Zwei Klassen von Geiseln

Am vergangenen Monatg wurde der italienische Kollege Daniele Mastrogiacomo, der für La Republica schreibt, nach 15 Tagen Geiselnahme von Taliban wieder freigelassen.

Die italienische Regierung hatte sich der Forderung der Geiselnehmer gebeugt und die afghanische Regierung dazu veranlasst, fünf gefangene Taliban als Gegenleistung auszutauschen.

Der Vorgang hat für eine heftige Diskussion gesorgt. Ist es klug, sich den Forderungen von Kidnappern zu beugen? Ermutigt dies nicht eher weitere potentielle Geiselnehmer?

Der niederländische Außenminister Maxime Verhagen hält solch einen Ausgang für grundsätzlich falsch:

“When we create a situation where you can buy the freedom of Taliban fighters when you catch a journalist, then in the short term there will be no journalists anymore.� (NYT)

Der Sprecher des italienischen Premierministers Romano Prodi, Silvia Sircana, verteidigte dagegen den Handel.

“So if there is a chance to save a life, we must do all we can do. And this was our very simple line, and not anything more.�

Ein Dilemma. Im allgemeinen würde ich wohl Verhagen zustimmen. Würde ich selbst gekidnappt, würde ich hoffen, dass die Bundesregierung ähnlich handeln würde wie jetzt die Italiener.

Die Geschichte hat noch eine andere Seite. Mastrogiacomo wurde von einem Fahrer und einen Dolmetscher begleitet, als er am 5. März in Nadali in der Provinz Helmand festgenommen wurde. Der Fahrer wurde von den Taliban geköpft. In den ersten Meldungen hieß es, auch der Übersetzter, Adjmal Naqshbandi, sei freigelassen worden.

Das scheint aber nicht zuzutreffen. Von Naqshbandi fehlt bislang jede Spur.

Den Angehörigen des getöteten Fahrers, Sayed Agha, ist es zudem nicht einmal gelungen, den Leichnam für eine angemessene Beerdigung von den Taliban zu erhalten.

Nicht wenige Afghanen sind empört, dass die eigene Regierung bereit ist, sich zwar um die Freilassung eines ausländischen Journalisten zu kümmern, offensichtlich aber wenig für einen eigenen Staatsbürger tut.

Von der italienischen Regierung kein Wort dazu, ob sie sich auch für die beiden Afghanen eingesetzt hat, die Mastrogiacomo begleitet haben.

Trifft es zu, dass Naqshbandi im Stich gelassen wurde, ist dies sicher kein Dilemma, sondern einfach eine Schweinerei.

PS: Bei dieser Gelegenheit möchte ich gern auf die hervorragenden Afghanistan-Berichte des Institutes for War and Peace Reporting hinweisen, die hier zu finden sind.

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