Mokarrameh

27. October 2006 - 19:34

Darikandeh ist ein kleines Dorf gut drei Autostunden nördlich von Teheran und nicht mehr weit vom Kaspischen Meer entfernt. Eine unasphaltierte Strasse, ein paar geduckte Häuser umgeben von Apfelsinenhainen.

Kaum jemand würde etwas von der Existenz dieses Ortes wissen, geschweige denn dort Halt machen, wenn nicht Mokarrameh Ghanbari vor elf Jahren einen Entschluss gefasst hätte. Wie alle gewichtigen Entschlüsse hatte auch dieser eine Vorgeschichte.

Ihre Kinder hatten ihre einzige Kuh verkauft, um die sie sich tagein, tagaus gekümmert hatte. Der Verkauf geschah nicht aus Böswilligkeit, sondern die Kinder machten sich Sorgen um ihre Mutter. Sie war zu diesem Zeitpunkt schon 67 Jahre alt, nicht mehr ganz stabil auf den Beinen und der tägliche Gang zur Wiese und das Melken wurden zu einem gesundheitlichen Risiko.

Mokarrameh sah sich um das einzige gebracht, das in ihrem Leben noch eine Rolle spielte. Mit 13 Jahren wurde sie als dritte Frau an ihren Mann verkauft. Sie gebar 9 Kinder. Sie hatte ein geschäftiges Leben, in dem ihre eigenen Wünsche, Träume und Interessen so weit zurückstanden, dass sie praktisch gar nicht vorkamen.

Als die Kuh verkauft wurde, wagte sie es zum ersten Mal, ihrem Innenleben freien Lauf zu lassen. Mit stiller aber gewaltiger Wut malte sie mit Kuhdung und Lehm auf einen Stein ein Bild - ein Bild der Kuh. Von den inneren Fesseln befreit geriet sie in Schwung. Sie malte weiter. Auf Kürbisse. Auf die Wände des Hauses. Auf den Zaun, den Kühlschrank, den Herd und was sich sonst als Fläche eignete. Sie malte, was an Bildern und Geschichten sie ihr Leben lang in ihrem Inneren mit sich getragen hatte: Figuren aus alten Legenden und Erzählungen, Rostam und Sograb, Könige und Prinzessinnen, Szenen aus der Bibel, Geschichten des Islams, den von den Schiiten verehrten Imam Hussein, Fatima, Erinnerungen aus ihrem eigenen Leben, streitende Ehefrauen, despotische Männer, sowie visuelle Eindrücke, die sie irgendwo aufgeschnappt hatte und in ihrem Gedächtnis haften geblieben waren. Es war ein nicht endender Monolog mit Pinsel und Farbe, ein breiter Strom, der sich nicht mehr aufhalten ließ.

Einer ihrer Söhne, Johnali, selbst Maler und Musiker geworden, brachte ihr aus Teheran Zeichenpapier mit. Beim nächsten Besuch hatte Mokarrameh alle Blätter bemalt – auf beiden Seiten.

Die Nachbarn sahen dem Treiben mit Misstrauen zu. Es gehörte sich nicht für eine Frau dieses Alters so zügellos ihre innersten Gedanken zur Schau zu stellen. Zudem erschien es den Dorfbewohnern äußerst fragwürdig, ob man einfach so einen Imam Hussein malen dürfe. Es fielen harsche Worte. Mokarrameh sollte wieder auf ihre alte unterwürfige und selbstverleugnende Rolle zurückgestutzt werden.

Sie malte dennoch weiter. Heimlich. Wenn jemand zu Besuch kam, versteckte sie schnell Pinsel und Farben.

Die Situation änderte sich 1995. Eine Galerie in Teheran wollte die Bilder zeigen. In Darikandeh hat man sehr ambivalente Gefühle der fernen Hauptstadt gegenüber. Das Treiben dort ist doch sehr zügellos und oft ungehörig, aber wenn Mokarramehs Bilder in der großen Welt Anerkennung finden, dann könnte vielleicht doch etwas dran sein.

Es folgte eine zweite Ausstellung und sogar eine Einladung nach Schweden („Wo ist Schweden??“). Kamerateams kamen ins Dorf, um Filme zu drehen. Die verrückte Nachbarin wurde ein Star.

