Eid al-Fitr

S., ein Freund von Z., rief um sieben Uhr morgens an. Journalisten würden nicht auf das Gelände der großen Moschee gelassen, die seit Jahren gebaut aber nicht fertig wird.
Heute ist Eid al-Fitr, das Ende des Ramadan. In den meisten sunnitischen Ländern fand dieses Ereignis schon gestern statt. Dort steht in anderer Mond als im Iran am Himmel, der einen Tag früher seine volle Phase von Anschwellen und wieder Verschwinden absolviert hat. Allerdings wird in Teheran erzählt, die Mondwächter in Mekka, die in der sunnitischen Welt als Autorität gelten, hätten eingestanden, sich geirrt zu haben, als sie den Fastenmonat einen Tag früher ausgerufen haben. Die saudische Regierung habe sich bereit erklärt, die in solchen Fällen übliche Spende an die Armen aus dem Staatshaushalt zu bezahlen.
Noch ein Unterschied: bei den Sunniten ist Eid al-Fitr einer der großen Feiertage im Kalender und wird ausgelassen drei oder vier Tage lang gefeiert. Die Schiiten begnügen sich da mit einem Tag. Es gibt im Iran ohnehin mehr Feiertage als einem lieb sein kann. Da sind zum einen die allgemeinen islamischen Feiertage wie der Geburtstag des Propheten. Dann gilt als die Geburts-, vor allem aber die Todestage der 11 Imame plus des Geburtstags des Mahdi zu gedenken. Imame haben die Sunniten nicht und somit auch nichts zu feiern. Dann die Gedenktage der Revolution wie der Tod Khomeinis und schließlich allgemein weltliche Ereignisse wie Noruz, der Jahresanfang am 21. März, zu dem das ganze Land gleich zwei volle Wochen stilliegt.
Irgendwo habe ich mal gelesen, dass es im Iran 80 offizielle Feiertage im Jahr geben soll. Ich habe es nie nachgezählt, aber es scheint mir glaubwürdig.
Zur Tradition im Iran gehört es, dass zum Ende des Ramadans ein hoher geistiger Würdenträger ein öffentliches Gebet + Rede abhält. Heute ist es der Oberste Führer Ali Khamene-i persönlich. Da sind die Sicherheitsvorkehrungen streng und nur wenige ausgesuchte Journalisten und Fotographen dürfen dabei sein.
Auch gut. Z. und ich schauen uns ein wenig vom Schlaf noch zerknittert beim Frühstück Khamene-is Rede im Fernsehen an. Das religiöse wie politische Oberhaupt des Landes gratuliert noch einmal der Hisbollah, die nach seiner Ansicht siegreich aus dem jüngsten Krieg im Libanon hervorgegangen ist. Er ruft die Moslems in aller Welt im allgemeinen und die Palästinenser im besonderen (ungeachtet all der Differenzen um Beginn und Ende von Ramadan) zur Einheit auf, um die „schmutzigen Ziele“ der „Zionisten“ und der USA zu vereiteln.
Das sind nicht unbedingt Neuigkeiten, nach denen sich die Kollegen in Deutschland die Finger lecken. Es sieht nach einem freien Tag aus.
Nicht, dass ich einen freien Tag dringend nötig hätte.
Anders als allgemein kolportiert wird ist Ramadan keine Zeit, wo ein islamisches Land wegen der Entbehrungen des Fastens in eine nervöse Gereiztheit verfallen würde. Diesem Zustand baut man vor, in dem man einfach den Schongang einlegt. Ämter, Behörden und Regierungsstellen sind zwar offiziell geöffnet, aber von ernsthafter Arbeit kann eigentlich nicht die Rede sein. Jeder hat Verständnis dafür, dass jemand, der fastet, nicht noch mit anderen Dingen belastet werden kann. Zudem ist Ramadan in erster Linie der Monat der inneren Einkehr und Besinnlichkeit. Es finden deshalb mehr Gebete und mehr religiöse Feierlichkeiten statt – auch während der Arbeitszeit oder die Feierlichkeiten müssen während der Arbeitszeit geplant und vorbereitet werden.
Die Büros sind geöffnet, aber niemand ist da, oder diejenigen die da sind, sind gerade dabei, das Essen für das gemeinsame Fastenbrechen am Abend vorzubereiten oder in einem stummen inneren Kampf das aufsteigende Verlangen nach einer Zigarette oder einer Tasse Tee zu bekämpfen. Viele Geschäfte haben den Tag über geschlossen und auch das soziale Leben hat sich verlangsamt. Man feiert nicht, man besinnt sich.
Gut, dass es also vorbei ist.
Ich hatte mir für heute vorgenommen, die kommenden Tage ein wenig vorzubereiten. Wen sollte ich anrufen, welchen Termin wann vereinbaren?
Der Sprecher im Fernsehen verkündet, Präsident Ahmadinejad habe angeordnet, dass in diesem Jahr das Ende des Fastens nicht mit nur einem, sondern mit drei freien Tagen gefeiert werde. Das heisst, Mittwoch und Donnerstag sind frei. Dann kommt Freitag, an dem allemal frei ist.
Ich gehe wieder ins Bett.
gepostet am 24. October 2006 um 11:37 von unter Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
Kommentare
Es ist kein Kommentar vorhanden. Kommentar hinzufügen!