Shadi Sadr

Sympathie ist laut der 7. Auflage des Fremdwörterbuchs des Duden eine „aufgrund gewisser Übereinstimmung, Affinität positive gefühlsmäßige Einstellung zu jmdm., einer Sache; [Zu]neigung; Wohlgefallen“, während Empathie die „Bereitschaft u. Fähigkeit, sich in die Einstellung anderer Menschen einzufühlen“ ist.
„Ich habe lernen müssen, zwischen Sympathie und Empathie zu unterscheiden“, sagt Shadi und verrät mir, dass sie deshalb in psychologischer Behandlung gewesen sei. „Mein Psychologe hat es mit den Ärzten oder den Schwestern in einem Krankenhaus verglichen. Natürlich sollen sie Anteil nehmen, aber wenn sie sich mit ihren Patienten identifizieren, dann verlieren sie die Fähigkeit, noch helfen zu können.“
Shadi hilft iranischen Frauen – soweit ihnen mit juristischer Beratung geholfen werden kann.
Nach ihrem Jura-Studium hatte sie noch daran geglaubt, all die vielen Ungerechtigkeiten, die Diskriminierungen und die Einschränkungen von Frauenrechten ließen sich am schnellsten ändern, in dem man sie öffentlich anprangert und für Mehrheiten kämpft.
„Ich habe für verschiedene Zeitungen geschrieben, aber entweder wurden die Zeitungen von der Zensur geschlossen, oder ich durfte nicht schreiben, was ich schreiben wollte, weil die Zeitung sonst von der Zensur verboten worden wäre.“
Shadi erinnert sich daran, wie sie mit einer befreundeten Redakteurin über einem ihrer Artikel saß. „Diese Passage musste gestrichen werden, dieser Absatz umformuliert. Am Ende war es nicht mehr das, was ich sagen wollte. Der ganze Text hatte nichts mehr mit mir zu tun.“
Das war der Punkt, an dem sie sich entschloss, nach 13 Jahren Journalismus den Job an den Nagel zu hängen, und vor zwei Jahren Raahi gründete. „Ich war es einfach leid.“
Raahi bietet zum einen Frauen Rechtsberatung an. Scheidungsfälle, Sorgerecht, Unterhalt, aber auch Fälle, in denen Frauen vor Gericht nur als zweitklassig gelten und deshalb zu Strafen für Taten verurteilt werden, die sie nicht begangen haben. Beispielsweise die Frau, die von ihrem drogenabhängigen Mann dazu gezwungen wurde, Schulden zu machen, die sie nicht zurückzahlen kann. Oder die Frau, die nach langen, quälenden Misshandlungen eines Tages zurückschlug und dafür ins Gefängnis kam.
Zum anderen bemüht sich Raahi darum, die diskriminierenden Gesetze zu ändern, die Frauen per se ins Unrecht setzen oder benachteiligen: Familienrecht, die unfaire Beweislast, die Frauen auferlegt wird, um eine Scheidung einreichen zu können, Unterhaltszahlungen oder auch die Umsetzung von internationalen Konventionen, die der Iran unterzeichnet hat, in landeseigenes Recht.
Derzeit ist Shadi in einer Kampagne aktiv, mit der die Steinigung von 11 Männern und Frauen verhindert und diese barbarische Strafe gesetzlich verboten werden soll. Der Chef des Justizapparates, Ayatollah Shahroudi, hat zwar im Dezember 2002 ein Verbot ausgesprochen, dennoch werden solche Urteile verhängt und es existieren Hinweise, dass heimlich weiter gesteinigt wird.
Die Arbeit ist nicht einfach. Die Behörden stehen Frauenrechtlerinnen ablehnend bis feindselig gegenüber. Rechtsanwältinnen, die mit Shadi zusammen arbeiten, erhalten Drohanrufe oder werden auf andere Weise eingeschüchtert.
„Der Iran ist durch und durch eine Männergesellschaft“, so Shadi. „Das hat sehr wenig mit dem Islam zu tun. Die Männer nutzen den Koran für ihre Zwecke, um ihre Ziele und Absichten religiös zu untermauern.“ Ich frage sie nicht danach, ob sie religiös ist.
So sehr sie sich auch anstrengt, es ist nicht einfach, zu all den Geschichten von geprügelten, misshandelten, betrogenen und gequälten Frauen Abstand zu halten. „Gestern beim Spülen ging mir einer meiner Fälle durch den Kopf. Der Mann hat versucht, die Frau zur Prostitution zu zwingen, aber nicht er, sondern sie ist ins Gefängnis gekommen. Im Iran wird Ehepaaren einmal im Monat die Möglichkeit gewährt, für eine halbe Stunde im Gefängnis unbeobachtet zusammen zu sein. In den nächsten Tagen wird der Mann also seine Frau ganz allein in diesem Zimmer besuchen. Kannst du dir vorstellen, was er da mit ihr anstellen wird? Ich habe vor Wut einen Teller an die Wand geknallt.“
Shadi erzählt von anderen Fällen, von der Hilflosigkeit und den mühsamen Erfolgen. Wir vergleichen die Situation in Europa mit der Situation im Iran, und schließlich frage ich, was sie davon hält, wie die Situation der Frauen im Iran im Westen dargestellt wird.
„Es wird immer ein absolut düsteres Bild gezeichnet“, antwortet sie mit einer Stimme, der anzumerken ist, dass sie dieses Themas müde ist. „Die Wirklichkeit ist aber grau und hat viele verschiedene Schattierungen. Gezeigt werden nur die Frauen im Tschador, was immer Opfer symbolisieren soll. Zum einen gibt es auch viele Frauen mit Tschador, die sehr aktiv sind und sich für ihre Rechte einsetzen. Zum anderen ist der Tschador ein Kleidungsstück und keine Gesinnung.
Manchmal werden mir die abenteuerlichsten Fragen gestellt. Man mag es ja nicht glauben, aber ich fahre mein Auto selbst.“
Sie lächelt. Die Vorstellung, die man sich im Westen manchmal über den Iran macht, findet sie zu komisch.
gepostet am 28. November 2006 um 22:58 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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