Steinigung

20. June 2007 - 16:00

070620_stone.jpg

Die Frauenbewegung im Iran mag durch die jüngsten Verhaftungen und durch die Schließung von NGOs einen Rückschlag erlitten haben, aber sie ist deshalb nicht verschwunden.

Gegen Mittag landete in meiner (und wahrscheinlich in Hunderten anderer) Mailbox ein Alarm. Überschrift:

A Man and a Woman Schedule To Be Stoned on Thursday, June 21

In der Kleinstadt Takestan, gut 150 Kilometer westlich von Teheran, war für morgen eine Steinigung einer Frau wie eines Mannes angesetzt worden. Beiden wurde gemeinsamer Ehebruch vorgeworfen, was nach islamischem Recht mit Steinigung bestraft werden kann.

Diese Strafe existiert im Iran immer noch, obwohl die Regierung in Tehran öffentlich erklärt hat, sie wolle diese brutale Art der Hinrichtung nicht mehr durchführen. Dennoch sprechen Richter immer mal wieder diese Strafe aus. In der überwiegenden Mehrheit der Fälle, wird das Urteil nicht vollstreckt, wenn es öffentlich wird. Die Verurteilten bleiben aber in Haft.

Im letzten Jahr wurde bekannt, dass in Maschad eine heimliche Steinigung stattgefunden hat. Das junge Paar wurde von einer ausgesuchten Gruppe von Freiwilligen auf einem Friedhof zu Tode gepeinigt und dort auch sofort begraben. Die Idee der Steinigung besteht eigentlich darin, dass die „Gemeinde“ selbst Hand anlegt, um das „Böse“ aus ihren Reihen zu tilgen.

Ich habe bei der zuständigen Behörde sofort eine Reiseerlaubnis nach Takestan beantragt. Ausländische Journalisten sind gehalten, Reisen 24 Stunden vorab bei der Polizei zu melden. Ershad erteilte mir den Rat, diese Steinigung besser nicht drehen zu wollen, weil dies für mich sehr gefährlich werden könne. Dies war – ich kenne die Mitarbeiter dort nun schon seit mehr als drei Jahren – nicht als Drohung sondern als persönliche Sorge gemeint.

Am späten Nachmittag kam dann die Nachricht, das übergeordnete Gericht in Qazwin habe die Steinigung einstweilen gestoppt, die Polizei in Takestan setze die Vorbereitungen aber fort. Die beiden Löcher, in die die Verurteilten bis zur Hüfte gesteckt werden, seien schon gegraben, das Gelände selbst abgesperrt.

Hinzu gefügt war die Telefonnummer des Gerichts in der Provinzhauptsatdt Qazwin. Als ich dort anrief, nahm niemand den Hörer ab.

Im Iran gilt nicht unbedingt immer, dass ein Richter der Entscheidung eines übergeordneten Gerichts auch folgt. Es ist also nicht sicher, dass die Steinigung tatsächlich nicht stattfindet.

Sie war für morgen um 09:00 angesetzt.

7 Kinder + mehr

19. June 2007 - 08:10

Am vergangenen Sonntag sind erneut sieben Kinder bei militärischen Operationen von NATO Truppen gegen die Taliban in Afghanistan ums Leben gekommen. Sie wurden getötet, als US Kampfflugzeuge eine Siedlung bombardierten, in der al-Qaida Mitglieder vermutet wurden.

Die NYT veröffentlicht bei dieser Gelegenheit neue Zahlen zu den zivilen Opfern von NATO Einsätzen in Afghanistan.

More than 130 civilians have been killed in airstrikes and shootings in the past six months, according to Afghan authorities.

That toll may soon inflate dismally. Afghan officials said late Monday that more than 50 civilians may have died during fierce fighting over the past three days between NATO forces and the Taliban in the Chora district of the southern province of Uruzgan.

Von bedauerlichen Einzelfällen kann sicher nicht mehr die Rede sein.

Beben

18. June 2007 - 20:45

070618_quake.jpg

Es hat heute Nachmittag kräftig gewackelt. Schon das zweite Mal in den gut drei Jahren, die ich in Teheran lebe.

Der Computermonitor schwankte von rechts nach links und zurück. Ein flaues Gefühl machte sich in meinem Bauch breit und das ganze Gebäude begann zu knacken und zu ächzen.

Wie stark das Beben war? Keine Ahnung. Der Kaffe ist nicht übergeschwappt, aber die Tasse war auch schon halb ausgetrunken.

Im Radio war zu hören, das Beben habe eine Stärke von 5,9 auf der Richter-Skala gehabt und sein Zentrum habe ein Stück südlich von Qom, rund 150 Kilometer von Teheran gelegen. Ein paar Häuser seien dort zerstört worden. Menschen seien nicht zu Schaden gekommen und in Teheran sei nichts passiert.

Das Beben war immerhin stark genug, um die dicke Schicht aufzubrechen, unter der ich zu vergessen versuche, dass Teheran akut erdbebengefährdet ist. Zwei Spalten laufen mitten durch die Stadt. Irgendwann wird es ganz gewaltig wackeln.

Meine aufgeschreckten Nachbarn und ich sind wieder in unsere Wohnungen zurück gekehrt. Das flaue Gefühl im Bauch ist geblieben.

Rushdie

17. June 2007 - 22:25

070617_rushdie.jpg

Um es gelinde (sehr gelinde!) zu sagen: der Iran und Salman Rushdie stehen nicht auf dem besten Fuß.

