Tilgner

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Ulrich Tilgner ist ein Kollege mit einem Büro hier in Teheran. Wir kennen uns und wenn wir uns zufällig treffen, grüßen wir uns und tauschen ein paar unverbindliche Worte.

Gestern war bereits in zwei Berliner Zeitungen (hier und hier) zu lesen, dass Tilgner keine Lust mehr hat, seinen Vertrag mit dem ZDF, für das er aus dem Irak, dem Iran und Afghanistan berichtet, zu verlängern. In der Süddeutschen von heute ist mehr zu erfahren.

Was der Nahost-Korrespondent des ZDF in dem Buchbeitrag nicht beschrieb, war der alltägliche Kleinkrieg mit der Redaktion, mit den Besserwissern, den Neunmalklugen, die ignorieren, dass in Teheran die Uhr zweieinhalb Stunden weiter und alles Behördliche geschlossen ist, wenn sie um 15.30 Uhr nach der Konferenz einen Beitrag bestellen. (SZ)

Bei Ihnen auch, Kollege Tilgner?

Mit mal größerer, mal geringerer Resignation habe ich mich mehr oder weniger damit abgefunden, dass die Kollegen in den Zentralen oft wenig Verständnis für die Arbeitsbedingungen vor Ort haben. Es gibt Ausnahmen, aber Ausnahmen sind halt nicht die Regel. Unkenntnis ist ja verzeihlich, aber weniger verständlich ist, dass sie nicht selten auf ihrer Ignoranz beharren.

Bis heute ist es mir ein Rätsel, warum in vielen Redaktionen nicht die entsprechenden Posten an Kollegen vergeben werden, die selbst mal in der Region gearbeitet haben.

Ebenso rätselhaft erscheint mir, warum Mitglieder der Redaktion sich nicht des öfteren mal die Mühe machen, in den Iran, in den Irak oder auch nach Afghanistan zu fahren, um sich mit der Situation dort ein wenig vertrauter zu machen. Ein bisschen mehr zu wissen, kann ja auch bei der Themenauswahl nicht schaden.

Okay. So ganz rätselhaft ist es mir auch wieder nicht, aber wo ich schon von Themenauswahl rede:

[E]s geht auch um Grundsätzliches: Tilgner missfällt die ganze Richtung. Er findet vieles, was über den Schirm kommt, zu boulevardesk, und seit die deutsche Freiheit angeblich am Hindukusch verteidigt wird, auch zu regierungsfromm.

„Boulevardesk“? Hmmm.

Heimatredaktionen bestellen das, was ihren eigenen Vorstellungen entspricht. Aus dem Irak wollen sie Tote, aus dem Iran Mullahs und aus Afghanistan – das wissen sie selber nicht so genau, weil die Kenntnisse von dem Land sehr beschränkt sind.

Der Reporter vor Ort ist meist das ausführende Organ dieser Vorstellungen. Seine eigenen Kenntnisse werden gern ignoriert, wenn sie den Erwartungen aus der Zentrale entgegen stehen. Aus Berlin, Köln oder München erscheint es eine ausgemachte Sache, dass „die Mullahs“ („Ach, Ahmadinejad ist kein Mullah? Wie konnte er denn dann Präsident werden?“) an einer Atombombe basteln. Klar scheint von dort aus auch, dass Karzai ein netter Kerl ist, der ganz Afghanistan in eine blühende westliche Demokratie verwandeln würde, wenn die bösen fanatischen Taliban ihn nur lassen würden. – „Wie, Sie sagen, die Korruption ist eines der größten Probleme in Afghanistan? Da müssen wir erst noch mal in der Konferenz drüber entscheiden.“

Tilgner nennt das „regierungsfromm“. Ich würde eher davon sprechen, dass Redaktionen nicht selten Opfer der selbst mitgeschaffenen Klischees werden.

Einen ständigen Punkt der Verärgerung teile ich aber mit ihm.

Tilgner tut sich erkennbar schwer mit jenen ZDF-Leuten, die nah am Berliner Regierungsbetrieb sind und dann mit dem Außenminister Frank-Walter Steinmeier nach Kabul fliegen und berichten. “Die Berliner”, sagt er gern, und das klingt gar nicht nett. Nah dran, doch ohne Durchblick, heißt das übersetzt.

Zu meinem Ärger besetzen diese eingeflogenen Kollegen, die nicht unbedingt aus Berlin kommen müssen, dann die Themen. „Versagen der deutschen Polizeiausbildung? Da war erst kürzlich ein Kollege da.“ Ja, zwei Tage lang, wobei er nicht mehr gesehen hat, als das aufpolierte Bild, das auch dem Minister präsentiert wurde.

Ungewöhnlich an der Tilgner Geschichte ist, dass er seine Unzufriedenheit in die Öffentlichkeit trägt. In der Medienwelt, die sonst so sehr auf Transparenz dringt, gilt die eiserne Regel, schmutzige Wäsche wird intern gewaschen. Öffentlich-rechtliche Anstalten geben sich da besonders mimosenhaft.

Zum Teil hat die Politik, Kontroversen in den eigenen Reihen zu klären, seine Berechtigung. Nicht selten geht mir aber die Frage durch den Kopf, wie Zuschauer / Zuhörer / Leser den Bericht wohl beurteilen würden, den sie gerade sehen / hören / lesen, wenn sie wüssten, dass der Autor beispielsweise statt in Teheran in Istanbul sitzt und nur das wiedergibt, was andere schon vor ihm geschrieben haben.

Tilgner grummelt laut und öffentlich. Dafür sei ihm Dank.

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