Wohnung

Als im Juli letzten Jahres der Vertrag auslief, verlangte der Vermieter, ein Geschäftsmann, der über eine Reihe von Wohnungen verfügt, eine Mietserhöhung um 200.000 Toman. Eigentlich sind nur Erhöhungen um 10 Prozent erlaubt, aber – so der Besitzer – alles war teurer geworden, die Tomaten, die Äpfel, die Zwiebeln und die Wohnungen halt auch. Der Mann hatte nicht Unrecht. Ahmadinejad war an die Macht gekommen und seine Wirtschaftspolitik trieb die Preise in die Höhe. Offiziell betrug die Inflationsrate um die 14 Prozent, aber die Wahrheit lag wohl irgendwo über 20 Prozent. An die 10-Prozent-Regel hält sich allemal niemand.

Wir verhandelten und einigten uns auf 150.000 Toman mehr – mein zähneknirschender Tribut an Ahmadinejads verfehlte Politik. Da sich die Währungskurse inzwischen ebenfalls geändert hatten, betrug die Miete allerdings in Euro gerechnet in etwa so viel wie beim Einzug.

Ein Aufschlag von 150.000 Toman entsprach einer Mieterhöhung von gut 20 Prozent. Nun verlangte der Mann am Telefon (rechnen Sie selbst!!) schlicht das Doppelt! Eine Mieterhöhung um 100 Prozent!!!!

Lautstarke Empörung auf meiner Seite. „Auf keinen Fall!“ „Was denken Sie sich dabei?“ „Haben Sie gar keinen Anstand?“ Auf der anderen Seite stoische Ruhe. Mit dem Satz „Überlegen Sie es sich“ beendete er das Gespräch.

Natürlich war das nicht das letzte Wort. Im Iran kann man immer verhandeln, aber es war auch klar, dass der Vermieter nicht allzu viel in seiner Forderung nachlassen würde. Zwei von 14 Familien sind in den letzten Wochen aus unserem Haus bereits ausgezogen, weil auch von ihnen eine saftige Erhöhung verlangt wurde, die sie sich nicht leisten konnten. Die Wohnung eines Kollegen wurde vor zwei Monaten frei. Der Besitzer verlangt nun das Doppelte. Überall in der Stadt schießen seit rund 8 Monaten die Mieten in den Himmel. Die Nachbarn klagen, Unbekannte werfen in den Taxis empört die Hände in die Luft.

Auch das hat mit Ahmadinejad zu tun. Mit seinen großen Tönen und starken Worten hat er die Konfrontation mit dem Westen über das Atomprogramm noch verschärft. Die USA haben begonnen, den Iran von den internationalen Finanzmärkten zu isolieren. Teilen der Wirtschaft geht es schlecht. Die Teheraner Börse kriselt. Was kann man in unsicheren Zeiten mit seinem Geld tun? Immobilien gelten immer als eine halbwegs sichere Anlage. Also kaufen die, die Geld haben, Wohnungen, bevor die Inflation den Wert ihres Vermögens wegfrisst. Da die Nachfrage nach guten Immobilien das Angebot bei weitem übersteigt, klettern die Preise in die Höhe – womit dann auch noch die Spekulanten angezogen werden, die sich kurzfristige Gewinne erhoffen.

Die Entwicklung hat noch eine andere Seite, die mich zum doppelten Opfer des Immobilienbooms werden lässt. Es wird wie verrückt gebaut. Aufgrund der hohen Preise erscheinen Wohnungen als ein todsicheres Geschäft.

Im Mai rückte ein Abrisskommando an, um unser Nachbarhaus, ein älteres, zweistöckiges Wohnhaus, Stein für Stein abzutragen. Es soll durch ein mehrgeschossiges Hochhaus ersetzt werden. Die Baugrube wurde vertieft, wobei die Bagger jeweils nur nach Mitternacht arbeiten. Es gibt in Teheran eine Vorschrift, dass LKWs nur nach Mitternacht in die Innenstadt fahren dürfen, um die allemal überfüllten Strassen nicht zusätzlich zu belasten. Der Bagger arbeitete nur eine Wand von unserem Schlafzimmer entfernt, und während des Sommers, wenn auch nachts die Temperaturen nicht unter 25 Grad fallen, hat man eigentlich keine andere Wahl, als die Fenster offen zu lassen. Die Bauarbeiter standen direkt neben meinem Kopfkissen. Derzeit werden gerade die Fundamente gegossen. Die Betonmischer kommen auch immer erst nach Mitternacht.

Fünf Häuser die Strasse hinauf, wurde gleichzeitig mit einem Neubau begonnen. Drei Häuser die kleine Strasse hinunter auf der anderen Seite tauchten vor zwei Monaten die Bagger auf, um eine Baugrube auszuheben. Der 24stündige, sieben Tage die Woche Lärm wird uns noch eine Weile erhalten. Neben der unverschämten Mieterhöhung ist dies für sich eigentlich schon Grund genug, sich nach einer anderen Wohnung umzuschauen.

Z und ich haben uns umgeschaut. Wenn wir bei den Immobilienmaklern unsere alte Miete nennen und nach einer vergleichbaren Wohnung fragen, ernten wir Stirnkrausen und Kopfschütteln.  Zu dem Preis gibt es nur noch zwei Zimmer Wohnungen ohne Aufzug mit Blick auf die Wand des Nachbarn.

Gleichzeitig verhandeln wir mit unserem alten Vermieter. Es ist ein zähes Ringen. Wir machen ein Angebot. Nach mehreren Tagen erhalten wir ein Gegenangebot, worauf wir wiederum unser Angebot ein Stück nach oben revidieren. Es sieht so aus, als ob wir uns auf einen Betrag von 10 Millionen Deponat und 800.000 monatlich zu bewegen würde.

Verrechnet man das Deponat auf die monatliche Miete, dann wären dies umgerechnet 870 Euro. Nein, Teheran ist kein billiges Vergnügen.

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