Nach Kurdistan

Wir mußten das Auto wechseln. Der neue Fahrer, traditionell kurdisch gekleidet, erzählte ganz unaufgefordert von der Anti-Drogenkampagne, die die PJAK (der iranische Ableger der türkischen PKK) hier in der Gegend betreibe. Bekannten Drogendealern werde ein Ultimatum gesetzt. Sie sollten ihren Verkauf vor allem an kurdische Jugendliche einstellen oder man würde sie erschießen. Erst vor zwei Monaten sei ein Händler vor seiner Haustür von PJAK-Kämpfern hingerichtet worden. Die Guerillaorganisation werde von der Bevölkerung bei diesen Aktionen unterstützt. Sie sei in der Gegend sehr populär. Offensichtlich auch bei ihm.

Meine Fragen nach dem anderen, dem größeren Drogenhandel, bei dem Opium aus Afghanistan von hier aus in den irakischen Norden und dann weiter in die Türkei und nach Europa gebracht wird, mochte er nicht so recht beantworten und gab vor einfach nicht zu verstehen, was ich meinte. Auch die Worte „Alkohol“ oder „Whisky“ wollte er nicht verstehen. Nach seinen Angaben werden hier Textilien geschmuggelt. Nur Textilien.

Zugestehen wollte er immerhin, dass „natürlich“ in dieser Grenzregion geschmuggelt werde. Irgendwo von müssten die Leute ja leben. Nur zu verständlich, und manch ein Party-Veranstalter in Teheran ist mehr als dankbar dafür, dass sich die Menschen hier auf diese Weise ihr Brot verdienen. So kann man in Teheran von den einschlägigen Händlern Rotwein der selben Marke kaufen, der auch in den Restaurants in Suleimanya oder Arbil auf der Speisekarte steht.

Der Fahrer bevorzugte das Thema zu wechseln. Ob es denn auch in dieser Region PJAK gebe, tat ich ihm den Gefallen. Er lachte, als habe ich mit kindischer Unschuld gefragt, ob denn die Erde nun eine Scheibe oder eine Kugel sei. „Selbstverständlich sind sie hier überall. PJAK gibt es sogar in Teheran.“ Haji Mohammed, der Führer der PJAK, stamme aus Sarandaj.

Eine zweite, neue Strasse wurde von Sarandaj zur Grenze gebaut, über die vor allem die LKWs mit Waren für das irakische Kurdistan rollen. Wir überholten Sattelschlepper mit hoch aufgeladenen Kisten, Tieflader mit Straßenbaumaschinen und Autos, auf deren Ladeflächen Rohre und Schläuche gestapelt waren.

Der Asphalt war noch glänzend und zog sich wie ein breiter schwarzer Faden zwischen den Hügeln hindurch, die von hier die Landschaft bis weit in die Türkei hinein prägen: Berge mit abgerundeten Spitzen, die mit in der Sonne verbranntem Gras und Geflecht überzogen sind. Manchmal verlieren sich vereinzelte Bäume an den Hängen, aber grün ist es nur in den Tälern, wo kleine Bäche fließen. Zwischen den rundlichen Hügeln steigen immer wieder massive Gebilde aus schroffem Granit auf, graue imposante Wände, gezackt und abweisend.

Zweimal wurden wir an Check-Points von Soldaten der Revolutionären Garden kontrolliert. Ein Blick in den Pass. Woher? Wohin? Dann ließen sie uns weiterfahren. „Seit dieser Situation mit der Türkei sind sie nervös geworden“, kommentierte unser Fahrer.

Der Grenzübergang bei Marivan war nicht mehr als eine staubige Ansammlung von Gebäuden im Nirgendwo, an dem zügig die LKWs abgefertigt werden, die sich in einer Zweierreihe aufgereiht haben. Ein Teil der Anlage wurde gerade erweitert und neu asphaltiert.

Es gab keine Probleme. Arash musste die Gerätenummer der Kamera, Typen und Anzahl der Mikrophone und was wir sonst so an Gerät mitgebracht haben, aufschreiben. Die Liste wurde gestempelt und wir bekamen für die Wiedereinreise eine Kopie.

Bei der Passkontrolle mochte der Beamte nicht so ganz verstehen, warum ich mein iranisches Visum in dem einen, mein irakisches Visum in einem anderen Reisepass hatte. Zwei Pässe??? Das Problem wurde geklärt. Allerdings stempelte er meinen Ausreisevermerk in den falschen Pass, was mir in Zukunft an iranischen Grenzen noch eine Probleme einbringen wird.

Ein Pick-up bracht uns von der irakischen Seite der Grenze in die nächste Ortschaft, von wo Taxis nach Suleimanya fuhren. Am Straßenrand standen Plastikkanister mit Benzin. Das rotgefärbte stamme aus der Türkei, das gelbe aus dem Irak. Kurdistan, in dem es vor zwei Jahren noch lange Schlangen vor den Tankstellen gab, hat anders als der südlichere Teil des Iraks sein Benzinproblem gelöst. Kein geschmuggeltes Benzin aus dem Iran? Der Fahrer schüttelte verneinend den Kopf. Seit der Iran seine Rationierung eingeführt habe, sei das Benzin von dort so teuer geworden, dass es niemand mehr kaufe.

Es war schon dunkel, als wir in Suleimanya eintrafen. Sawat wartete auf uns im Foyer des Suleimanya Palace. Er hatte vor und während des US Einmarsches in den Irak vor vier Jahren für mich als Kameramann gearbeitet. Nun ist er Mitbesitzer der ersten und einzigen Cocktail-Bar in Kurdistan.

Für einen richtigen Barbetrieb war es noch zu früh. Das Personal räumte noch Gläser ins Regal und wischte die Tische. „Was darf ich euch bringen lassen?“

Einen Kaffee vielleicht?

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