Broder schon wieder

Henryk M. Broder hat eine wenig von Tiefsinn getrübte Polemik zum Gastspiel des Osnabrücker Symphonieorchesters in Teheran vom Stapel gelassen und die Attackierten weigern sich, sich öffentlich zu rechtfertigen.

Na so was! Einen Börne Preisträger ignoriert man nicht einfach! Verständlich, dass Broders Ego verletzt ist.

Nun hat er noch einmal nachgelegt und verlangt Stellungnahmen. Kommt raus, ihr Feiglinge! Ich will mich prügeln!

Einige Zeit ist vergangen, seitdem die Helden von Teheran ins heimische Osnabrück zurückgekehrt sind und es wird Zeit für eine Nachbetrachtung. Man sollte meinen, nachdem die Hektik und Euphorie der Reise abgeklungen sind und die Gemüter sich etwas beruhigt haben, würde sich die Möglichkeit eines selbstkritischen Blickes auf das eigene Tun eröffnen. Dem ist offenbar nicht so.

Und weil ihm kampfeslustig der Kamm schwillt, streut Broder noch ein paar Anekdoten als Köder aus. Die Angegriffenen, vom Bürgermeister über den Intendanten bis zu Michael Dreyer, dem Leiter des Morgenland Festivals in Osnabrück, werden selber wissen, wie sie mit der zweiten Runde von Anwürfen umzugehen gedenken. In ein paar Punkten kann ich mir allerdings einige Anmerkungen nicht verkneifen. Schließlich habe auch ich ein Ego, wenn es auch unvergleichlich kleiner als Broders ist.

Auch um den Schreck aller Mullahs, Michael Dreyer, der die Konzertreise gegen den massiven Widerstand der geistlichen Würdenträger durchgesetzt haben will und der eine Bundestagsdelegation ausgeladen hatte um den unpolitischen Charakter der Reise zu unterstreichen ist es ruhig geworden. Jedenfalls war bis jetzt von ihm noch kein lautstarker Protest gegen die drohende Entlassung des Chefdirigenten des Teheran Symphony Orchestra, Nader Mashayekhi, zu vernehmen, die offensichtlich in direktem Zusammenhang mit der Zensur einer Komposition Mashayekhis für das Konzert des Osnabrücker Orchesters in Teheran, steht. Gegen die Zensur ist ebenfalls nicht protestiert worden, wobei man davon ausgehen darf, dass Herr Bäumer lieber Elgar als Mashayekhi dirigiert. Sehr wohl hatte man sich im Vorfeld der Reise um eine hochrangige Bundestagsdelegation bemüht, die dann aber nicht hochrangig genug ausgefallen ist, um der Wichtigkeit des Geschehens gerecht zu werden, sodaß man doch auf deren Mitreise verzichtet hat.

Schön, dass sich Broder an die Seite von Nader Mashayekhi stellt. Bedauerlich nur, dass der inneriranische Kleinkrieg um Nader seine Anfänge weit vor dem Gastspiel des Osnabrücker Orchester liegen. Deshalb wird auch anders herum ein Schuh daraus: weil einige Funktionäre im Ministerium für Kultur in Teheran (sowie einige Neider) Mashayekhi aus seinem Amt als Leiter des Teheraner Symphonieorchesters verdrängen wollen, haben sie alles daran gesetzt, dass seine Komposition vom Osnabrücker Orchester nicht uraufgeführt werden kann. Dreyer hat bis zuletzt Mashayekhi, mit dem ihn eine längere Freundschaft verbindet und der die Osnabrücker eingeladen hatte, fest gehalten.

Kein Protest??? Ich habe Broder nicht bei den Verhandlungen im 7. Stock von Talar-e Vahdat gesehen, als sehr lautstark darüber gestritten wurde, dass wir selber bestimmen wollen, was das Orchester spielt. Wer es nicht glauben mag: der Kulturbeauftragte der deutschen Botschaft in Teheran war dabei und wird sicher die sehr undiplomatische und sehr lautstarke Art, in der ich unseren Standpunkt vorgetragen habe, noch in Erinnerung haben.

Ich bin mir allerdings nicht ganz sicher, ob Mashayekhi, dem zu große Verwestlichung vorgehalten wird, mit Protesten aus Osnabrück sehr geholfen wäre. Praktische Zusammenarbeit ist da hilfreicher – aber die ist Broder ja ein Dorn im Auge.

Bundestagsdelegation. Mal abgesehen davon, dass mir nicht ganz klar war, was sechs Bundestagsabgeordnete als touristische Begleiter zu dem Gelingen des Unternehmens hätten beitragen können, ging es nicht um hoch- oder weniger hochrangig, sondern um etwas ganz Schlichtes. Wir wollten jeden Anlass von vorne herein vermeiden, der der iranischen Seite als Handhabe für eine Propagandashow für das Regime hätte dienen können. Bringen wir Bundestagsabgeordnete weiß man nicht, was für eine Parade von Politikern der Iran dann aufgefahren hätte. Lassen wir es lieber.

Man kann den Musikern aus Osnabrück zugute halten, dass sie mit besten Absichten in den Iran geflogen sind, muß aber auch große Naivität bei Planung und Durchführung der Reise feststellen, die nur noch von Herrn Döring von der Neuen Osnabrücker Zeitung übertroffen wird. Er schreibt in einem Artikel vom 3.9.2007, der online leider nicht mehr verfügbar ist: „Wäre Ahmadinedschad zum Konzert in der Vahdat-Hall erschienen, wäre das Orchester nicht aufgetreten.“ Das glauben nicht einmal die Osnabrücker Sinfoniker.

Nun. Dreyer hat es während der Verhandlungen mit der iranischen Seite gesagt. Ich habe es ebenfalls gesagt. Kronzeuge auch hier der Kulturreferent der deutschen Botschaft.

Aber zugegeben: es war ein Bluff. Wir waren uns sicher, dass Ahmadinejad zu keinem der beiden Konzerte kommen würde. Zum einen gilt er nicht unbedingt als Liebhaber westlicher Klassiker. Zum anderen würde er solch einer Veranstaltung durch seine Anwesenheit nicht seinen persönlichen Segen geben. Für ihn sind Beethoven, Elgar und Brahms Vertreter einer dekadenten und subversiven Kultur.

Genau das war ja der Grund, warum wir das Orchester in den Iran gebracht haben.

Kommentare

Es sind 2 Kommentare vorhanden. Kommentar hinzufügen!

  1. von
    Jens-Olaf
    am
    24. September 2007 um 03:27 Uhr

    Danke für die Internas. Wer die Entstehung des Morgenlandfestivals von Anfang an mitverfolgt hätte, wäre nicht auf so wüste Vorwürfe gegen den Auftritt des Orchesters in Teheran gekommen.

  2. von
    Karl Cervik
    am
    21. October 2007 um 01:14 Uhr

    Broder trägt nicht wesentlich zur Wahrheitsfindung bei, weil auch das Zutreffende im Sumpf seiner Moralsuppe in ein unverständliches Gechwafel versinkt. Für das Lesen seiner sophistischen Gedanken-spielereien ist die Zeit zu schade.
    Klingt etwas konfus? Frei nach Broder - nach Lesen einiger seiner Sätze.

Kommentar schreiben

Alle mit * gekennzeichneten Felder sind erforderlich. Die Email-Adresse wird nicht veröffentlicht.