HiHitler

23. November 2006 - 18:07

Graffiti, das jüngst an einer Wand bei mir in der Nachbarschaft auftauchte.

Diese gesprühte Aufschrift hat für einigen Unmut gesorgt – nicht wegen des Inhalts, sondern weil die Nachbarschaft verschandelt werde.

Gespräch beim Krämer:

A: „Ist das nun für oder gegen Hitler?“

B.: „Warum soll es denn gegen Hitler sein?“

A.: „Weil Hitler ein Verbrecher war.“

B.: „Wieso? Er war doch gegen die Briten und die Amerikaner.“

A.: „Ja, aber er hat den Krieg angezettelt und die ganzen Juden umgebracht.“

C.: „Das ist aber nicht bewiesen.“

A.: „Natürlich ist das bewiesen. Der einzige, der meint, es sei nicht bewiesen, ist Ahmadinejad.“

C.: „Ach, dieser Ahmadinejad. Er macht auch überall nur Ärger.

B.: “Bewiesen oder nicht. Es ist eine Schmiererei.”

Nagres II

- 09:05

Robert Tait hat heute für den Guardian eine Geschichte über den Fortgang der Affaire um das Sex-Video einer prominenten iranischen Schauspielerin geschrieben.

Robert hat mit der Beschuldigten / Verdächtigen, Zahra Amir Ebrahimi, gesprochen, die bestreitet, die Frau in dem Video zu sein. Vielmehr habe sich ihr Ex-Freund an ihr rächen wollen und mit elektronischen Tricks die Aufnahmen einer anderen Frau so manipuliert, dass sie ihr ähnlich sehe.

Der Ex-Freund, „Mister X“, der eindeutig in dem Video zu identifizieren ist, ist inzwischen aus Armenien zurück in Teheran und sitzt im Gefängnis. Ihm drohen nun bis zu drei Jahre Haft plus eine saftige Geldstrafe für die Weiterverbreitung des Videos.

Robert wird es mir nicht übel nehmen, wenn ich erwähne, dass es auch andere Varianten dieser Geschichte gibt, die Teheran immer noch in Atem hält. Es ist schwierig darüber zu schreiben, weil ich in keiner Weise dazu beitragen möchte, dass irgend jemand deshalb Probleme mit der Polizei bekommt.

Aus Roberts Artikel:

Tehran’s chief prosecutor, Saeed Mortazavi, has ordered police to conduct a special investigation and wants death sentences for those convicted of circulating such productions.

Wer möchte solch einem Mann schon Hinweise geben?

Frischer Wein

22. November 2006 - 07:43

Behalten Sie es bitte für sich: ich war schon ein wenig spät dran, aber ich habe vor drei Wochen 100 Kilo Weintrauen gekauft. Die kleinen ohne Kerne sind die besten und möglichst süß und saftig sollten sie sein. Ich selbst habe kein Auto und musste deshalb die Trauben mit dem Taxi transportieren. Der Fahrer grient. Fast jeder in Teheran in macht es. Er mag sich nur gewundert haben, dass nun auch die Ausländer damit anfangen.

Wir brachten die Trauben nicht zu mir nach Hause. Zum einen verstehe ich nicht viel von der Angelegenheit und zum zweiten bin ich mir nichts sicher, wie ich die Sachen so schnell verstecken soll, wenn doch mal die Polizei vorbei kommt.

Hamid hat mir seine Hilfe angeboten. Er keltert Wein schon seit Jahren und hat es dabei zu einer gewissen Kunstfertigkeit gebracht. Sein Weißwein gehört mit zu den besten illegal Weinen, die ich in Teheran gefunden habe. Das heißt einiges. Sein Roter ist nicht so gut, aber das mag daran liegen, dass er selbst lieber weißen trinkt. Während ich ihm half, meine Trauben von ihren Stielen zu trennen, opferte er eine Flasche des letzten „Jahrgangs“.

Wein selbst du produzieren ist im Iran mehr als eine Notwendigkeit. Da der Alkoholkonsum streng verboten ist, macht es gerade erst richtig Spaß. Zum zweiten ist der eigene Wein weit billiger als das Sortiment, das auf dem Schwarzmarkt angeboten wird. Die Flaschen werden aus dem irakischen Kurdistan, aus der Türkei, Armenien und Aserbaidschan hereingeschmuggelt, aber meist ist es Billigware.

Alkoholische Getränke zu beschaffen, ist in Teheran kein großes Problem. Die Telefonnummern der einschlägigen Händler werden von Hand zu Hand gereicht. Man ruft an, bestellt und kurze Zeit später werden die Flaschen in Plastiktüten verpackt ins Haus gebracht. Die Auswahl ist ein wenig eingeschränkt, aber es gibt Absolut Vodka mit Vanille oder Zitrone, Gordon’s Gin und Black & White Whisky. Die Preise entsprechen dem, was man in Europa zahlen würde. Nur das Dosenbier ist ein wenig teurer und kurz vor der Fußballweltmeisterschaft war so gut wie kein Bier mehr zu haben.

Angeboten werden auch recht zweifelhafte Marken, die meist Kopfschmerzen garantieren, oder auch selbstgebrauter Arak, ein Schnaps, der auf der Basis von allem Möglichen gebrannt wird. Vorsicht ist angebracht. Betrunken ist eventuell okay, aber blind?

Rund 40 Tage dauert es, bis die Trauben zu Wein werden. Die Hälfte der Zeit ist jetzt um.

Hamid sagt, er könne mir auch Etiketten anfertigen. Wie mein Wein denn heißen soll?

