Sonne, Mond und Fasten

Heute Nacht wird irgendwo über dem Iran ein Flugzeug mit einem geistigen Würdenträger am Himmel kreisen, um eine wichtige Mission zu erfüllen. Der Mann (die iranischen Zeitungen sind da unbestimmt, aber ich bin mir sicher, dass man diese Aufgabe keiner Frau übertragen hat) wird nach dem Mond Ausschau halten, um zu bestimmen, wann für die Schiiten Ramadan beginnt.

Die Angelegenheit wird sehr ernst genommen und der bloße Augenschein ist nicht gut genug. Auch ein Kalender, der auf der astronomischen Berechnung der Mondphasen beruht, ist nicht gut genug. Äußerste Präzision wird verlangt.

Überraschenderweise ist der Koran selbst zum Thema Ramadan recht unpräzise. In Sure 2, Vers 185 heißt es, Ramadan sei der Monat, in dem der …

„…Koran (erstmals) als Rechtleitung für die Menschen herabgesandt worden ist, und (die einzelnen Koranverse) als klare Beweise der Rechtleitung und der Rettung (?). Wer nun von euch während des Monats anwesend (d.h. nicht unterwegs) ist, soll in ihm fasten…“

Und dann gibt es noch einen zweiten Hinweis einen Vers vorher:

„(Das Fasten ist) eine bestimmte Anzahl von Tagen (einzuhalten)“ (Sure 2, Vers 183-184)

Nur von wann bis wann sagt der Koran nicht.

Also haben sich die islamischen Gelehrten daran gemacht, die Hadith (die Sammlung der vom Propheten überlieferten Aussagen) nach weiteren Hinweisen zu durchforschen. Sieh an, man wurde fündig. Demnach soll der Prophet gesagt haben:

„Fastet erst, wenn ihr die Mondsichel seht, und brecht das Fasten erst, wenn ihr sie (wieder) seht.“

Das scheint klar und deutlich. Ist es aber nicht, denn sehen ist nicht gleich sehen. Zum einen stellt sich die Frage: wie sehen? Ist das nackte Auge gut genug oder soll man ein Teleskop zur Hilfe? Darf man überhaupt ein Teleskop benutzen. Über diese Frage existiert ein lang anhaltender heftiger Streit, den (für den Iran zumindest) vor zwei Jahren Religionsführer Ali Khamene-i mit der Fatwa entschieden hat, es sei erlaubt, technische Hilfsmittel zu benutzen.

Was zur zweiten Frage führt: wo sehen? Der Neumond ist nicht auf allen Stellen der Erde zur gleichen Zeit sichtbar. Wenn man die erste blasse Sichel in Marokko erkennen kann, ist es in Indonesien wahrscheinlich schon wieder Morgengrauen – von Hawaii oder Japan ganz zu schweigen.

Auch da gibt es nun zwei Schulen, die sich heftig miteinander streiten. Die eine Richtung ist der Ansicht, wenn irgendwo auf der Welt die Mondsichel erblickt wird, sollte dies im Interesse der Einheit der moslemischen Gemeinde überall als Start für das Fasten gelten. Dagegen steht die Position, dass man sich nach den örtlichen Gegebenheiten richten sollte.

Im Iran gilt das Prinzip der „örtlichen Sichtung“.

Nun sollte man annehmen, dass in Saudi Arabien, das von den Längengraden her nicht sonderlich vom Iran abweicht, der Mond mit einer nur geringfügigen zeitlichen Verschiebung gesehen werden kann. Scheint aber nicht so zu sein. Dort hat der Ramadan bereits heute begonnen und da Saudi Arabien als Ursprungsort des Islams eine besondere Autorität genießt, folgen auch viele islamische Gemeinden anderswo auf der Welt diesem Beispiel.

Nicht aber der Iran, denn wir hier sind in der Überzahl Schiiten, die Saudis Sunniten. Die iranische Geistlichkeit mag damit sogar ganz klug handeln, denn nachweislich haben die saudischen Gelehrten schon mehrfach einen Neumond erspäht, wo dies physikalisch gar nicht möglich war (siehe „Die Saudi-Problematik“ weiter unten auf der Seite von Mondsichtung.de).

Aber auch untereinander sind die iranischen Experten sich nicht immer einig. Im letzten Jahr gab es reichlich Verwirrung, als einige Geistliche in Qom den Beginn des Ramadan einen Tag vor dem Büro von Religionsführer Khamene-i verkündeten.

Solche Pannen sollten dank des einsamen Beobachters, der in diesen Stunden über uns am Himmel kreist, nicht mehr vorkommen. Warten wir es ab, was er zu melden hat.

Ich vertreibe mir die Wartezeit mit Musik: David Bowie, Space Oddity

Nachtrag 26.09.: Auf Mondsichtung.de ist der Bericht der himmlischen Aufklärungsmission zu lesen. Kein Neumond war zu finden.

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