Schlaf

Es war einmal ein Nachbarhaus, das gleich neben einen schmalen, verwahrlosten Grundstück nördlich an unser Grundstück angrenzte. Es war zweistöckig und besaß wie alle Häuser in Teheran ein Flachdach mit einer kleinen Brüstung. Zur Strasse hin stand ein Baum, in dessen Schatten öfter ein älterer Mercedes geparkt war.
Von den Bewohnern des Nachbarhauses habe ich nicht viel gesehen, weil wir kein Fenster zu dieser Seite haben. Man muss sich ein Stück aus dem Fenster meines Arbeitszimmers lehnen, um einen Blick auf ein Stück Balkon und manchmal auch auf eine offene Tür zu werfen, durch die ein Stück Teppich und die Rückseite eines Sessels zu sehen sind. Nicht der Mühe wert.
Der Baum steht noch, wenn er auch ein wenig ramponiert ist. Das Haus dagegen liegt in Trümmern.
Vor einer Woche rückte ein Abrisskommando an und zerlegte Stück um Stück das Gebäude in seine Einzelteile, nachdem die Bewohner von uns unbemerkt ausgezogen waren. Die Brüstung wurde abgetragen, dann wurde das Dach in Einzelteile zerlegt, die Fenster heraus genommen und die Stahlkonstruktion, die dem Haus von innen Halt gibt, demontiert.
Offensichtlich macht das zweistöckige Gebäude Platz für ein mehrgeschossiges Wohnhaus. Mehr Wohnraum, mehr Geld für den Bauherrn resp. den Vermieter.
Alles nicht so schlimm, wenn der Schutt nicht abtransportiert werden müsste. Ab Mitternacht setzt sich deshalb der Bagger in Bewegung und belädt die LKWs, die die Steine und das Geröll wegfahren. Es ist ein Heidenlärm. Der Motorenlärm des Baggers, der Motorenlärm der LKWs, das Poltern der Steine auf der Ladefläche.
Abgeschirmt wird dieses Inferno nur durch die dünne Außenmauer unseres Hauses. Direkt dahinter steht mein Bett, Kopfende zur Mauer hin.
Die Leute sind in ihrer Arbeit auch nicht zu stoppen. Um das Verkehrschaos in der Stadt ein wenig zu zügeln, ist eine Verordnung erlassen worden, dass LKWs nur zwischen Mitternacht und sechs Uhr morgens im inneren Bezirk fahren dürfen. Folglich kann der Schutt erst ab Mitternacht abtransportiert werden.
Vielleicht könnte man ich mich mit dieser Ausnahmesituation noch irgendwie arrangieren, in dem ich einfach am Morgen schlafe, obwohl es mit Sonnenaufgang unangenehm warm zu werden beginnt. Das Problem: der Presslufthammer. Während des Tages muss das Haus zerlegt und der Schutt produziert werden, der dann nachts auf die LKWs geladen wird.
Ich schätze mal, dass es noch eine gute Woche dauern wird, bis der Abriss beendet wird. Dann muss die Baugrube ausgehoben werden, wobei wiederum Erde anfällt, die abgefahren werden muss. Danach muss die Stahlkonstruktion, die Gebäude erbebensicherer machen soll, in den Boden gerammt und verankert werden.
Zwei Monate wird das sicher noch dauern.
gepostet am 27. May 2007 um 21:22 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Kommentare
Es ist kein Kommentar vorhanden. Kommentar hinzufügen!