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Natascha Express

27. April 2000

NonaIst sie nun oder ist sie nicht? Ganz offensichtlich ist die junge Frau, die sich auf den Platz neben mich gesetzt hat, keine Türkin. Mit ihrer Begleiterin, die eine Reihe hinter uns sitzt, spricht sie aber auch kein Russisch. Ich weiss nicht so recht, wie Georgisch oder Armenisch klingt. Wahrscheinlich ist es Georgisch, was dafür sprechen würde. Ihr Aussehen wiederum spricht dagegen. Sie ist nicht so aufgedonnert wie die anderen.

Aber was macht sie in diesem Bus, wenn sie keine Prostituierte ist?

Ich bin in der vergangenen Nacht in Ardahan hängengeblieben. Eigentlich wollte ich von Kars nach Artvin, meiner letzten Station in der Türkei, weiterfahren. In Van und in Kars hatte man mir einiges über das wilde Nachtleben im türkischen Nordosten zugeflüstert. Es gebe Bars, in denen Frauen mit Männern Alkohol trinken würden, und "Nataschas", Frauen aus den Republiken der ehemaligen Sowjetunion, würden dort als Prostituierte arbeiten. Das klang vielversprechend.

In Ardahan, das genau auf der Mitte der Strecke liegt, musste ich umsteigen. In der kleinen Lehmhütte, in der die Busgesellschaft einen Schreibtisch und ein paar Bänke für die Wartenden aufgestellt hatte, verlangte der Fahrkartenverkäufer von mir 8 Millionen türkische Lira - achtmal mehr als der erste Abschnitt der Fahrt gekostet hatte. Der gewitzte junge Mann wusste, dass ich auf ihn angewiesen war, wollte ich nach Artvin weiterfahren, und ich wusste, dass ich mich nicht erpressen lassen wollte. So war ich entsprechend empört und versuchte dem Verkäufer zu erklären, dass ich zwar Deutscher, deshalb aber nicht zwangsläufig dumm bin. Er griente, blieb aber ungerührt. Den Ausweg bot schliesslich ein Schild an der Innentür der Lehmhütte, die eine Fahrt nach Tiflis offerierte. Abfahrt morgens um 6:30. Da ich mich in eine Position manövriert hatte, in der ich schlecht auf den unverschämten Preis für die Fahrt nach Artvin eingehen konnte, entschloss ich mich auf das ausschweifende Nachtleben zu verzichten und die Nacht in Ardahan zu verbringen. Allerdings wusste ich da noch nicht, was für ein Ort Ardahan ist.

Die Stadt besteht aus zwei grossen Kasernen zwischen denen einen paar Geschäfte und ein quadratischer Platz liegen, auf dem das Unkraut deprimiert die Köpfe hängen lässt. Wer nicht seine Zeit damit zubringen will zuzuschauen, wie der Wind den Staub durch die Strassen treibt, sitzt in einer der beiden Teestuben und gönnt sich einen kostenlosen Zuckerwürfel. Die Restaurants servieren Essen zum Sattwerden. Geschmack kann sich hier niemand leisten. Selbst die Zahnstocher waren halbiert.

Um 6:20 stand ich an der Busstation. Ich hatte nicht ernsthaft erwartet, dass der Bus um die Uhrzeit tatsächlich kommen würde. Es war mehr ein kleines Spiel des jungen Mannes vom Fahrtkartenverkauf, um dem ach so cleveren Ausländer zu zeigen, dass er dumm genug ist, zu so früher Stunde gemeinsam mit zwei ausgehungerten Hunden Löcher in die Luft zu starren.

EssmaUm 7:10 wurde die Lehmhütte aufgeschlossen. Um 7:30 kam der etwas altersschwache Bus, der schon halb besetzt war. Es waren überwiegend weibliche Passagiere, die in ihrer Aufmachung der Dame glichen, die zeitgleich mit dem Bus an der Haltestelle eintraf: eher Anfang vierzig als Anfang dreissig, tüpierte, gefärbte Haare, Modeschmuck und Make-up mit Signalkraft, etwas füllig, was durch das dunkelrote, enganliegende Strickkleid noch hervorgehoben wurde. Den parfümierten, manikürten Zwergpudel hatte sie wahrscheinlich im Gepäck.

Meine Kenntnisse von osteuropäischen Prostituierten sind eher allgemeiner Natur, aber wenn ich ein Tier mit vier Beinen und einem Fell sehe, das bellt, dann weiss ich, dass es sich um einen Hund handeln muss.

Beim ersten Zwischenstopp kam Nino durch den Dunst aus süsslichem Parfüm und abgestandener Luft auf mich zu und setzte sich neben mich. Ganz unverhohlen mustert sie mich und lächelt. So verhalten sich türkische Frauen in dieser Gegend der Welt gemeinhin nicht.

Wir versuchen ein Gespräch. Mit Hilfe der etwa 20 Vokabeln, die wir gemeinsam haben, und meinem kleinen georgischen Sprachführer können wir uns gegenseitig vorstellen. Sie habe ihr Studium beendet und fahre gelegentlich in die Türkei. Warum ist nicht in Erfahrung zu bringen. Ihr Pass weist jedenfalls eine stolze Sammlung an Stempeln auf.

Tsiala, ihre Begleiterin, eine schmale, drahtige Frau von Mitte vierzig mit einem hellen Lachen, stellt sich als Turnlehrerin aus Georgien vor, die gelegentlich Reisegruppen nach Istanbul begleite.

