Subversive Erscheinungsweise

Für Neuankömmlinge mag der Verlauf etwas verwirrend sein, aber mit den Jahren glaube ich den Trick halbwegs herausbekommen zu haben.

Für 14 Uhr ist heute vor dem Parlamentsgebäude die zweite Demonstration des Tages angekündigt – nicht auf Flugblättern, Plakaten oder in der Zeitung, sondern es wird geraunt und gemurmelt. Per SMS, auf Webseiten und in Weblogs sowie von Mund zu Mund werden Termin und Ort weitergegeben. Das System funktioniert zumindest soweit, dass der Kreis der Aktivisten und der Freunde der Aktivisten erreicht wird.

Demonstrationen zum Anlass des Internationalen Frauentages waren in der Vergangenheit verboten und das ist auch heute nicht anders. Es geht also darum, die Sicherheitskräfte zu überlisten, wobei das Risiko nicht unerheblich ist. Gerät man den Sicherheitskräften in die Hände oder entscheidet sich die Polizei zum harten Durchgreifen, kann dies mit einer Platzwunde von einem Knüppelschlag auf den Kopf oder mit Verhaftung und wochenlanger Inhaftierung im berüchtigten Ewin Gefängnis enden.

Um 13:45 sind rund um den Platz vor dem Parlament und am Eingang zur U-Bahn-Station direkt gegenüber kleinere Gruppen von Frauen zu sehen, die abwartend zusammenstehen. Am Außenzaun vor dem Parlamentsgebäude diskutiert heftig eine gemischte Gruppe miteinander, die noch von der Lehrerdemonstration vom Vormittag übrig geblieben ist. Einige der Frauen wollen bleiben, um an der Frauendemonstrationen teilzunehmen, einige der Männer drängen sie, besser mitzukommen, denn dies sei eine Demonstration von „Feministinnen“, die „sich alle möglichen Freiheiten herausnehmen“. Fünf der acht Frauen bleiben schließlich.

Da ich es bei Veranstaltungen dieser Art für ratsam halte, mich der Polizei als Journalist vorzustellen (wenn man erst einmal verprügelt wurde, wird der Presseausweis zum schwachen Trost) reiche ich einem Offizier mit zwei goldenen Verzierungen auf jeder Schulter die Hand und frage arglos, ob es zutreffe, dass es hier heute eine Frauendemonstration geben soll. Er nickt. Ob die Demonstration denn legal sei? Verneinendes Kopfschütteln. Was die Polizei denn zu unternehmen gedenke? „Sollten sie versuchen, hier eine Demonstration abzuhalten, werden wir sie verprügeln und versuchen, sie viele von ihnen zu verhaften wie möglich“, antwortet er mit einem Gesichtsausdruck, als habe ich ihn nach dem Weg gefragt. Ich versichere mich noch mal bei Z. „Ja, genau das hat er gesagt!“

Gegen 12:15 hat die Zahl der Frauengruppen stark zugenommen und sie beginnen sich zu größeren Gefügen zusammenzuballen. Die Polizei beginnt den Platz vor dem Parlament zu räumen. „Gehen Sie bitten weiter! Nicht stehen bleiben!“ Der Ton ist anfangs höflich, aber weil nicht jeder Passant und nicht jede Demonstrantin einfach wie ein Schaf vor einer Polizeikette hergetrieben werden will, wird die Atmosphäre zunehmend ruppig. Es wird geschupst und gestoßen. Einer Frau mit weißem Kopftuch wird das Handy aus der Hand geschlagen, weil sie telefoniert, ihr Begleiter, der sich schützend vor sie stellt, zu Boden geworfen.

Mehr und mehr zivil gekleidete Sicherheitsbeamte mit Walkie-Talkies tauchen auf und mischen sich in das Gemenge.

Es sind recht wenig Journalistenkollegen zu sehen. Keine Kameraleute. Auf sie sind die Sicherheitsbeamten besonders scharf. Wer filmt oder fotografiert – so war es in der Vergangenheit - wird gezwungen, sein Material herauszugeben.

Als ich zwei, drei Fotos mit meiner kleinen Digitalkamera mache, geht die Meute auf mich los und will den Apparat. Ich lehne ab und gehe weiter. Sie stürmen hinter Z und mir her, wollen mich festhalten. Ein Trupp weiblicher Polizistinnen taucht auf und versucht Z, die ihre Kamera nicht einmal ausgepackt hat, zu haften. Unvermittelt schlägt eine von ihnen Z ins Gesicht. Es kommt zu einem Gerangel. Z versucht mich festzuhalten, um mich vor einer Verhaftung zu schützen, während die Polizistinnen sie loszumachen versuchen. Ich versuche Z und gleichzeitig meinen Rucksack festzuhalten, an dem zwei Sicherheitsbeamte zerren. Ein Sicherheitsbeamter nutzt den Tumult, um mir von hinten die Kamera aus der Hosentasche zu stehlen und damit davon zu laufen.

Ein Polizist mit gleich drei goldenen Sternen auf jeder Schulter taucht auf und die Polizistenmeute lässt von uns ab. Der Offizier macht eine entschuldigende Geste und ordnet an, dass mir die Kamera zurückgegeben wird. Es fehlt die Speicherkarte mit den Fotos (sorry, keine Fotos). Demonstrantinnen nehmen Z in den Arm und fragen, ob alles okay sei.

Eine der Veranstalterinnen der Demonstration kann mit einem Megaphon eine kurze Rede halten. Sie ruft zur Besonnenheit auf. Man solle keine Gewalt provozieren. Die Veranstaltung heute sei schlecht vorbereitet, nachdem am Sonntag 34 Aktivisten festgenommen worden sind, aber sie hoffe, dass es im nächsten Jahr eine größere Demonstration geben werde, die nicht von der Polizei aufgelöst werde.

Unter Schupsen und Drängen der Sicherheitsleute löst sich die Versammlung auf. Es ist schwer zu sagen, wie viele Frauen teilgenommen haben. Ich schätze, dass es 200, vielleicht auch 250 waren, die versucht haben, zu tun, was in jedem freien Land ein selbstverständliches Recht ist.

Nachtrag: sieben Frauen sollen während oder nach der Demonstration festgenommen worden sein, meldet eine studentische Webseite. Ihr Aufenthaltsort ist unbekannt.

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