1989 erließ Ayatollah Ruhollah Khomeini eine Fatwa gegen den Autor, weil sein Buch „Satanische Verse“ nach Ansicht des verstorbenen Revolutionsführer Gotteslästerung sei. Was damals genau Khomeini zu diesem Schritt veranlasst hat, ist an dieser ein wenig zu kompliziert zu erläutern, aber unter dem Strich blieb, dass Rushdie um sein Leben fürchten und mehrere Jahre untertauchen musste.

Rushdie tritt inzwischen wieder öffentlich auf und die Geschichte ist ein wenig in Vergessenheit geraten. 1998 rückte die iranische Regierung von dem Rechtsspruch des Gründers der islamischen Republik ab und erklärte, sie betreibe nicht aktiv Rushdies Ermordung.

Heute macht der Fall wieder Schlagzeilen. Rushdie ist von der Queen zum Ritter geschlagen worden, woran das Außenministerium in Teheran wieder Anstoß nimmt.

The Iranian Foreign Ministry spokesman said Rushdie, awarded the knighthood for services to literature in Queen Elizabeth’s birthday honors list published on Saturday, was “one of the most hated figures” in the Islamic world.

“Honoring and commending an apostate and hated figure will definitely put the British officials (in a position) of confrontation with Islamic societies,” Hosseini said.

“This act shows that insulting Islamic sacred (values) is not accidental. It is planned, organized, guided and supported by some Western countries,” he told a regular briefing. (Reuters)

Ich kenne eine ganze Reihe von Leute, die in der islamischen Welt weit mehr gehasst werden, als ausgerechnet der britische Schriftsteller, dessen Buch dank der Zensur „in der islamischen Welt“ kaum jemand kennt.

Nun gut, aber ob Herrn Hosseini mal durch den Kopf gegangen sein mag, dass es auch im Westen Werte gibt, die wir zwar nicht heilig nennen, an denen wir aber nichts desto trotz hängen. Beispielsweise Toleranz und das Recht des Einzelnen, seine Meinung frei zu äußern ohne befürchten zu müssen, dafür mit dem Tod bestraft zu werden.

Wenn diese Werte verletzt werden, geben wir uns allerdings nicht gleich beleidigt. Aber mögen tun wir es dennoch nicht.

Schutzschild

16. June 2007 - 21:28

070616_nato.jpg

Immer wider werden unbeteiligte Zivilisten in Afghanistan in den Kämpfen zwischen NATO Truppen und den Taliban getötet. Diese Vorfälle haben eine Größenordnung erreicht, dass sie nicht mehr einfach als vereinzelte Unfälle abgetan werden können.

Nicht nur unschuldige Menschen werden getötet, sondern die Vorkommnisse drohen auch das politische Ziel der NATO Mission zu gefährden. Mit jedem erschossenen Passanten und jedem fälschlich bombardierten Haus verliert der Westen an Sympathien und die Stimmung droht sich gegen die „Ausländer“ zu wenden.

Bei der NATO hat man das Problem erkannt und sich auf der Tagung der Verteidigungsminister am Freitag in Brüssel Gedanken darüber gemacht, wie man eine Wiederholung solcher Vorkommnisse verhindern kann.

“We discussed measures to help us do better, and that is constantly and permanently looking at our procedures,” NATO Secretary General Jaap de Hoop Scheffer told reporters after the meeting Friday. (AFP)

Laut Scheffer trifft aber nicht die NATO die Schuld, wenn unbeteiligte Zivilisten ihr Leben verlieren, sondern die Verantwortung liege in erster Linie bei den Taliban.

“They are waging this indirect war against us by exploiting civilians, by using them as human shields, by terrorising them, by burning schools, by beheading people,” he said.

Ein ähnliches Argument brachte Bundesverteidigungsminister Franz Josef Jung am selben Tag in einem Gespräch mit dem Deutschlandfunk.

Es ist auch teilweise eine perfide Strategie der Taliban, sich hinter der Zivilbevölkerung zu verschanzen.

Jung fügte sehr richtig hinzu:

Aber wir müssen dort darauf achten, dass wir möglichst keine Schäden, Kolateralschäden, bewirken also auch im Hinblick auf die Zivilbevölkerung, weil wie gesagt: Wir brauchen das Vertrauen der Bevölkerung und das ist das Entscheidende. Deshalb müssen wir dort sehr abgestimmt und verhältnismäßig reagieren.

Es ehrt den Minister, dass er die beiden Worte „auch“ und „teilweise“ einfügte. Das relativiert das Argument. Die Ursache für die „Kolateralschäden“ (Menschen, die das Pech hatten, am falschen Zeitpunkt am falschen Ort zu sein, und dafür mit ihrem Leben bezahlten) ist nicht allein die Strategie der Taliban, sondern dies trifft nur „teilweise“ zu. In vielen Fällen sind es NATO Soldaten, die aufgrund falscher Informationen, aus Unachtsamkeit oder schlicht weil sie die Situation nicht unter Kontrolle haben, unbeteiligte Zivilisten töten.

Gestern attackierte ein Selbstmordattentäter in Kabul einen Konvoi mit amerikanischen Zivilbeschäftigten. Er tötete vier Passanten und verletzte einen der Amerikaner. Wenig später tauchten US Soldaten auf und eröffneten das Feuer in die umherstehende Menge. Ein Lastwagenfahrer namens Aziz, der sich kurz vorher noch drei Pepsi gekauft hatte, wurde getötet. Ein zweiter Zivilist wurde verwundet.

Ein Sprecher der US Army sprach von einem „unglücklichen Vorfall“ und vermutete, eine Waffe haben sich unbeabsichtigt entladen. Er kündigte eine Untersuchung an.

Dies war der jüngste Fall einer Tötung eines Unbeteiligten durch NATO Soldaten, der bekannt wurde. Es gibt andere. Weiterlesen →