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Wasserfolter

27. April 2000

Hamam in KarsVon Dogubayazit bis Kars sind es auf der Landkarte nicht mehr als 200 Kilometer Luftlinie. Zwischen den beiden Städten liegt aber irgendwo eine unsichtbare Grenzlinie. Hatte Dogubayazit noch eine südliche, leicht chaotische und improvisierte Atmosphäre, so sind in Kars die Kopftücher, die Teestuben, die kleinen Bazare und die staubigen, engen Seitengassen weitgehend verschwunden. Die Stadt hat ein wenig das Flair einer türkischen Siedlung im Ruhrgebiet.

Kars wurde 1878 von den Russen besetzt und erst 1920 von den Türken wieder zurückerobert. Diese Zeit hat ihre Spuren im Stadtbild hinterlassen. Die Strassen sind in einem Gittersystem angeordnet, die Häuser höher und massiver. Die Minarette der Moscheen sind an den Stadtrand gedrängt. Statt dessen dominieren im Zentrum Einkaufstrasse mit modernen Geschäften, Restaurants und kleinen Supermärkten das Bild.

Es ist eine Industriestadt und profitierte einstmals vom Grenzverkehr mit dem benachbarten Armenien. Die vierzig Kilometer entfernte Grenze ist aber geschlossen. Während des Krieges zwischen Armenien und Aserbaidschan um Nagorno-Karabach hat sich die Türkei auf die Seite Aserbaidschan, dem engsten Verbündeten Ankaras im Kaukasus, gestellt. Gegen Armenien, zu dem das Verhältnis allemal gespannt ist, wurde ein Handelsboykott verhängt, der bis heute existiert. Es ist zwar die Rede davon, dass beide Staaten versuchen, sich wieder ein Stück anzunähern und einmal die Woche LKWs die Grenze wieder passieren. Ich habe aber niemanden finden können, der mir dies bestätigen wollte. "Grenze ist Sicherheitsfrage", sagt der Hotelmanager und schweigt.

Kars liegt auf einem Hochplateau. Die Wolken ziehen flach darüber hinweg und es ist erheblich kühler geworden. Die Stadt ist bekannt für ihr raues, unfreundliches Wetter. Damit scheint sie der perfekte Ort zu sein, zu unternehmen, was ich schon seit meiner Ankunft in der Türkei vorhatte: ein Besuch in einem Hamam, einem türkischen Bad.

Eine steile Treppe führt von der Strasse aus zum Hamam meines Hotels, das als einziges der Stadt auch nachmittags für Männer geöffnet hat. Allgemein gilt: vormittags und abends die Männer, nachmittags die Frauen.

Vorraum des HamamAm Fuss der Treppe führt ein kleiner, dunkler Gang in den gekachelten Vorraum des Bades. Es sieht aus wie die Umkleidekabine eines Hallenbades, wenn man mal von dem kleinen Springbrunnen in der Mitte, in dem Sodaflaschen zum Abkühlen liegen, und den Männern absieht, die sich rechts vom Eingang auf einer grossen Liege in Tüchern gehüllt ausruhen.

Ich erhalte einen Schlüssel zu einer Umkleidekabine, eines der Tücher, wie es auch die Männer tragen, ein paar Plastiklatschen und werde dem Tellak, dem Bademeister, vorgestellt. Der Mann würdigt mich nur eines kurzen Blickes aus dunklen, tiefen Augen, die keinen Zweifel daran lassen, dass sie alle Schrecken dieser Welt schon gesehen haben.

Von der Eingangshalle führt ein zweiter Gang entlang einer Reihe von rostigen, tropfen Wasserrohren in das eigentliche Bad. In der Mitte befindet sich auf einem Podest ein grosser, runder Marmorstein. An den Wänden entlang sind steinerne Sitzbänke aufgereiht, zu dem jeweils ein kleines Wasserbecken gehört. Die Luft ist feucht-warm, aber keine Dampfschwaden ziehen durch den Raum.

Ich hatte zwar zuvor ein wenig darüber gelesen, worauf ich mich in einem Hamam einzustellen habe, aber nun geht es in meinem Kopf ein wenig durcheinander. War es erst waschen und dann auf den Stein setzen? Und wenn waschen, dann mit oder ohne Seife?

Etwas ratlos setzte ich mich auf den grossen Marmorstein in der Mitte. Er ist angenehm warm. Zwei junge Männer haben sich auf der anderen Seite lang ausgestreckt und die Augen geschlossen. Ein dicklicher Türke mit einer bedrohlichen Beule auf der rechten Schulter sitzt auf einer Bank in der hinteren Ecke und seift sich mit grosser Hingabe ein.