Mokarrameh starb heute vor einem Jahr. Als Andenken an den Tod veranstaltete Sohn Johnali ein Malfest in Darikandeh. Alle Dorfbewohner sowie Freunde und Bekannte sind eingeladen. Farbe und Pinsel stehen kostenlos bereit und ein Stapel Holzscheiben liegt als Malflächen bereit.

Es tummelt und wimmelt vor Kinder. Auf Tischen, Bänken und der Erde hocken sie und versuchen dem Vorbild nachzueifern. Mokarramehs Bilder sind bunt und einfach gezeichnet und machen deshalb Mut zur Nachahmung. Verzweifelte Mütter versuchen mit Tüchern Farbkleckse aus Hosen und Jacken zu reiben. Väter geben Ratschläge, wie ein Baum, ein Haus oder eine Katze zu malen sind und loben strahlend die Werke ihre Sprösslinge.

Eine elegante Frau in einem teuren sandfarbenen Manteau zieht mich ein wenig zur Seite und fragt, woher ich komme. Ob sie mich vielleicht den anderen Gästen vorstellen dürfe. Verlegen lehne ich ab. Aber zum Essen würde ich doch sicher bleiben?

(c) Zohreh SoleimaniSie ist eine der Töchter der verstorbenen Künstlerin und schildert mit die Pläne, aus dem Haus, das jetzt leer steht, ein Museum zu machen. Es fehlen dazu allerdings die notwendigen finanziellen Mitteln.

Mit einem etwas spöttischen Blick auf das Geschehen um uns herum erzählt sie von den Anfeindungen und Sticheleien, die ihre Mutter anfangs in Darikandeh ausgesetzt war. Dann lächelt sie. „Nun wollen alle hier malen und das Dorf will eine Art Künstlerdorf werden.“

Ich habe mich ein wenig an all den Trubel gewöhnt und kann das fröhliche Durcheinander um mich herum ein wenig sortieren. In der Tat, an einigen Tischen sitzen ältere Frauen, ernst und konzentriert, und sind mit Pinsel und Farbe beschäftigt.

Als eine der Frauen aufblickt und bemerkt, dass ich ihr zusehe, wirft sie mir einen Blick zu, als habe sie gerade ein großes Geheimnis entdeckt.

Bunnies

26. October 2006 - 12:38


Graffiti auf der Rückseite des British Compound in Teheran.

Update Torsello III

- 09:42

Danish Karokhel schreibt heute in Asia Times über den makaberen Streit, ob die Entführer von Gabriele Torsello nun Taliban sind oder nicht.

Karokhel arbeitet für eine afghanische Nachrichtenagentur und scheint Torsello entweder zu kennen oder zumindest ein paar Nachforschungen angestellt zu haben. So weiß er zu berichten, dass der entführte italienische Fotograph ein konvertierter, praktizierender Moslem ist und er einmal die Operation für ein kleines afghanisches Mädchen in Kabul bezahlt hat.

Interessant ist folgendes Detail:

Torsello had visited the Musa Qala and Sangin districts of restive Helmand province. The Taliban, who have appealed for his release, said that they provided the photojournalist with security during his five-day assignment in the two districts.

Wenn das zutrifft, dann besässen die Beteuerungen der Taliban, die Entführer stammten nicht aus ihren Reihen, eine gewisse Glaubwürdigkeit.

Qari Yousaf Ahmadi, a so-called Taliban spokesman, told Pajhwok Afghan News by phone from an undisclosed location that the journalist was innocent and must not be made to pay for the actions of the Italian government.

“The abductors who claimed they were Taliban did so only to defame us,” he said.

“Kidnappers of the Italian journalist are robbers and they have abducted the journalist for money. We will drag them to court if we find them,” he declared.

Tosello arbeitet u.a. für PeaceReport, einer Organisation, die sich darum bemüht, über die verheerenden Folgen der NATO Operationen in der Region für die Zivilbevölkerung aufzuklären. Von daher macht es auch Sinn, dass die Taliban ihm Schutz gewähren.

