Leichtsinn?

Es fällt nicht leicht, dies zu schreiben: Karen Fischer und Christian Struwe, die beiden Kollegen, die in Afghanistan ihr Leben verloren haben, haben leichtsinnig gehandelt. Sie haben einige der Sicherheitsregeln außer acht gelassen, die man in einem Land wie Afghanistan beachten muss. Man sollte nicht ohne einen Ortskundigen durch eine Gegend fahren, die man nicht kennt. Zumindest sollte man zuvor die notwendigen Informationen bei vertrauenswürdigen Einheimischen einholen. Man sollte nur auf einen Dolmetscher verzichten, wenn man selbst die Sprache ausreichend beherrscht. Auf keinen Fall aber sollte man in einer gottverlassenen Gegend in Afghanistan unter freiem Himmel campieren. Offensichtlich haben sie versucht, mit einem geringen Budget eine Geschichte zu realisieren und aus der Not heraus bei den notwendigen Vorsichtsmassnahmen gespart: kein Fahrer, kein Dolmetscher und keine Übernachtung in einem Hotel oder Gästehaus.

All diese „Fehler“ dürften zu ihrem Tod beigetragen haben.

Dennoch: von Leichtsinn zu schreiben, weckt den Eindruck, als wären die beiden an ihrer Ermordung selber Schuld. Schuld an ihrem Tod sind allein die Täter. Fischer und Struwe haben Fehler begangen, aber es sind keine Fehler, für die sie den Tod verdienten.

Sie verdienen auch nicht einige der besserwisserischen Vorhaltungen, die ihnen jetzt gemacht werden. So schreibt Matthias Gebauer bei SPIEGEL Online:

Als Karen Fischer und ihr Lebensgefährte Christian Struwe am 4. Oktober ein letztes Mal im Bundeswehrlager im nordafghanischen Mazar-i-Sharif zu Gast waren, wurden die deutschen Soldaten deutlich. Mehrmals warnten sie die freien Journalisten der Deutschen Welle davor, sich selbstständig auf den Weg durch den Norden zu machen. … Die Warnungen verfingen nicht.

Auch ich nehme solche Warnungen der Bundeswehr zur Kenntnis, behalte mir aber vor, mir mein eigenes Urteil zu bilden. Die Bundeswehr ist in Afghanistan für ihre übervorsichtige Haltung bekannt. Mit leichtem Spott sprechen nicht nur Soldaten anderer ISAF Einheiten wie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen, die schon lange in Afghanistan arbeiten und das Land recht gut kennen, davon, die deutschen Soldaten seien in erster Linie damit beschäftigt, auf sich selbst aufzupassen und sähen an jeder Ecke Gefahren, wo keine Gefahren seien.

Zu recht wurde beispielsweise die Frage gestellt, warum sich die Bundeswehr bei den Unruhen im Mai in ihren befestigten Compound zurückzog, die Tore schloss und die Bevölkerung sich selbst überließ. So stellt man sich eigentlich nicht die Operationsweise einer Internationalen Schutztruppe vor.

Die Kritik, dass aufgrund der ängstlichen Vorgehensweise viel zu lange gezögert wurde, die ISAF Präsenz über Kabul hinaus auszuweiten, ist mehr als berechtigt. Nach dem Sturz der Taliban entstand ein Sicherheitsvakuum im Rest des Landes, in dem sich alte Warlords, extremistische Gruppen, Drogenhändler und Taliban wieder etablieren konnten. Das Entstehen von Gefahren wurde damit erst wieder ermöglicht, vor denen man sich anfangs schützen wollte.

Die Bundeswehr bewegt sich selbst in Städten wie Masar-i Sharif, wo noch kein erfolgreicher Anschlag gegen ISAF Truppen stattgefunden hat, nur noch in gepanzerten Fahrzeugen. So wird man kaum in der Lage sein, Kontakte zur Bevölkerung zu entwickeln. Die psychologische Wirkung ist recht eindeutig. Diese Art von Auftritt schafft ein Klima der Verunsicherung und gibt den Agitatoren, die die westlichen Soldaten als Besatzer bezeichnen, nur eine Handhabe.

Wenn ich mir als Journalist ein eigenes Urteil darüber bilden will, ob die Sicherheitseinschätzung der Bundeswehr tatsächlich zutrifft, muss man eigene Wege gehen und kann sich nicht allein auf die sicher gut gemeinten Empfehlungen verlassen.

Matthias Gebauer schreibt wie viele andere deutschen Medien:

Unklar bleibt auch, warum sie sich nicht wie in Afghanistan üblich bei den lokalen Behörden gemeldet haben.

Unter den Kollegen, die ich kenne, es ist es absolut nicht üblich, sich grundsätzlich bei den lokalen Behörden zu melden. Es könnte sogar ein sehr törichter Fehler sein.

Ein Polizist erhält in Afghanistan im Monat 50 US Dollar und wird selten regelmäßig bezahlt. Mit diesem Betrag lässt sich auch in diesem armen Land schwerlich leben. Nicht wenige Polizisten bemühen sich deshalb um einen Nebenverdienst. Die Polizei ist notorisch korrupt. Ich habe es erlebt, dass sich mir Polizisten als private Bodyguards während ihrer Dienstzeit anboten. Polizeibeamte wie „lokale Behörden“ kooperieren nicht selten mit Drogenhändlern oder anderen kriminellen Gruppen. Zudem zählen im Zweifelsfall die ethnischen oder Stammesbindungen mehr als die Polizeimarke. Der Irak lässt grüßen.

