Imperfect Tourists

Ich habe selbst nicht so recht daran geglaubt, dass es Z und mir gelingen könnten, fünf Tage lang still zu sitzen, aufs Meer zu schauen, Bücher zu lesen und zu schlafen. Entspannen ist eine enorm anstrengende Tätigkeit.
Z entdeckte als erste, wie großartig das Licht nachmittags ab vier zum Fotografieren ist. Sie entdeckte vor einem Hare Krishna Tempel im Zentrum von Murud eine Gruppe Frauen, die Geröll auf einen LKW verluden. Die Last wurde in eine gewölbte Metallschale geschaufelt, auf den Kopf gehievt und so bis zu dem Lastwagen getragen, auf deren Ladefläche eine weitere Frau die Schale in Empfang nahm und sie ausschüttete. Zwei Männer standen daneben und führten schwatzend die Aufsicht. Dies nahm unsere Aufmerksamkeit schon einmal bis zum Sonnenuntergang in Anspruch.
Dann gibt es in Murud unendliche viele Kinder, die alle fotografiert werden wollen. Sie stellen sich in Pose, feixen, drängeln sich vor das Objektiv, ziehen Fratzen oder scheinen den Tränen nah zu sein. Und es gibt die Kinder, die eigentlich zu scheu sind, um sich fotografieren zu lassen, an denen Z aber besonders interessiert ist und sie mit viel Geduld dazu bringt, genug Vertrauen ihr entgegen zu bringen, um ein paar Momente ruhig zu stehen und ihr Gesicht nicht zu verstecken.
Niemand, der Indien besucht, kann die farbenfrohe Kleidung der Frauen ignorieren. Erst recht nicht Z. Kleine staubige Läden wurden durchkämmt und nach langer Suche entschied sie sich schließlich für zwei Kurtas, die am anderen Tag wieder umgetauscht werden mussten, weil sie in der Achsel zu eng waren. Statt dessen kaufte Z nun Stoffe, für die wiederum ein Damenschneider aufgetrieben werden musste. Stil und Zuschnitt wurden diskutiert, Masse genommen. Am nächsten Abend konnten die Kleidungsstücke, an denen zwei Schwestern eine Nacht und einen Tag gearbeitet hatten, anprobiert und nach zwei kleinen eiligen Änderungen endlich mitgenommen werden.
Als zwei Bewohner von Teheran, die Natur nur im stark ausgetrockneten Zustand kennen, sind wir fasziniert von den kleinen silberglänzenden Krebsen, die am Strand leben. Bei Ebbe sind überall kleine Löcher im Sand zu sehen, die von bizarren Mustern und kleinen Sandkugel umgeben sind. Die Krabben leben offensichtlich in diesen Löchern und wenn sich das Wasser zurückgezogen hat, dann huschen sie wie ein vom Wind getriebenes Knäuel filigran gesponnener Woche über den Strand. Frage Nummer eins: wo von leben diese Tiere? Frage Nummer zwei: halten sie so lange die Luft an, wenn bei Ebbe der Strand überflutet wird oder ziehen sie (wie Z vermutet) an eine trockene Stelle um?
Das Zirpen und Schnattern einer Kolonie von Fledermäusen, die in vier Bäumen am Strand ihre Kolonie gegründet haben, hat unsere Aufmerksamkeit geweckt. Am helllichten Tag hängen sie kopfunter an ihren Ästen, recken und strecken ihre lederigen Flügel und warten auf die Dunkelheit. Sie sind das Gegenstück ihrer Artverwandten, die in dunklen Höhlen oder schattigen Winkeln leben, tagsüber schlafen und nachts zum Essen gehen. Die stechende Sonne scheint ihnen nicht viel aus zu machen und wenn sie den ganzen Tag über so einen Lärm machen, nachts aber zur Arbeit gehen, wann schlafen sie dann?
Und nur noch eine weitere von vielen Fragen: warum beugen sich Palmen in den Wind statt vom Wind in ihrem Wachstum in die gegenseitige Richtung gedrückt zu werden?
Schließlich die Speisekarte. Z und ich haben jeden Abend jeden drei, manchmal vier Gänge bestellt, um möglichst viele Gerichte zu probieren. Wir haben dennoch nicht die gesamte Speisekarte geschafft. Die Geschmacksprobe von Pindi Chole muss ebenso auf eine später verschoben werden wie die Aufklärung, ob Chicken Malwani Handi die selbe würzige Frische besitzt wie Murgh Sadwala.
Wir fahren heute nach Mumbai zurück.
gepostet am 2. March 2007 um 14:16 von unter Indien. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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