Ich spekuliere auf einen Neuankömmling, von dem ich einfach abgucken kann, was ich nun tun soll, aber niemand kommt.

Mein Hinterteil wird auf dem Stein langsam wärmer als es angenehm ist. Der Tellak schlurft in seinen Badelatschen herein und beginnt, ein wenig Ordnung zu schaffen. Nicht einmal schaut er zu mir herüber.

Schliesslich entscheide ich mich, es meinen beiden Nachbarn gleichzutun und strecke mich der Länge nach aus. Anfangs entfinde ich die Wärme, die der Stein abgibt, angenehm, aber es muss an dem Schweissfilm liegen, der sich auf meinem Körper bildet, dass es heisser und heisser wird. Ich beginne darüber nachzudenken, ob ich mich vom Rücken auf den Bauch wenden soll, als plötzlich der Tellack neben mir steht. Er schaut mir nicht ins Gesicht sondern auf den Bauch, den ich nackt immer schon als mein weniger vorteilhaftes Körperteil angesehen habe. Mit einem wortlosen Klapps in die Seite deutet er mir an, ein Stück zum Rand zu rutschen.

Während ich auf dem Rücken liege, beginnt er, mich einzuseifen: zuerst das linke, dann das rechte Bein, die Füsse, die Zehen, den Oberkörper. Mit einem weiteren Klapps deutet er mir an, mich aufzurichten, sodass er mir den Rücken, den Nacken und den Kopf ebenfalls einseifen kann. Er ist nicht grob, aber er behandet mich, als empfinde er eine tiefe Verachtung für mich. Kein Blick, kein Wort. Mit einem Klapps hier und einem Klapps dort signalisiert er mir jeweils, wie ich mich zu drehen und zu wenden habe. Zweimal berühre ich mit dem Handrücken aus versehen seinen weissen, runden Bauch, der sich wie Mäusespeck anfühlt.

Er führt mich zu einer der Bänke am Rand und wäscht mir mit einer Schale, mit der er das Wasser aus einem Becken schöpft, die Seife wieder ab. Zu meiner Linken beobachte ich einen Mann mit einem schmutzig-braunen Gesicht. Seine Kopfbedeckung hat einen weissen Streifen bis zur Mitte seiner Stirn hinterlassen. Immer wieder seift er sich ein, aber das Gesicht bleibt so schmutzig-braun zuvor. Zu meiner Rechten wäscht ein älterer Herr mit lichtem Haar mit grosser Ausdauer sen Gebiss in einem der Becken.

Das Ganze beginnt noch einmal von vorn: noch einmal einseifen, diesmal mit einem etwas festeren Griff. Dann Abspülen mit Wasser, wobei mich der Tellack mit einem rauhen Waschlappen gründlich abreibt.

Ich beginne, es zu geniesse. Meine Haut würde zwar einen gekochten Hummer vor Neid erblassen lassen, aber ich fühle mich frisch, reiner als jedes Waschmittel aus der Fernsehwerbung jemals waschen kann, vital, der Welt gewachsen.

Zumindest bis zur Massage. Auf der Bank in der Umkleidekabine macht sich der Tellak wortlos über mich her. Die Geschichte vom Folterknecht und seinem Opfer ist zwar schon oft beschrieben worden - ich erlebe sie aber zum ersten Mal.

Kafkas RestaurantDie alten Hände walken, kneten, zerren, biegen, stauchen, zwicken, pressen, massieren, reiben, klatschen, trommeln und drücken. Ich weiss nicht, was ich beweisen will, aber aus irgendeinem dummen Stolz heraus versuche ich mir die Torturen nicht anmerken zu lassen, doch irgendwann gibt mein Körper einfach auf. Es hat keinen Zweck. Der Alte ist nicht zu besiegen. Seither lässt der Schmerz nach. Wärme bereitet sich von meiner Bauchmitte her aus. Wäre ich ein Kater, würde ich schnurren.

Schliesslich lässt mich der Alte liegen und verlässt die Umkleidekabine. Wieder kein Wort. Wieder kein Blick.

Ich betrete die Welt mit einem neuen Körper. Er steckt voller Energie. Die Muskeln sind fest und straff. Durch meinen Kopf strömt der Sauerstoff. Bäume reisse ich keine aus, sondern gehe zwei Strassen weiter in ein Restaurant, um etwas zu trinken.

Das Restaurant heisst "Kafkas Restaurant". "Kafkas" heisst auf Türkisch "kaukasisch". Es ist also nicht mehr weit.

Eyvallah

 

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© Martin Ebbing 2000