Nach Herat

Noch sehen wir die einsamen Lichter von Islam Kale nicht vor uns, noch tasten wir uns durch die Wüste, den Telegrafenpfählen entlang, und die Disteln knistern unter unseren Rädern. Keinerlei Spuren: Seit Tagen, vielleicht Wochen scheint hier kein Wagen durchgekommen zu sein., und wir erinnern uns, dass der ohnehin spärliche Grenzverkehr wegen Cholera gesperrt ist. Nur einigen Zufällen des Schicksals verdanken wir es, unterwegs zu sein zwischen den Ländern, und wir nennen sie glückliche Zufälle. Weisse Vögel begleiten uns, Geier, auf lautlos segelnden Schwingen, und der Mond hat die gleiche Farbe.

Annemarie Schwarzenbach, Niemandsland – Zwischen Persien und Afghanistan, 1939

Am 14. September 2006 ist die Straße nach Herat sauber asphaltiert, gut befestigt und rege befahren. Von Cholera ist nichts bekannt.

Der Abschnitt von Teheran nach Maschad war bereits befestigt. Leider. Ich hätte mir gern die Strapaze einer nächtlichen Busfahrt (Abfahrt 22:30, Ankunft 10:30) erspart, aber im Iran ist Reisezeit. Ende nächster Woche fangen nach der langen Sommerpause Schulen und Universitäten wieder an und Ramadan naht. „Hoffnungslos“ lautete der Bescheid meines Reisebüros auf meine Bitte auf ein Flugticket. Vielleicht könnte ich den Zug versuchen. Hoffnungslos.

Dem Schicksal ergeben kletterte ich in den Reisebus, schaute mir während wir durch die Vororte von Teheran rollten noch einmal Marmulak an, den Film über einen Gefängnisausbrecher, der sich als Mullah verkleidet, der vor zwei Jahren im Iran ein Kassenhit war, bis er unter dem Druck der Mullahs aus den Kinos genommen wurde, döse ein, wache mit steifem Hals wieder auf, reckte mir im Morgengrauen irgendwo auf der Strecke auf einem Parkplatz neben einer Moschee die Glieder und ignorierte auf dem chaotischen Busbahnhof von Maschad die heranstürmenden Taxifahrer, während ich mein Gepäck aus dem Bauch des Busses wieder in Empfang nahm.

Der Vorteil der Busfahrt ist der gute Anschluss, denn kaum hatte ich den Namen „Herat“ über die Lippen gebracht, da fasste mir auch schon ein strahlender junger Mann ans Handgelenk und zog mich unter einem freundlichen Wortschwall zu einem wartenden Bus. „Herat?“ - „Bale!“. Umarmungen, Küsse auf die Wange, Begeisterung. Der lang verschollene Bruder wurde wiedergefunden.

Ich setzte mich auf einen der weichen, leuchtend-rot gepolsterten Sitze und genoss das leichte Surren der Räder auf dem schwarzen Asphalt. Eine monotone Landschaft mit von der Sonne gebackener gelblich-brauner Erde, blaugrauen Silhouetten schroffer Berge im Hintergrund und struppigen, dornigen Büschen mit hartem Grün zog am Fenster vorbei. An der Grenze brach die Dunkelheit herein und den Rest der anderthalbstündigen Strecke sausten wir fast lautlos Herat entgegen. Ich dachte an eine Schlange, die geschmeidig über den noch von der Sonne warmen Asphalt gleitet.

Dreimal tauchten im Scheinwerferlicht Polizeikontrollen auf. Männer mit scharf gebügelten Uniformen und dem Emblem der afghanischen Polizei an der Schulter winkten den Bus an den Straßenrand, kontrollierten die Fahrzeugpapiere und winkten uns dann weiter. Polizeikontrollen existierten bei meiner letzten Fahrt nach Herat vor knapp zwei Jahren noch nicht. Es gab nicht einmal eine Polizei.

Nichts geändert hatte sich aber in der Eingangshalle des Hotels Mowafaq, wo ich auch das letzte Mal abgestiegen war. Der plüschige Teppich, die knallbunten künstlichen Blumen, der kleine Springbrunnen unter der Treppe, dem das Wasser fehlte.

Ich bekam sogar das selbe Zimmer wie vor zwei Jahren, Nummer 150, dritter Stock links mit Blick auf die Strasse, die zur Zeit im Dunkeln liegt.

Sogar der Toilettendeckel ist noch zerbrochen und es riecht immer noch nach einer Mischung aus Staub und Kloake.

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