Docu Festival

Eine der eigenartigen Ungleichzeitigkeiten im Iran. Während das Regime seit nun mehr als einem Jahr versucht, durch Verhaftungen, Verbote und Einschüchterung abweichende Meinungen zu kontrollieren oder zum Schweigen zu bringen, findet zum ersten Mal im Iran ein „Internationales Dokumentarfilmfestival“ statt. Und ein recht gutes Festival noch dazu.
Ausgerichtet wird die Veranstaltung vom Documentary and Experimental Film Center, einer staatlich geförderten Einrichtungen, die sowohl Filme aus diesen beiden Sparten produziert wie auch national und international vertreibt.
Eingeladen wurde beispielsweise Michael Moore, der aus naheliegenden Gründen im Iran in besonderer Gunst steht. Moore sagt zwar wegen anderweitiger Verpflichtungen ab, aber sein letzter Film Siko war im Festival zu sehen. Gezeigt wurde ebenfalls Abbas Kirostamis ABC Africa, ein Film über HIV Erkrankte.
Ich habe heute drei Filme gesehen:
Zum einen eine Homage (Dark Room von Reza Nezamdoost) an Alexander Bulak, einen bekannten iranischen Fotographen, der in all seiner Hinfälligkeit in den letzten Tagen seines Lebens mehr oder weniger vorgeführt wurde.
Um Leben und Tod ging es auch in Parivash Nazariehs Closer Than Death, ein kleiner Film über zwei Frauen, die im Leichenschauhaus täglich die Leichen waschen. Der Film hat Längen und bietet eigentlich nichts Überraschendes – außer dass es der Autorin überhaupt gelungen ist, diesen Film in diesem Waschraum mit einem solch delikaten Thema zu drehen.
Bester Film des Tages war für mich Immigration Letter von Mahnaz Mohammadi (Disclaimer: Mahnaz ist eine gute Bekannte von mir). Gedreht wurde in einem Zug von Teheran nach Istanbul. Gezeigt werden eine Gruppe Jugendliche und eine Familie, die den Iran verlassen, weil sie dort keine Zukunft mehr für sich sehen. Keine grandiose Kameraarbeit, keine pfiffige Montage, aber ein großartiges Thema. Unbefangen reden die angehenden Immigranten von der wirtschaftlichen Misere im Iran und von ihren Wünschen für die Zukunft, und es fallen Sätze wie „90 Prozent aller Iraner würden am liebsten auswandern“, was vom Publikum mit Applaus und zustimmendem Gejohle aufgenommen wurde.
Der Film ist sicher nicht das, wie das Regime gern die Islamische Republik dargestellt sieht, und wurde zudem von einer Frau realisiert, die im Frühjahr noch wegen der Teilnahme an einer Demonstration im Gefängnis saß.
Immer dann, wenn sich schon wegen der trübseligen Situation im Land dicke graue Nebelschwaden aufs Gehirn legen, dann gibt es wieder solche Filme und solche Veranstaltungen, die wieder die Hoffnung wecken.
gepostet am 19. October 2007 um 20:27 von unter Iran, Kultur. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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