Frischer Wein

Behalten Sie es bitte für sich: ich war schon ein wenig spät dran, aber ich habe vor drei Wochen 100 Kilo Weintrauen gekauft. Die kleinen ohne Kerne sind die besten und möglichst süß und saftig sollten sie sein. Ich selbst habe kein Auto und musste deshalb die Trauben mit dem Taxi transportieren. Der Fahrer grient. Fast jeder in Teheran in macht es. Er mag sich nur gewundert haben, dass nun auch die Ausländer damit anfangen.

Wir brachten die Trauben nicht zu mir nach Hause. Zum einen verstehe ich nicht viel von der Angelegenheit und zum zweiten bin ich mir nichts sicher, wie ich die Sachen so schnell verstecken soll, wenn doch mal die Polizei vorbei kommt.

Hamid hat mir seine Hilfe angeboten. Er keltert Wein schon seit Jahren und hat es dabei zu einer gewissen Kunstfertigkeit gebracht. Sein Weißwein gehört mit zu den besten illegal Weinen, die ich in Teheran gefunden habe. Das heißt einiges. Sein Roter ist nicht so gut, aber das mag daran liegen, dass er selbst lieber weißen trinkt. Während ich ihm half, meine Trauben von ihren Stielen zu trennen, opferte er eine Flasche des letzten „Jahrgangs“.

Wein selbst du produzieren ist im Iran mehr als eine Notwendigkeit. Da der Alkoholkonsum streng verboten ist, macht es gerade erst richtig Spaß. Zum zweiten ist der eigene Wein weit billiger als das Sortiment, das auf dem Schwarzmarkt angeboten wird. Die Flaschen werden aus dem irakischen Kurdistan, aus der Türkei, Armenien und Aserbaidschan hereingeschmuggelt, aber meist ist es Billigware.

Alkoholische Getränke zu beschaffen, ist in Teheran kein großes Problem. Die Telefonnummern der einschlägigen Händler werden von Hand zu Hand gereicht. Man ruft an, bestellt und kurze Zeit später werden die Flaschen in Plastiktüten verpackt ins Haus gebracht. Die Auswahl ist ein wenig eingeschränkt, aber es gibt Absolut Vodka mit Vanille oder Zitrone, Gordon’s Gin und Black & White Whisky. Die Preise entsprechen dem, was man in Europa zahlen würde. Nur das Dosenbier ist ein wenig teurer und kurz vor der Fußballweltmeisterschaft war so gut wie kein Bier mehr zu haben.

Angeboten werden auch recht zweifelhafte Marken, die meist Kopfschmerzen garantieren, oder auch selbstgebrauter Arak, ein Schnaps, der auf der Basis von allem Möglichen gebrannt wird. Vorsicht ist angebracht. Betrunken ist eventuell okay, aber blind?

Rund 40 Tage dauert es, bis die Trauben zu Wein werden. Die Hälfte der Zeit ist jetzt um.

Hamid sagt, er könne mir auch Etiketten anfertigen. Wie mein Wein denn heißen soll?

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[Dieser Text erschien heute in der Berliner Zeitung]

Kommentare

Es sind 6 Kommentare vorhanden. Kommentar hinzufügen!

  1. von
    i.
    am
    22. November 2006 um 12:06 Uhr

    Die Lektüre war mir ein Genuss. Mehr!

  2. von
    Paul Nellen
    am
    22. November 2006 um 15:04 Uhr

    Sehr geehrter Herr Ebbing,

    im Streit um die iranische Atombombe hätte man eigentlich schon seit längerem damit beginnen sollen, die Hauptkontrahenten Iran und USA mit Solarkraftwerken zu beschießen. Die Iraner könnten ja als Vergeltung ihren Guerilla-Wein gegen den Westen richten. Wenn die Tropfen diesen besonderen Geschmack von Freiheit und Abenteuer haben, wie Sie schreiben, würden wir hier alle wahrscheinlich gerne mit Henryk M. Broders neuem Buchtitel ausrufen: “Hurra - oder besser: Prost! - wir kapitulieren”.

    Im Zeitalter der Neuen Kriege wäre das doch mal eine Variante, für die es sich zu kämpfen lohnte, finden Sie nicht auch?

    Beste Grüße,

    pn

  3. von
    mebb
    am
    22. November 2006 um 15:55 Uhr

    Warum immer gleich schießen und kämpfen? - me

  4. von
    kritikus
    am
    29. November 2006 um 18:43 Uhr

    Nach all den Nachrichten, die man gewöhnlich über den Iran hört, ist es eine Wohltat, so etwas zu lesen. Ich hätte nicht gedacht, dass man sich im Iran solche Freiheiten gönnen kann. Das zeigt Land und Leute in einem ganz anderen Licht.

    Gruß vom Kritikus

  5. von
    mebb
    am
    29. November 2006 um 19:57 Uhr

    Ich hoffe, ich habe nicht den falschen Eindruck erweckt, die Herstellung von Wein, der Handel mit Alkoholika oder auch nur das Trinken von Alkohol sei im Iran völlig selbstverständlich und legal. Es ist verboten, und wer erwischt wird, wird bestraft.

    Aber wie in vielen anderen totalitären Staaten nehmen sich die Menschen halt oft die Freiheit, die ihnen verwehrt wird.

  6. von
    kritikus
    am
    29. November 2006 um 20:15 Uhr

    Keine Angst, es war schon richtig zu verstehen. Aber irgendwie muss es von der Regierung doch stillschweigend geduldet werden, denn dass so viele Leute so viele Trauben kaufen müsste doch auffallen… :)

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