Allerdings sind die Taliban keine von oben nach unten straff organisierte Organisation, sondern ein Bündnis von verschiedenen Gruppierungen, die manchmal auch auf eigene Faust handeln. Bei einzelnen Fraktionen sind zudem die Übergänge zwischen politischem Widerstand und Kriminalität sehr fließend. So erklären sich die unterschiedlichen öffentlichen Äußerungen unterschiedlicher Taliban Gruppen:

On September 4, Mullah Dadullah, a Taliban military commander, had threatened to kill journalists who published news put out by the North Atlantic Treaty Organization-led International Security Assistance Force in Afghanistan. “We have an Islamic right to kill such reporters,” he had warned.

After Torsello’s abduction, Taliban spokesman Ahmadi accused the government of “hiding the foreign journalist” just to defame the Taliban. “When we kidnap someone, we immediately inform the media,” he said. “And if the person is proven guilty after interrogation, our supreme council decides his fate.”

Schwer einzuschätzen, ob dieser Taliban interne Streit für Torsello günstig oder eher ungünstig ist. Alle Anzeichen deuten aber darauf hin, dass die Entführer es mit ihren politischen Forderungen nicht dogmatisch ernst meinen. Es dürfte einfacher sein, sie mit einer Geldsumme zufrieden zu stellen als einen Kompromiss über den Abzug aller italienischen Truppen aus Afghanistan zu kommen.

Eid al-Fitr

24. October 2006 - 11:37

Rebecca Horn Bett der Leidenschaften

S., ein Freund von Z., rief um sieben Uhr morgens an. Journalisten würden nicht auf das Gelände der großen Moschee gelassen, die seit Jahren gebaut aber nicht fertig wird.

Heute ist Eid al-Fitr, das Ende des Ramadan. In den meisten sunnitischen Ländern fand dieses Ereignis schon gestern statt. Dort steht in anderer Mond als im Iran am Himmel, der einen Tag früher seine volle Phase von Anschwellen und wieder Verschwinden absolviert hat. Allerdings wird in Teheran erzählt, die Mondwächter in Mekka, die in der sunnitischen Welt als Autorität gelten, hätten eingestanden, sich geirrt zu haben, als sie den Fastenmonat einen Tag früher ausgerufen haben. Die saudische Regierung habe sich bereit erklärt, die in solchen Fällen übliche Spende an die Armen aus dem Staatshaushalt zu bezahlen.

Noch ein Unterschied: bei den Sunniten ist Eid al-Fitr einer der großen Feiertage im Kalender und wird ausgelassen drei oder vier Tage lang gefeiert. Die Schiiten begnügen sich da mit einem Tag. Es gibt im Iran ohnehin mehr Feiertage als einem lieb sein kann. Da sind zum einen die allgemeinen islamischen Feiertage wie der Geburtstag des Propheten. Dann gilt als die Geburts-, vor allem aber die Todestage der 11 Imame plus des Geburtstags des Mahdi zu gedenken. Imame haben die Sunniten nicht und somit auch nichts zu feiern. Dann die Gedenktage der Revolution wie der Tod Khomeinis und schließlich allgemein weltliche Ereignisse wie Noruz, der Jahresanfang am 21. März, zu dem das ganze Land gleich zwei volle Wochen stilliegt.

Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es im Iran 80 offizielle Feiertage im Jahr geben soll. Ich habe es nie nachgezählt, aber es scheint mir glaubwürdig.

Zur Tradition im Iran gehört es, dass zum Ende des Ramadans ein hoher geistiger Würdenträger ein öffentliches Gebet + Rede abhält. Heute ist es der Oberste Führer Ali Khamene-i persönlich. Da sind die Sicherheitsvorkehrungen streng und nur wenige ausgesuchte Journalisten und Fotographen dürfen dabei sein.

Auch gut. Z. und ich schauen uns ein wenig vom Schlaf noch zerknittert beim Frühstück Khamene-is Rede im Fernsehen an. Das religiöse wie politische Oberhaupt des Landes gratuliert noch einmal der Hisbollah, die nach seiner Ansicht siegreich aus dem jüngsten Krieg im Libanon hervorgegangen ist. Er ruft die Moslems in aller Welt im allgemeinen und die Palästinenser im besonderen (ungeachtet all der Differenzen um Beginn und Ende von Ramadan) zur Einheit auf, um die „schmutzigen Ziele“ der „Zionisten“ und der USA zu vereiteln.

Das sind nicht unbedingt Neuigkeiten, nach denen sich die Kollegen in Deutschland die Finger lecken. Es sieht nach einem freien Tag aus.

Nicht, dass ich einen freien Tag dringend nötig hätte.

Anders als allgemein kolportiert wird ist Ramadan keine Zeit, wo ein islamisches Land wegen der Entbehrungen des Fastens in eine nervöse Gereiztheit verfallen würde. Diesem Zustand baut man vor, in dem man einfach den Schongang einlegt. Ämter, Behörden und Regierungsstellen sind zwar offiziell geöffnet, aber von ernsthafter Arbeit kann eigentlich nicht die Rede sein. Jeder hat Verständnis dafür, dass jemand, der fastet, nicht noch mit anderen Dingen belastet werden kann. Zudem ist Ramadan in erster Linie der Monat der inneren Einkehr und Besinnlichkeit. Es finden deshalb mehr Gebete und mehr religiöse Feierlichkeiten statt – auch während der Arbeitszeit oder die Feierlichkeiten müssen während der Arbeitszeit geplant und vorbereitet werden.

Die Büros sind geöffnet, aber niemand ist da, oder diejenigen die da sind, sind gerade dabei, das Essen für das gemeinsame Fastenbrechen am Abend vorzubereiten oder in einem stummen inneren Kampf das aufsteigende Verlangen nach einer Zigarette oder einer Tasse Tee zu bekämpfen. Viele Geschäfte haben den Tag über geschlossen und auch das soziale Leben hat sich verlangsamt. Man feiert nicht, man besinnt sich.

Gut, dass es also vorbei ist.

Ich hatte mir für heute vorgenommen, die kommenden Tage ein wenig vorzubereiten. Wen sollte ich anrufen, welchen Termin wann vereinbaren?

Der Sprecher im Fernsehen verkündet, Präsident Ahmadinejad habe angeordnet, dass in diesem Jahr das Ende des Fastens nicht mit nur einem, sondern mit drei freien Tagen gefeiert werde. Das heisst, Mittwoch und Donnerstag sind frei. Dann kommt Freitag, an dem allemal frei ist.

Ich gehe wieder ins Bett.

Widerstand und Terrorismus

- 08:44

Klar, von Teheran aus sieht man die Welt ein wenig anders.

Cinema Farhang, das Kino in meiner Nachbarschaft, zeigte gestern Ken Loach’ jüngsten, in Cannes mit der Goldenen Palme gekrönten Film The Wind That Shakes The Barley.

Von meinem roten Plüschsessel aus, mit einer Tüte Popcorn in der Rechten, schaute ich zu, wie sich auf der Leinwand eine Gruppe von Iren organisiert, um bewaffneten Widerstand gegen die britische Besatzung zu leisten. Eine Polizeistation wird überfallen, um Waffen zu rauben, und später werden vier britische Soldaten erschossen, die im Hinterzimmer einer Kneipe ihr Bier trinken.

Für meinen Geschmack hat der Film in der ersten Hälfte einige Längen, weil ihm ein dramatischer Handlungsbogen fehlt. Es mag daran liegen, dass meine Gedanken abstreiften und ich plötzlich über die Frage nachdachte, wie wohl die britischen Zeitungen damals über die Aufständischen geschrieben haben.

Der Gedanke wurde von einem zweiten abgelöst: warum sind wir so aufgeregt, wenn in Filmen beispielsweise die Hisbollah ihre Aktionen als heldenhaften Freiheitskampf darstellt? Wohl weil wir auf der anderen Seite stehen.

Ich kenne die gängige Unterscheidung zwischen Widerstand und Terror. Auch die Irish Republican Army ist im Laufe der Jahre zu einer Organisation degeneriert, die Opfer unter Zivilisten zumindest billigend in Kauf nahm und „Verräter“ liquidierte (ein wichtiges Handlungselement auch in Loach’ Film). Dennoch sind wir bereit, mit Verständnis und einer gewissen Sympathie die Anfänge des Widerstandes zu betrachten, um uns dann die Frage zu stellen: was ist schief gelaufen, dass eine edle Absicht in ihr Gegenteil umschlagen konnte?

Während ich noch darüber nachsann, dass es sehr mutig von Loach ist, in Zeiten, in denen der Versuch, Terrorismus zu verstehen, als Sympathie für Terroristen denunziert wird, schlossen auf der Leinwand die Briten und die Iren ein Friedensabkommen und der Film nahm eine andere Wendung.