Kopftücher, erneut

Selbstverständlich sollte, nein muss Ekin Deligöz die Möglichkeit haben, moslemischen Frauen in Deutschland dazu aufzurufen, ihre Kopftücher abzulegen. Schmähungen, Beleidigungen, gar Morddrohungen, wie sie Frau Deligöz wegen ihres Aufrufs erhielt, überschreiten jedes Maß des Akzeptablen. Eine Kopftuchgegnerin unter Polizeischutz zu sehen ist ein bedrückender Anblick und Frau Deligöz verdient alle Solidarität, die ihr jetzt zu teil wird.
Aber auch wenn der grünen Bundestagsabgeordneten alle Unterstützung gebührt, ihr Recht auf Meinungsfreiheit in Anspruch zu nehmen, steht die Zustimmung zu ihrem Appell auf einem anderen Blatt. Ich halte den Aufruf für töricht und wenig hilfreich.
Dass moslemische Frauen nicht selten Kopftücher ganz ohne Zwang und aus eigener Entscheidung heraus tragen, haben schon andere vor mir gesagt. Es gibt grade in jüngster Zeit eine wachsende Zahl von Frauen, die sich für das Kopftuch entscheiden. Offensichtlich sind sie anderer Meinung als Frau Deligöz und sehen die Kopfbedeckung nicht als Symbol „der entrechteten Frau“. Wenn man für Selbstbestimmung eintritt, dann sollte man diese freie Entscheidung auch dann akzeptieren, wenn sie anders ausfällt, als man sich das wünschen würde.
Es gibt unter Frauen in der islamischen Welt eine lebhafte Debatte über das Für und Wider des Kopftuches. Diese Debatte wird ganz ohne Einfluss der Männer geführt. Offensichtlich ist Frau Deligöz mit dieser Kontroverse nicht vertraut. Sonst wüsste sie, dass moslemische Frauen sehr eigenständig sich das Recht nehmen, die Entscheidung selbst zu treffen.
Mich erinnert der Versuch, Moslemminen vom Kopftuch befreien zu wollen, an die Kampagne gegen die sexuelle Ausbeutung von Frauen in den 70er Jahren. Damals wurde argumentiert, dass die männerdominierte Welt die Frauen zu unterdrückten Sexualobjekten machen würde. Das galt natürlich vor allem für die Prostitution. Es hat eine Weile gedauert, bis die Erkenntnis einsickerte, dass viele Beschäftigten in der Sex-Industrie ihr Gewerbe als eine völlig legitime Tätigkeit ansehen und sie nicht von den Freiern befreit werden wollten, sondern sich nur eine bessere Absicherung und Gleichstellung ihres Berufes wünschten. Heute ist der Schutz für Prostituierte gesetzlich geregelt, vor allem dank der Partei der Grünen, bei denen viele der damaligen Aktivistinnen ihre politische Heimat fanden.
Aber selbst wenn wir annehmen würden, das Kopftuch sei ein Symbol der Unterdrückung, was macht der Aufruf für einen Sinn? Wenn die Frauen die Freiheit hätten, das Kopftuch abzulegen, würden sie es längst getan haben. Ihr Problem besteht eben darin, dass sie nicht so können, wie sie wollen, und da helfen keine feurigen Appelle sondern nur praktische Unterstützung.
Leider existiert unter den moslemischen Familien eine verhältnismäßig hohe Zahl, in denen Männer die Frauen tyrannisieren und dabei auch noch glauben, dies mit dem Koran rechtfertigen zu können. Ganz ungeachtet der Frage, ob diese Männer doch sehr selektiv vom Koran Gebrauch machen, brauchen diese Frauen praktische Unterstützung. Das kann Beratung sein, das kann finanzielle Unterstützung sein und das können sogar polizeiliche Maßnahmen sein, wenn die Männer mit Gewalt ihre Stellung zu verteidigen suchen.
Mit Sicherheit ist dies ein mühsamerer Weg als beispielsweise ein Kopftuchverbot in Grundschulen, wie es die Islamkritikerin Necla Kelek fordert. Frau Kelek hat schon eine Reihe von törichten Behauptungen in die Welt gesetzt. Beispielsweise: „Wer bewusst ein Kopftuch trägt, grenzt sich damit auch bewusst von der deutschen Gesellschaft ab. Denn das Kopftuch bedeutet für die Frau, dass sie sich aus dem öffentlichen Leben zurückziehen soll.“ Tatsächlich? Ist in Deutschland kein Platz für eine Muslimin, die die bestehenden Gesetze achtet und ihre Religion frei praktizieren will? Ich dachte, unsere Gesellschaft beruht auf dem Prinzip der Toleranz und schätzt die Religionsfreiheit. Mit solchen Behauptungen schürt man nur die unreflektierte Angst vor dem Islam und kreiert man einen Generalverdacht.
Nun diese törichte Forderung nach dem Kopftuchverbot in der Grundschule. Die praktische Konsequenz wird sein, dass dogmatische eifernde Eltern ihre Mädchen nicht mehr in die Schule schicken werden und damit die Chance verbauen, mit den Grundwerten unserer Gesellschaft im Unterricht vertraut zu werden. Zum zweiten schafft es zweierlei Maß, denn christliche oder jüdische Mädchen können tragen, was immer sie wollen. Das Kopftuch ist – anders als Frau Deligöz und Frau Kelek behaupten - in erster Linie Teil der Religionsfreiheit. Die ist nicht nur vom Grundgesetz geschützt, sondern auch Teil unseres Wertekataloges.
Was wird also mit dem Aufruf, das Kopftuch abzuwerfen, erreicht? Nicht viel mehr als die pauschale Verdächtigung, dass alle islamischen Frauen, die ihr Haar bedecken, entweder unterdrückt sind oder sich freiwillig unterdrücken lassen. Das ist nicht nur falsch, sondern die denkbar schlechteste Voraussetzung für den Dialog, den man gleichzeitig mit der muslimischen Gemeinschaft in Deutschland führen möchte.
Und er lenkt von den wirklich wichtigen Dingen ab. Die Kopftuchaufregung ist eine Aufregung um Äusserlichkeiten und ebenso tiefsinnig wie der einstige Appell an die Frauen, sich von ihren BHs als Zeichen der sexuellen Unterdrückung zu befreien (sorry für diesen zweiten Flashback in die 70er Jahre). Zu recht sind Frauenrechtlerinnen in der islamischen Welt empört darüber, dass sie immer wieder auf die Kleiderfrage reduziert werden. Es geht um wichtigeres wie Zugang zur Bildung, Aufklärung, Ende der materiellen Abhängigkeit, Ende der Gewalt in Familien und Ende der Diskriminierung. Kurz: um Selbstbestimmung – mit oder ohne Kopftuch.
gepostet am 31. October 2006 um 21:01 von unter Islam, Deutschland. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Guten Abend,
insgesammt ein äusserst angenehm zu lesender Artikel!
Vielleicht sollten Sie noch kurz darauf verweisen dass, das Bild oben eine Kohlezeichnung von Alfred Dürers Mutter ist. Nicht das es da noch zu Verwechslungen kommt.
Gruß