Deutscher Islam zu früher Stunde
Irgendwie schlaflos und gleichzeitig viel zu tun. Die ARD zeigte zu später Stunde erst einen großartigen S/W-Film mit Kathleen Hepburn und Shirley McLaine und irgendwann gab es die nächtliche Wiederholung des ARD Presseclub vom Sonntagmittag.

Thema: „Noch eine Chance für friedliches Miteinander?“ Anlass war eine am Mittwoch stattfindende Islam-Konferenz in Berlin, bei der auf Einladung von Innenminister Wolfgang Schäuble über zwei, drei Jahre hinweg 15 muslimische und 15 staatliche Vertreter miteinander reden soll. Worüber genau, ist mir durch die Sendung nicht ganz klar geworden (es war schon sehr spät, resp. sehr früh), aber es fiel immer wieder ein Schlagwort: „deutscher Islam“.
Was, bitte, ist „deutscher Islam“?
Auch hier konnte ich aus der recht einmütigen Diskussion nicht ganz schlau werden (das erste Licht wurde bereits am Horizont sichtbar). Gemeint sein konnte eine islamische Gemeinde in Deutschland, die die deutsche Kultur, unsere Demokratie und unsere Gesetze respektiert. Aber müsste man das dann nicht eine „deutsche muslimische Gemeinde“ nennen?
Gemeint sein konnte auch eine „deutsche“ Interpretation/Form des Islams. Die alte Forderung, dass der Koranunterricht in Zukunft auf Deutsch abgehalten werden solle, um ihn besser überwachen zu können (wird die katholische Messe demnächst ebenso auf Deutsch gelesen wie die Thora in deutschen Synagogen?), tauchte wieder auf und mehrfach fielen Schlagworte wie „aufgeklärter Islam“, „moderner Islam“.
Wenn ich es richtig verstanden habe, geht es offensichtlich bei dieser Berliner Runde darum, nach Wege zu suchen, wie dieser „aufgeklärte, moderne (= deutsche) Islam“ gefördert und der unaufgeklärte, rückschrittliche Islam in Deutschland bekämpft werden kann.
Natürlich sind radikale Islamisten, die bereit sind, Gewalt auszuüben, ein gesellschaftliches Problem und deshalb auch ein Thema für die Politik, aber niemand in der Presseclub-Runde fand es eigenartig, dass sich der Staat (das Innenministerium) der Aufgabe annimmt, mit muslimischen Vertretern über die Ausrichtung ihrer Religion zu debattieren.
Was ist eigentlich aus der guten alten Trennung zwischen Staat und Religion geworden? Wenn ich mich recht erinnere, ist dies eines der wichtigsten Elemente, das islamische Staaten und Gesellschaften von den westlichen Gesellschaften unterscheidet.
Nach meinem Geschmack ist jede Religionsgemeinschaft gut genug, die a. diese Trennung, b. die allgemeinen (und ganz und gar nicht allein westlichen) Menschenrechte sowie c. die deutsche Strafgesetzgebung akzeptiert. Ansonsten fällt alles, was Religionsgemeinschaften treiben, unter die Religionsfreiheit – ein Stichwort, das in den letzten Jahren ein wenig aus der Mode gekommen ist.
Ich sehe dem Tag entgegen, an dem Präsident Ahmadinejad die Vertreter der christlichen Minderheit zu einer Konferenz einlädt, bei dem über Wege beraten werden soll, wie sich die christliche Gemeinde im Iran von rückschrittlichen und unaufgeklärten Bibelauslegungen löst. Titel der Konferenz: „iranisches Christentum“.
Nachtrag 27.09: Um ganz sicher zu sein, nicht einer durch Schlaflosigkeit verursachten Täuschung aufgesessen zu sein, habe ich noch einmal nachgeschaut. Ja, die Konferenz hat tatsächlich stattgefunden, berichtet tagesschau.de.
An der Veranstaltung im Schloss Charlottenburg nahmen jeweils 15 Vertreter des deutschen Staates und der in Deutschland lebenden Muslime teil. Mit dem Treffen soll ein zwei- bis dreijähriger Kommunikationsprozess eingeleitet werden.
„15 Vertreter des deutschen Staates“ – klingt das nur in meinen jetzt etwas ausgeschlafeneren Ohren irgendwie nach zusammenschlagenden Hacken?
Es habe bei der Auftaktveranstaltung „geknirscht“, verriet Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble der Presse, aber es sei unehrlich gewesen, wenn das nicht so gewesen wäre.
Tagesschau.de versucht auch auf den Punkt zu bringen, warum es in der Konferenz geht:
Am Ende der Konferenz soll nach dem Willen Schäubles eine Übereinkunft zwischen dem Staat und den in Deutschland lebenden Muslimen stehen, in der sich beide Seiten zur Einhaltung gesellschafts- und religionspolitischer Grundsätze verpflichten.
Muss man erst eine Konferenz abhalten, damit sich der „deutsche Staat“ dazu verpflichtet, sich an „gesellschafts- und religionspolitische Grundsätze” zu halten? Gibt es neben der Trennung zwischen Staat und Religion da noch andere religionspolitische Grundsätze, die da beachtet werden sollten?
In DER ZEIT hatte Jörg Lau schon am vergangenen Donnerstag einen Ausblick auf diese Konferenz gegeben.
Noch eine dieser unverbindlichen Dialogveranstaltungen? Nein, im Schloss Charlottenburg soll nach Antworten auf eine Frage gesucht werden, die durch den Karikaturenstreit, die Kofferbomben-Anschläge und den Aufruhr um die Äußerungen des Papstes neue Dringlichkeit bekommen hat: Wie kann der Islam in Deutschland eingebürgert werden?
Die Geschichte mit dem „deutschen Islam“ scheint also wirklich ernst gemeint sein. Einen Absatz weiter schreibt Lau es auch expressis verbis:
Es geht darum, gemeinsam zu erarbeiten, wie ein »deutscher Islam« aussehen könnte.
Nun, man könnte sich ja am „schwedischen Buddhismus“ sowie am „saudischen Katholizismus“ ein Beispiel nehmen.
gepostet am 25. September 2006 um 11:04 von unter Islam, Deutschland. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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