Der Bus quält sich die auf einer Schotterstrasse den steilen Berg zur Grenzstation hinauf. Hinter einem kleinen Dorf mit Wiesen und Obstbäumen tauchen die Fahnenmasten mit der türkischen Fahne auf. Wir steigen aus dem Bus aus und stellen uns vor einem kleinen Häuschen auf, in dem ein türkischer Grenzer die Pässe kontrolliert. Neben dem Fenster, durch das die Papiere gereicht werden, hat ein schwarzgekleideter Mann aus dem Bus Position bezogen. Jeder einzelne Fall dauert endlos. Es wird parliert und geredet. Die Frauen vor mir in der Schlange sind leicht gereizt und verdrehen immer wieder die Augen.

Wenn ein Fall besonders lange dauert, greift der Mann neben dem Fenster in seine Hosentasche und holt eine Rolle Dollarscheine hervor. Zwei, drei Scheine wechseln den Besitzer und es geht weiter.

Atillo erlöst mich von der Warterei. Er lädt mich und Chris, ein englischer Student, der eigentlich in den Iran fahren wollte, nun aber irgendwie auf dem Weg nach Georgien ist, zu einer Tasse Tee ein.

Atillo ist eigentlich Student in Istanbul, arbeitet aber jetzt für ein Jahr als Grenzbeamter. Natürlich wüssten die türkischen Behörden von dem kleinen Grenzverkehr mit der Prostitution. Die Frauen kämen auf einem einmonatigen Touristenvisum in die Türkei und führen nach Ablauf nach Georgien oder Armenien zurück, um das Visum zu erneuern. Das Ganze sei eine ökonomische Frage. Wenn man den Frauen kein Visum mehr gewähre, dann würden sie illegal über die Grenze kommen, was die Probleme nur vergrössere. Von dem kleinen Nebenverdienst für die türkischen Grenzbeamten spricht er nicht.

Ansonsten sei es an der Grenze eher ruhig. Wegen der schlechten Strassenverhältnisse verlaufe der Hauptverkehr über die Grenzstation bei Hopa am Schwarzen Meer. Er zeigt mir ein kleines Gebäude wenige Meter vom Grenzzaun entfernt, in dem während des Kalten Krieges gelegentlich Treffen zwischen Vertretern des Ostens und des Westens stattfanden. Diplomaten, Militärs und andere Reisende in vertraulichen Angelegenheiten.

Ein mürrischer georgischer Grenzer öffnet Chris und mir das Tor einen spaltbreit und mustert uns misstrauisch. Die Daten unserer Pässe werden in eine grosse Kladde eingetragen, die Pässe gestempelt und wir dürfen weitergehen.

NatiaAuf der georgischen Seite ist die Abfertigung noch zähflüssiger. Ein anderer Reisebus ist aus der Gegenrichtung eingetroffen. Wenn es irgendeine Ordnung bei der Abfertigung geben sollte, dann ist sie für mich nicht zu erkennen.

Tsilia schlägt mir vor, einen kleinen Imbiss zu essen. Sie wisse aus Erfahrung, dass es noch eine ganze Weile dauern würde, bis wir weiterfahren können. Bevor mir aber das Essen serviert wird, werde ich in ein Büro gerufen. In dem spärlich möblierten Raum sitzt ein Mann, umringt von den Passagieren meines Busses, an einem wackeligen Tisch, auf dem unsere Pässe gestapelt sind. Mit dem Gehabe eines Erstklässlers, der seine Schreibübungen besonders sorgfältig machen will, trägt er erneut die Daten in eine abgewetzte Kladde ein. Das wird der Besitzer aufgerufen und ihm gegen Zahlung von fünf Lari (etwa fünf Dmark) das Dokument wieder ausgehändigt. Offensichtlich müssen Georgier eine Gebühr entrichten, wenn sie in ihr eigenes Land zurückkehren wollen.

Ich werde in das Nachbarbüro verwiesen. Hinter einem Tresen sitzen zwei Grenzbeamte vor ihrer Suppe. Ich frage nach meinem Pass und erhalte ein "Fiftyfive Dollars" zur Antwort. Erst glaube ich, nicht richtig gehört zu haben, denn der Mann spricht mit vollem Mund und hebt kaum seine Kopf von seinem Teller dickflüssig-grauer Suppe, aber er meint es ernst.

"Fünfundfünfzig Dollar? Wofür?"

Der Mann schiebt sich einen weiteren Löffel Suppe in den Mund, obwohl ihm bereits ein dünnes, wässeriges Rinnsal aus dem Mundwinkel läuft, und murmelt etwas, das erneut nach "fiftyfive Dollars" klingt.

"Auf keinen Fall! Ich habe nichts zu verzollen."

Ein weiterer Löffel Suppe, ein Biss in das Weissbrot und wieder ein dumpfes "Fiftyfive Dollars" aus vollem Mund. Wieder ein verneinendes Kopfschütteln von mir.

CialaDer zweite Beamte bietet sich schliesslich als Vermittler an. Nein, nein, fünfundfünfzig Dollar sei ein Missverständnis. Die Gebühr betrage nur zwei Dollar. Ich krame zwei Dollarscheine aus der Hosentasche. Soviel ist es mir wert, dem Mann nicht weiter beim Essen zuschauen zu müssen.

Als wir weiterfahren ist die Hälfte der Plätze im Bus unbesetzt. Viele der Frauen sind gleich auf der Stelle wieder umgekehrt und haben sich vor dem Häuschen auf der türkischen Seite wieder angestellt.

Die Strasse auf der georgischen Seite ist nicht weniger holprig als in der Türkei. Wir rütteln und schütteln eine Anhöhe hinunter.

In der ersten grösseren Ortschaft hält der Bus. Die Dame mit dem engen roten Strickkleid und zwei ihrer Begleiterinnen steigen aus. Zum Abschied schaut sie zu mir herüber und lächelt mich an. Ich lächele zurück.

Nino ist empört. "Prostitute!" sagt sie auf Englisch und macht dabei eine verächtliche Handbewegung.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000