Aussterbende Gattung

Pamela Constable, eine Kollegin von der Washington Post, schrieb gestern in einem etwas sentimentalen Stück vom Verschwinden der Auslandskorrespondenten.
Der Boston Globe, bei dem Constable mal gearbeitet hat und der immer noch zu den amerikanischen Qualitätszeitungen zählt, hatte im letzten Monaten die Schließung seiner drei letzten Auslandsbüros bekannt gegeben.
Der Globe steht in den USA nicht allein.
Between 2002 and 2006, the number of foreign-based newspaper correspondents shrank from 188 to 141 (excluding the Wall Street Journal, which publishes Asian and European editions). The Baltimore Sun, which had correspondents from Mexico to Beijing when I went to work there in 1978, now has none. Newsday, which once had half a dozen foreign bureaus, is about to shut down its last one, in Pakistan. Only four U.S. papers — the Journal, the Los Angeles Times, the New York Times and The Washington Post — still keep a stable of foreign correspondents.
Auch den TV Kollegen, die in der Regel für recht wohlbetuchte Anstalten arbeiten, geht es nicht besser.
In the 1980s, American TV networks each maintained about 15 foreign bureaus; today they have six or fewer. ABC has shut down its offices in Moscow, Paris and Tokyo; NBC closed bureaus in Beijing, Cairo and Johannesburg. Aside from a one-person ABC bureau in Nairobi, there are no network bureaus left at all in Africa, India or South America — regions that are home to more than 2 billion people.
Ich kenne keine Pläne deutscher TV Anstalten, ihre Auslandsbüros zu schließen, noch weiss ich irgendetwas von ähnlichen Vorhaben bei deutschen Zeitungen oder Zeitschriften. Aller Erfahrung nach wird es aber nur wenige Jahre dauern, bis sich die gleiche Logik auch auf den Vorstandsetagen deutscher Medienunternehmen breit machen wird: Auslandsberichterstattung ist zu teuer.
Schon jetzt ist festzustellen, dass Auslandsthemen nicht unbedingt als auflagen- oder quotengünstig gelten, es sei denn, es handelt sich um Kriege & Katastrophen, es ist exotisch und/oder es menschlicht. Nur wenig Redaktionen sind an einem Stück darüber interessiert, woran es eigentlich beim Wiederaufbau in Afghanistan genau hapert und wer dafür die Verantwortung trägt, und wenn doch, dann bitte in ein Porträt eines deutschen Aufbauhelfer verpackt. Der Schritt, mehr und mehr auf solch sperriges Gut zu verzichten, wenn sich einfacher zu produzierende Geschichten vor der eigenen Haustür, die „unsere Zuschauer/Hörer/Leser direkt angehen“, finden lassen, liegt nah.
Der Rückzug aus der Auslandsberichterstattung findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem es kaum noch zu bestreiten ist, dass die Löhne in Bangladesh auch für die Näherin in San Diego, das Treiben in den Religionsschulen in Karatschi auch für die Passagiere der U-Bahn in London und die Pläne für der Bau neuer Autofabriken in Nordchina auch in Wolfsburg von Belang sind. Das, was „unsere Zuschauer/Hörer/Leser direkt angeht“, liegt nicht mehr unbedingt vor der eigenen Haustür.
Ganz wird man auf die Auslandsberichterstattung nicht verzichten können. Laut Constable ist der mobile Einzelkämpfer das Modell der Zukunft.
In an effort to cut costs, newspapers are replacing bureaus — which require staffs and cars and family housing — with mobile, trouble-shooting individual correspondents. The erstwhile bureau chief in New Delhi or Cairo, chatting with diplomats over rum punches on the veranda, is now an eager kid with a laptop and an Arabic phrase book in her backpack.
So gesehen liege ich ja voll im Trend.
gepostet am 19. February 2007 um 19:05 von unter Medien. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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