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[Dieser Text erschien heute in der Berliner Zeitung]

Heuchelei

20. November 2006 - 11:59

Die von Revolutionsführer Ayatollah Ali Khamene-i herausgegebene Tageszeitung Kayhan ist das Sprachrohr der traditionellen Konservativen im Iran (es ist nicht so einfach, die verschiedenen Farben von konservativ im Iran zu katalogisieren. Es gibt ultra-konservativ, erz-konservativ, traditionell-konservativ oder auch schlicht nur einfach konservativ. Genau genommen sind eigentlich auch die meisten Reformer konservativ, weil auch sie die „Islamische Republik“ nicht grundsätzlich in Frage stellen. Kompliziert wird es noch dadurch, dass einige Gruppen in einigen Fragen extrem konservativ, in anderen aber wieder eher liberal sind. Und dann gibt es noch alle Schattierung dazwischen. Aber das ist ein anderes Thema.). Auf der ersten Seite der englischsprachigen internationalen Ausgabe ist heute neben Meldungen über die russische Haltung zu Sanktionen, Gespräche zum iranischen Atomprogramm und der wirtschaftlichen Unterstützung der Palästinenser durch die Organisation Islamischer Staaten der links abgebildete Artikel zu finden.

Ein Auszug:

Tehran Demands Punishment of U.S. Police

Iranian Foreign Ministry Spokesman Seyed Muhammad Ali Husseini here Saturday condemned beating of an Iranian student by the U.S. police, and called for punitive measures to be taken against those in charge of the sad and regrettable incident.

Es geht um einen Vorfall in der Bibliothek der Universität von Kalifornien (UCLA). Der iranisch-amerikanische Student Mostafa Tabatabainejad wurde am Dienstag letzter Woche von der Campus Polizei hart attackiert, nachdem sich Tabatabainejad weigerte, seinen Studentenausweis vorzuzeigen. Er wurde festgenommen, auf dem Boden geschleift und schließlich mit einer Elektroschockpistole malträtiert.

Ein Student hat den Vorfall mit der Kamera in seinem Handy aufgenommen, der Film wurde in das Internet gestellt.

Weiter in Kayhan:

According to a statement released by the Foreign Ministry’s Information and Press Bureau, Hosseini stressed that the insult to the Iranian student has hurt the public feelings in Iran, reminding that violation of the rights of the ethnic and religious minorities and immigrants is now an established case in the U.S., which has a verifiable background.

Ich habe nicht feststellen können, dass sich die Iraner in ihren Gefühlen verletzt sehen.

Was viel mehr viele Gefühle (und oft mehr als Gefühle) verletzt, sind die fortgesetzten Verhaftungen von studentischen Aktivisten im Iran, ihre Misshandlung bei der Polizei und ihre grundlose Inhaftierung. Es vergeht kaum eine Woche, in der nicht solche Verhaftungen vorkommen, Journalisten und Weblogger vorgeladen und mit Strafen bedroht werden, Frauenrechtler eingeschüchtert und Menschenrechtsaktivisten von obskuren Herren Besuch erhalten.

Solche Vorfälle werden nie in Kayhan gemeldet. Nicht mal auf der letzten Seite.

Googoosh

18. November 2006 - 19:34

Googoosh-Tag.

Z. sortiert den ganzen Nachmittag über am Computer ihre Fotos, hört Musik von Googoosh und summt vor sich hin. Es schmalzt, pompöst, liebesschmerzt und schwermütelt durch die ganze Wohnung.

Googoosh ist eine Ikone bei den Iraner, innerhalb wie außerhalb des Landes. Jeder, aber wirklich jeder, kennt sie und ihre Songs.

Sie stammt aus Teheran, wurde 1950 geboren und war als Sängerin wie als Schauspielerin in einer Reihe von Filmen der absolute Superstar. Eine Mischung aus Edith Piaf und Diva. Die Frauen nahmen sich an ihr ein Vorbild. Sie war der Inbegriff der modernen Frau, zugleich schön und glamourös. Die Kleidung, die sie trug, wurde kopiert. Als sie zum ersten Mal in einem Minirock im Fernsehen auftrat, waren am nächsten Tag alle Miniröcke in Teheran, Isfahan, Tabriz und Shiraz ausverkauft. Ihr Kurzhaarschnitt („Googooshy“) war der letzte Schrei.

Zum Zeitpunkt der Revolution hielt sie sich in den USA auf, kam aber in den Iran zurück, obwohl sie Gefahr lief, verhaftet, vielleicht sogar zum Tode verurteilt zu werden. Nach der Revolution wurde Popmusik im allgemeinen sowie das Singen von Frauen in der Öffentlichkeit verboten. Sie wurde kurz verhaftet, aber wieder freigelassen. Es wurde still um sie. Sie lebte zurückgezogen in ihrer Wohnung und wurde in der Öffentlichkeit nicht mehr gesehen.

Schließlich wanderte sie nach Nordamerika aus und veröffentlichte im Jahr 2000 ein neues Album – der Start ihrer zweiten Karriere, obwohl sie nicht wirklich in Vergessenheit geraten war.

Googoosh ist vor allem für die Generation, die vor der Revolution aufgewachsen ist, eine Erinnerung an bessere, freimütigere Zeiten und eine Verkörperung der „Seele des Irans“, lebenslustig und schwermütig zugleich, hoffnungslos romantisch, leidensfähig, launisch und stolz.

In den letzten Jahren haben sich einige Fans aber von Googoosh abgewandt. Ihre Songs seien zu kitschig geworden. Z. zuckt dazu nur mit den Schultern. Sie hört allemal nur die alten Lieder wie dieses hier: