Gelüste

Gern gestellte Frage: was vermisst man, wenn man seit Jahren im Iran lebt?
In meinem Fall weit weniger, als die Fragesteller, die oft glauben, der Iran sei das Herz der Finsternis, annehmen mögen. Klar, ich vermisse Freunde, aber ich lebe nicht in einem Land, wo die Errungenschaften der Zivilisation weitgehend unbekannt sind.
Es gibt nicht wenig, was ich ausdrücklich nicht vermisse, und anderes, das zu privat ist, als dass ich es hier erwähnen würde.
Okay, ein paar Dinge, die ich vermisse: die Fußballbundesliga am Samstagnachmittag im Radio, Frühstück in einem der Bremer Cafes im Steintor oder Ostertor, der regelmäßige Besuch im Buchladen Ostertor, um in den Neuerscheinungen zu blättern und die Bratwurst am Markt.
Diese Bratwurst (Rostbratwurst!) lässt sich nur schwerlich als eine Delikatesse verteidigen und angesichts meiner hohen Cholesterolwerte sollte jede einzelne Wurst eigentlich eine Gesundheitswarnung tragen.
Aber der Geschmack ist auch weit weniger wichtig als die Erinnerungen, die mit dem Verzehr der Wurst verbunden sind. Es war einst eine Tradition nach dem samstäglichen Einkauf in der Innenstadt mit vollen Plastiktaschen und glücklich darüber, es gerade noch vor der Ladenschlusszeit um 14 Uhr geschafft zu haben, eine Rostbratwurst zu treffen. Die Wurst war so etwas wie die fleischliche (so hoffe ich doch) Scheidelinie zwischen den Pflichten des Wochenendes und unbelastetem Müßiggang.
T, dessen Geduld ich heute gehörig damit strapaziert habe, indem ich ihn erst zum Frühstück im Cafe Engel, dann zum Einkaufen in der Innenstadt und schließlich zu einer Rostbratwurst überredet habe, registriert meinen Nostalgieanfall mit höflichem Schweigen. Aber erst seine Wurst ja auch mit Ketchup.
Ach ja, und noch etwas vermisse ich: Radio Bremen, wo ich lange Jahre gearbeitet habe, hatte einst sehr zu recht den Ruf, in seinem Radioprogramm viele Nischen für Ungewöhnliches bereit zu halten. So konnte man dort fast jeden Abend Musik hören, deren Interpreten es erst noch zu entdecken galt. Das hat sich schon lange geändert, aber die Lust auf ungewöhnlichen Musikgenuss, auf das Schräge und Unerwartete, ist immer noch wach.
Im „Offenen Kanal“ Bremens, eine Spielwiese für ambitionierte, aber unbezahlte Radiomacher, ist in dem Programm „Schwankungen“ (auch als Live-Stream und podcast) Musik u.a. von Human Fly, Hum, Ryan Adams, T-Bone Burnett, Lila Downs oder Gary Jules zu hören.
Ich habe gar nicht gewusst, was ich alles vermisst habe.
PS: Owi, cheli mamnun!!
gepostet am 21. April 2007 um 23:47 von unter Deutschland. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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