Lücken

Ich kenne jemanden, die mir mit der Behauptung Trost zu spenden versuchte, Zahnlücken seien sehr sexy. Meine ist es mit Sicherheit nicht. Mir fehlt schlicht einer der unteren Scheidezähne, was auf eine Verkettung einer Reihe von ungünstigen Umstände (darunter zwei heimtückische getrocknete Feigenstiele) zurück zu führen ist.
Fast ein Jahr lang habe ich versucht, mit diesem unglücklichen Zustand zu leben, aber schließlich habe ich die Hoffnung aufgegeben, dass der Zahn jemals wieder nachwachsen würde.
Gutmeinende Bekannte hatten mir immer wieder Adressen und Namen von Spezialisten genannt, die mir weiterhelfen könnten. Sie wussten nichts von meiner panischen Angst vor Zahnärzten, die vielleicht ein ganz klein wenig an meinem Unglück mitschuldig war. Durch Zufall war ich mal vor ein paar Monaten in eine Zahnarztparty geraten und ging mit einem ganzen Stapel Visitenkarten wieder nach Hause.
Ich hatte also die Auswahl, und es war an der Zeit, eine Entscheidung zu treffen, zumal sich ein weiterer unterer Schneidezahn, erfüllt von grenzenloser Sehnsucht, an seinen nicht mehr vorhandenen Nebenmann anzulehnen versucht.
Im Iran gilt freie Ärztewahl. Man meldet sich zu einer Voruntersuchung an, lässt sich gebührenfrei in den Mund schauen und hört sich an, wie der Fachmann das Problem zu lösen gedenkt. Der Preis ist Verhandlungssache. Alles so ähnlich wie beim Auto- oder Teppichkauf.
Es existiert zwar eine Krankenversicherung, aber kaum jemand nimmt sie in Anspruch, weil Ärzte und Krankenhäuser, die Kassenpatienten behandeln, sehr zu recht in dem Ruf stehen, dies wohl nötig zu haben. Wer immer es sich nur leisten kann, zahlt aus eigener Tasche und hat damit Anspruch auf private Behandlung.
Um gleich einer gern gestellten Frage vorweg zu greifen: um das ärztliche Können ist es weit besser bestellt als um die Demokratie im Land. Die überwiegende Zahl der Mediziner hat im Ausland studiert und ist zurückgekehrt, um Geld zu verdienen. Viel Geld.
Für eine durchschnittliche iranische Familie kann eine plötzliche ernsthafte Erkrankung der finanzielle Ruin bedeuten. Für einen Ausländer, der gemessen an den Maßstäben seines Herkunftslandes über ein durchschnittliches Einkommen verfügt, erscheint die Behandlung aber relativ preiswert. Die Röntgenaufnahme meiner Zähne, die mit einem hochmodern wirkenden Apparat, der wie eine Katze surrend um meinen Kopf herum fuhr, vorgenommen wurde, kostete mich vier Euro – bar vorab. Viele Iraner, die in den USA, Kanada oder Europa leben, kommen in die Heimat zurück, um sich hier den Zahn ziehen, das Knie operieren oder auch die Nase richten oder den Busen straffen zu lassen.
Meine erste Station war Dr. M., der mir von einem Freund eines Freundes als absolute Koryphäe empfohlen wurde. Dr. M. unterrichtet Kieferchirurgie an einer der besten Universitäten in Teheran. Um es kurz zu machen: die Praxis hatte das Flair einer abgewohnten Altbauwohnung, die Sprechstundenhilfe war mürrisch und den Behandlungsstuhl musste Dr. M. gleich nach Abschluss seines Studiums in den 50er Jahren angeschafft haben. Aber er machte mir Mut. Alles nicht so schlimm, lautete seine erste Diagnose. Zwei meiner Backenzähne hätten die besten Jahre schon hinter sich und sollten am besten gleich mitgezogen werden. Macht zusammen drei Implantate. Eine Kleinigkeit.
Und die Chirurgie, die nach Ansicht der Runde bei der Zahnarztparty aufgrund meines zurückgehenden Zahnfleisches dringend vorgenommen werden müsse? „Ach, das schauen wir uns erst einmal an. Erst einmal eine antibakterielle Behandlung. Was nützt eine Zahnfleischkorrektur, wenn das Problem danach wieder auftritt?“ winkte Dr. M. ab und fügte hinzu, schließlich wolle er nicht seinen gut Ruf verlieren. Dieser nachgeschobene Satz flößte mir trotz des eher negativen Eindrucks, den die Praxis auf mich machte, Vertrauen ein.
Arzt Nummer Zwei heißt Dr. G., lehrt ebenfalls an einer Universität und ist sowohl Periodontist (ich habe immer noch nicht nachgeschlagen, was das eigentlich ist) und Spezialist für dentale Implantate.
Auch hier eine mürrische Sprechstundenhilfe, aber ein modern eingerichtetes Wartezimmer mit Fernseher (das miserable Programm hat ja nicht er zu verantworten) und Designerlampen. Im Behandlungszimmer blitzte und funkelte es. Mit Hilfe einer kleinen Sonde in meinem Mund konnte er mir auf einem Monitor meine „Problemzonen“ zeigen. Aber noch viel beeindruckender: gleich vier Fachleute widmeten sich mir. Dr. G., ein junger Assistent, der mir das Wasser zum Ausspülen reichte, eine lächelnde Fachfrau für orale Hygiene sowie ein vierter Mensch, der nichts sagte, sondern nur Eintragungen in meine frisch angelegte Akte vornahm.
Bilanz: zwei vordere Schneidezähne sowie die beiden problematischen Backenzähne sollten gezogen werden (macht fünf Implantate) und ganz dringend eine Zahnfleischoperation. „Unbedingt notwendig!“. Das freundliche Gesicht von Dr. G. bekam einen sehr ernsten Ausdruck.
Auf einem Zettel skizzierte er für mich einen Sieben-Stufen-Plan, nach dem er vorzugehen gedachte. Erster Schritt: Einweisung in das richtige Zähneputzen.
Ich bemühte mich, mir nicht anmerken zu lassen, wie hart mich der Vorwurf traf, mein ganzes Leben lang falsch meine Zähne geputzt zu haben, und ließ mich derart abgelenkt von dem Protokollanten in ein Nebenzimmer führen. An einem überdimensionalen, aufklappbaren Gebiss demonstrierte er mir mit einer ebenfalls überdimensionalen Zahnbürste, wie ich zu Werke zu gehen habe. Nicht zu viel Druck, kreisförmig, 45 Grad und vom Zahnfleisch jeweils auf- oder abwärts.
Er lehnte sich dabei ganz nah zu mir herüber und flüsterte mir mit großer Identität ins Ohr, als verrate er mir ein Geheimnis, von dem die Zukunft der Menschheit abhängt.
Seit heute putze ich mir die Zähne anders. Ich muss mich erst noch daran gewöhnen.
Meine Entscheidung, Dr. M. oder Dr. G., treffe ich morgen.
gepostet am 29. November 2006 um 22:52 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Kommentare
Es ist kein Kommentar vorhanden. Kommentar hinzufügen!