Wirtschaftspolitik des Präsidenten kritisiert hat, gab heute bekannt, dass alle ihre Bewerber zugelassen wurden.
Die abgelehnten Kandidaten haben noch eine Chance. Theoretisch zumindest. Sie können erst bei den lokalen Wahlausschüssen gegen den Entscheid eine Beschwerde einlegen. Bleibt diese erfolglos können sie ihren Fall anschließend dem Wächterrat vorlegen. Dieses Gremium setzt sich auch 12 Mitgliedern zusammen: sechs angesehene Kleriker, die von Revolutionsführer Khamene-i ausgewählt werden, und sechs Juristen, die vom Justizministerium vorgeschlagen werden und vom Parlament bestätigt werden müssen. Das Justizministerium wiederum untersteht der direkten Kontrolle des Revolutionsführers. In seinen Entscheidungen hat sich der Wächterrat in der Vergangenheit immer als äußerst konservativ herausgestellt. Sein Vorsitzender, Ayatollah Ahmad Jannati, zählt zu den Hardlinern des Landes.
Die Chancen, dass ein Reformer hier mit seinem Einspruch Gehör findet, sind eher gering.
Hinzu kommt, dass der Wächterrat noch einmal eine Sichtung der ersten Vorauswahl vornimmt. Hierbei können wie in der Vergangenheit weiter Kandidaten auf der Strecke bleiben. Die endgültige Entscheidung, wer an der Wahl teilnehmen darf, soll am 4. März, 10 Tage vor dem Wahltag, bekannt gegeben werden.
Ahmadinejad selbst kommentierte heute die Disqualifikation einer solch hohen Zahl von Bewerbern – überwiegend seine politischen Gegner. „Die grundsätzliche Frage lautet hier: warum nominieren sie Kandidaten, die den rechtlichen Anforderungen nicht entsprechen? Sie sollten wissen, dass sie sich an die Gesetze halten müssen.“
Versöhnlich fügt er dann hinzu, die abgelehnten Kandidaten seien „keine schlechte Menschen“. Sie könnten weiterhin frei in der Gesellschaft leben und auch ihre Grundrechte in Anspruch nehmen.
Die Betroffenen werden es mit Erleichterung zur Kenntnis nehmen, dass sie nicht noch wegen einer unbotmäßigen Kandidatur im Gefängnis landen