Ich wäre nicht unbedingt versessen darauf, bei den „örtlichen Behörden“ bekannt zu machen, dass sich ein Journalist mit nicht wenig Bargeld in der Tasche und einer teuren Ausrüstung in der Nähe befindet. Die meisten Polizisten sind sicher harmlos, aber nicht alle.

Es bleibt bei der nüchternen Einsicht: wer in Krisen- resp. Kriegsgebieten wie Afghanistan arbeitet, muss sich in erster Linie auf sein eigenes Urteil verlassen. Selbst die Ratschläge von langjährigen Experten sind nicht immer verlässlich. In Afghanistan wuchern die wildesten Gerüchte wie in einem tropischen Gewächshaus. Kaum jemand liest eine Zeitung und Radio wie Fernsehen stecken noch in den Kinderschuhen. Das läst viel Raum für Hörensagen und Spekulationen.

In Herat wurde mir vor drei Wochen versichert, es sei absolut sicher, von Kabul aus über die Landstrasse nach Kandahar zu fahren. In Kabul riet mir letzte Woche jedermann von solch einem Unternehmen ab. Mitarbeiter von NGOs, die seit Jahren in Kabul arbeiten, rieten mir, doch besser einen der kommerziellen Flüge zu nehmen. Es hat mich mehrere Stunden gekostet, bis ich herausfand, dass es schon seit längerer Zeit keine kommerziellen Flüge nach Kandahar mehr gibt. Einheimische bieten sich als Ortskundige an und wissen nach der nächsten Straßenbiegung schon nicht mehr, wie es weitergeht. Das Geld, das ich ihnen zahle, lockt, sich für kompetenter auszugeben, als sie wirklich sind. Noch am Flughafen gestern war der Sicherheitsbeamte, der das Gepäck kontrolliert, mehr daran interessiert, sich mit mir über meine indischen DVDs in meiner Tasche zu streiten, als meinen Rucksack zu durchsuchen, der voller elektronischem Kram wie Rekordern, Kameras und Computerzubehör steckte.

Die Heimatredaktionen sind bei der Orientierung, wie man sich in einem Land wie Afghanistan sicher bewegen kann, alles andere als eine Hilfe. Wie sollen sie es auch in Berlin, Köln oder Hamburg besser wissen als ich in Kabul oder Herat?

Es kommt nicht selten vor, dass mich ein Sender ausdrücklich darauf hinweist, dass ich nicht in seinem Auftrag unterwegs bin, um dann aber doch eine Geschichte zu kaufen. Das spart nicht nur Reisekosten (ich kann mich schon gar nicht mehr daran erinnern, dass ein Sender mal Reisekosten bezahlt hat oder sich finanziell an dem höheren Aufwand, den ich für meine Sicherheit benötige, beteiligt hätte), sondern ermöglicht es auch, jede Mitverantwortung abzustreiten, wenn mir etwas zustoßen sollte. Dennoch werde ich als „unser Korrespondent“ oder „unser Reporter in Afghanistan“ angekündigt.

In falsch verstandener Fürsorgepflicht erklären Sender ganze Regionen zum journalistischen Sperrgebiet. Während Karen Fischer und Christian Struwe erschossen wurden, schlief ich 200 Kilometer entfernt in einem Hotel in Masar-i Scharif, dessen Eingang von privaten Sicherheitskräften bewacht wurde. Beim Abendessen saß ich im Garten unter freiem Himmel, neben mir am Tisch zwei amerikanische Familien mit kleinen Kindern, die auf dem Rasen herumtollten.

Niemand würde auf die Idee kommen, nach einem Bombenanschlag in Düsseldorf die Bewohner Kölns zu warnen, nicht mehr auf die Strasse zu gehen. Aus der Entfernung wird aber ganz Afghanistan zum journalistischen Notstandsgebiet erklärt.

Dies ist in meinen Augen eine sehr bedenklich Entwicklung. Kaum ein Kollege ist mehr nach Tschetschenien gefahren, als russische Soldaten dort ein Blutbad unter der Bevölkerung anrichteten. Der Konflikt, der bis heute nicht ganz beendet ist, verschwand aus den Medien. In Moskau, wo man mit allen Mitteln versuchte, ausländische Journalisten an einer Reise in dieses Gebiet zu hindern, dürfte man zufrieden gewesen sein.

Der Irak ist auf kurze Meldungen über Anschläge reduziert worden, die in Deutschland kaum noch jemand in einen politischen Zusammenhang einordnen kann. So tappen unsere Leser/Zuhörer/Zuschauer im Dunkeln darüber, dass sich im Irak eine Basis für Terroristen entwickelt, gegen die Al Kaida in Afghanistan vor dem US Einmarsch vergleichsweise ein Klub von Amateuren war.

In Deutschland wird man nur sachlich darüber diskutieren können, ob der Bundeswehreinsatz in Afghanistan sinnvoll ist, wenn wir über das Für und Wider sowie die Lage im Land aus erster Hand berichten. Die Frage, was ist eigentlich aus all den Hilfsgeldern geworden, kann man nur beantworten, wenn man vor Ort recherchiert.

Es bleibt dabei. Wer diese Geschichten schreiben will, ist vor allem auf sein eigenes Urteilsvermögen angewiesen. Niemand kann einem die Entscheidung abnehmen, ist es sicher genug. Es helfen nur die eigenen Erfahrungen, der eigene Instinkt und die eigenen gesammelten Kenntnisse.

Das schließt ein, dass man auch einen Fehler macht. Karen Fischer und Christian Struwe haben gleich mehrere solcher Fehler begangen. Das ist tragisch und bestürzt mich.

Ich weiß aber auch, dass ich akzeptieren muss, dass solche Fehler vorkommen. Alles andere wäre leichtsinnig.

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