Das Tal des Schatten des Todes

Errol Morris, ein vor mir sehr geschätzter Dokumentarfilmer (Vernon, Florida, The Thin Blue Line, Mr. Death, Fog of War), schreibt für die NYT ein Blog über Fotographie.
Sein Thema ist unsere Art, Abbilder der Wirklichkeit zu betrachten und zu interpretieren. Was stellen diese Abbilder wirklich dar? Wie versuchen wir sie zu lesen? Welche Prädispositionen bringen wir mit?
In den beiden letzten Einträgen seines Blogs geht es um das berühmte Foto von Roger Fenton „Tal des Schatten des Todes“, das er 1855 im Kriegkrieg aufnahm. Das Bild gilt als eines der ersten und bedeutendsten Beispiele der Kriegsfotographie.
Genauer müsste ich schreiben, es sind eigentlich zwei Aufnahmen, die sich in einem wesentlichen Detail unterscheiden. Zu sehen ist das Tal gleichen Namens, in dem sich während des Krieges die Kanonenkugeln russischer Artillerie gesammelt hatten. In dem einen Foto liegen die Kugeln im Graben, auf dem anderen liegen Kugeln in der Mitte der Strasse, die durch das Tal führt.
Susan Sontag hat in ihrem Regarding the Pain of Others (Deutsch: Das Leiden anderer betrachten) die beiden Aufnahmen als Beispiel dafür zitiert, dass schon sehr früh in der Kriegsfotographie um des Effekts willen manipuliert wurde.
Not surprisingly many of the canonical images of early war photography turn out to have been staged, or to have had their subjects tampered with. After reaching the much shelled valley approaching Sebastopol in his horse-drawn darkroom, Fenton made two exposures from the same tripod position: in the first version of the celebrated photo he was to call “The Valley of the Shadow of Death” …, the cannonballs are thick on the ground to the left of the road, but before taking the second picture – the one that is always reproduced – he oversaw the scattering of the cannonballs on the road itself.
Diese beiden Sätze haben bei Morris zu der Frage geführt: woher weiß Susan Sontag das? Aus den beiden Fotos ist nicht zu erkennen, welches der beiden Fotos zu erst aufgenommen wurden. Vielleicht war die Abfolge der Aufnahmen auch so, dass die Kugeln erst auf der Strasse lagen, sie von vorbei kommenden Soldaten auf die Seite geräumt wurden und Felton eine zweite Aufnahme gemacht hat.
Morris beginnt zu recherchieren und es ist ein Vergnügen, Morris dabei über die Schulter zu sehen, wie hartnäckig er versucht, die Umstände der beiden Fotos aufzuklären.
Es geht aber noch um mehr. Morris demonstriert, dass der vielzitierte Spruch, „In einem Krieg ist die Wahrheit das erste Opfer“ nicht viel mehr als die Ausrede von bequemen Kollegen ist, die die Mühe scheuen, auch unter schwierigeren Voraussetzungen der Wahrheit auf den Grund zu gehen.
gepostet am 18. October 2007 um 13:52 von unter Kultur. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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