Esel vs Pferd

Mahdi Rahmanian, Verlagsgeschäftsführer der Zeitung Shargh, erhielt gestern einen Telefonanruf. Eine amtlich klingende Stimme stellte sich als Vertreter des Rates für Presseaufsicht vor und teilte Rahmanian mit, seine Zeitung habe ab sofort keine Erlaubnis mehr zu erscheinen. Dann macht es Klack und die Leitung war tot.
Shargh besitzt eine Auflage von rund 100.000 Exemplaren und ist qualitativ einer der besten und bekanntesten Zeitungen im Iran. Sie steht der Reformbewegung nahe, agiert mit seiner Kritik an der Politik des Regimes aber sehr vorsichtig.
Es gehört zu den Feinheiten der iranischen Bürokratie, dass Entscheidungen nicht unbedingt begründet werden. Der Staat hat gesprochen. Punkt. So mussten die Shargh Mitarbeiter dann auf die Fernsehnachrichten am Abend warten. Sie erfuhren, dass ihre Zeitung geschlossen wurde, weil der Verlag keinen Geschäftsführer ernannt hatte, der „aggressiver das veröffentlichte Material überwacht“. Die Zensoren wollen, dass Shargh eine bessere Selbstzensur ausübt. Das iranische Presserecht sieht allerdings nicht vor, dass eine Zeitung geschlossen werden kann, weil den staatlichen Aufsehern der Geschäftsführer nicht passt – was freilich nicht heißen muss, dass die Aufseher nicht einfach eine solche Vorschrift erfinden können.
Die staatliche Nachrichtenagentur IRNA wusste es besser. Sie berichtete, das Blatt sei wegen „zahlreicher Verstöße“, inklusive der Veröffentlichung einer Karikatur und die „Veröffentlichung von Material gegen die Entscheidungen des Nationalen Sicherheitsrates.“
Letzter Vorwurf ist die verklausulierte Form zu sagen, Shargh habe Kritik an der iranischen Atompolitik geübt und da ist man besonders empfindlich. Ich kann mich an keinen Artikel des Blatts erinnern, in dem geschrieben worden wäre, der Iran solle auf sein Atomprogramm verzichten, weil es wirtschaftlich oder ökologisch unsinnig sei. Es wurden eher Fragen gestellt. Fragen beispielsweise, ob es für den Iran nicht besser sei, wenn man sich mehr bemühe, die Beziehungen zu den europäischen Staaten nicht zu verschlechtern.
Aber das reicht. Eisern wird darüber gewacht, dass keine Kritik laut wird. Offizielle warnen einheimische Journalisten immer wieder, sehr vorsichtig mit dem zu sein, was sie schreiben. Nun, wo sich der Konflikt in Richtung mögliche Sanktionen bewegt, hat die Empfindlichkeit noch zugenommen.
Ja, und die Karikatur.
Als Illustration zu einem Artikel über die Atomverhandlungen hatte Shargh in seiner gestrigen Ausgabe oben stehende Zeichnung veröffentlicht. Auf einem Schachbrett stehen sich zwei Figuren, ein Esel und ein Pferd gegenüber. Auch im Iran gilt der Esel nicht unbedingt als ein Symbol der Klugheit.
Aber welche Seite ist nun der Esel und welche das Pferd? Nun, ganz einfach – zumindest für die Zensoren. Wenn man genauer hinschaut, kann man um den Esel eine Aura aus Licht sehen.
Und?
Als Präsident Mahmoud Ahmadinejad im letzten Jahr von seiner Rede bei der UN Generalversammlung in New York zurückkam, berichtete er im Kreis von engsten Vertrauten, er habe deutlich gespürt, wie ihn eine Aura aus Licht umgab, als er oben auf dem Podium stand.
gepostet am 12. September 2006 um 10:56 von unter Medien, Iran. Alle Kommentare können über den RSS 2.0 feed verfolgt werden.
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