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Ararat

26. April 2000

Ararat um 9 UhrEs ist eine bösartige, schlafraubende Mär, dass man den Ararat am besten noch vor Sonnenaufgang sehen kann. Unter dem Einfluss der Sonnenwärme neigt der schneebedeckte Berg dazu, seine eigenen Wolken zu bilden und damit sein Haupt zu verhüllen.

Um 5 Uhr morgens ist der Himmel noch schiefergrau und der Ararat erscheint als ein schwarzer Klotz im Dunkeln. Um 5:15 erscheint die Sonne am Horizont. Der Himmel wird zwar heller, aber der Berg ist immer noch ein gigantischer anthrazitfarbener Zacken. Erst um 5:30 blitzt der erste Schneeflecken an der Spitze in der Sonne.

Mit Aufsteigen der Sonne wird der Dunst immer deutlicher, der über der Landschaft liegt. Die Konturen des Berges zeichnen sich immer klarer ab und die Schneeflecken an der Spitze wachsen.

Erst um 6:30 ist der Ararat in seiner ganzen majestätischen Schönheit zu sehen. Unbedrängt steht der erloschene Vulkan allein auf einem Plateau und reckt sich mehr als 4000 Meter in die Höhe. Mit seiner Gesamthöhe von 5165 Metern kann es weit und breit kein anderer Berg an Wucht und Eleganz mit ihm aufnehmen.

Wie ein flauschiger Kranz bildet sich an der Schneegrenze unter der zunehmenden Sonnenwärme ein Wolkengürtel, der dichter wird und in die Höhe wächst und immer grössere Teile des Berges verdeckt. Um 11:40 schliesslich ist auch die Spitze umhüllt.

"Da sprach Gott zu Noah: das Ende alles Fleisches ist bei mir beschlossen, denn die Erde ist voller Frevel von ihnen; und siehe, ich will sie verderben mit der Erde. Mache dir einen Kasten von Tannenholz und mache Kammern darin und verpiche ihn mit Pech innen und aussen. Geh in die Arche, du und dein ganzes Haus; denn dich habe ich gerecht erfunden vor mir zu dieser Zeit. Von allen reinen Tieren nimm zu dir je sieben, das Männchen und sein Weibchen. Desgleichen von den Vögeln unter dem Himmel sieben, das Männchen und das Weibchen, um das Leben zu erhalten auf dem ganzen Erdboden. Denn von heute an in sieben Tagen will ich regnen lassen auf Erden vierzig Tage und vierzig Nächte und vertilgen von dem Erdboden alles Lebendige, das ich gemacht habe. Und die Sintflut war vierzig Tage auf Erden, und die Wasser wuchsen und hoben die Arche auf und trugen sie empor über die Erde. Da gedachte Gott an Noah und an alles wilde Getier und an alles Vieh, das mit ihm in der Arche war, und liess Wind auf Erden kommen, und die Wasser fielen. Am siebzehnten Tag des siebten Monats liess sich die Arche nieder auf dem Gebirge Ararat."

Ararat um 12 UhrNach der biblischen Überlieferung nahm der Neubeginn der Menschheit seinen Ausgang am Berg Ararat. Irgendwann sind unser aller Vorfahren aus der Arche geklettert, haben die Tiere freigelassen und sind in die Welt hinausgezogen, um "fruchtbar zu sein und sich zu mehren auf Erden".

Allerdings weiss der Koran, der ebenfalls vom Propheten Nuh (Noah) und der Arche erzählt, von einem anderen Landeplatz: "Und es nahm ab das Wasser, die Ordnung wurde wiederhergestellt und das Schiff hielt auf el-Cudi". Der 2124 Meter hohe Cudi-Berg liegt allerdings an der türkisch-irakisch-syrischen Grenze.

Diese Diskrepanzen haben den Forschergeist nicht ruhen lassen. Immer wieder wurde nach Resten der Arche gesucht. Schon Alexander der Grosse soll das Wrack aufgespürt und beobachtet haben, wie die Nachkommen von Noahs jüngstem Sohn Japhet von den Holzplanken Bitum kratzten und als Amulette verwandten. 1684 soll der niederländische Weltreise Jan Struys das biblische Schiff entdeckt und Holzstücke als Beweis mitgenommen haben. 1916 rüstete der letzte russische Zar, Alexandrowitsch Nikolaj II., eine grosse Suchexpedition zum Ararat aus, nachdem Leutnant Roskowitzki auf einem Aufklärungsflug auf einer Felsplatte die Arche in einem halb zugefrorenen Gletschersee gesichtet hatte. Im "New Eden Magazine" berichtete Roskowitzki über seinen sensationellen Fund: "Die Arche enthielt Hunderte von kleinen Abteilen und daneben etliche sehr grosse mit hoher Decke." Leider gingen alle Beweise sowie Fotografien in den Revolutionswirren verschwunden.

MehmetEbenfalls fündig wurde der französische Industrielle Fernand Navara, der die Überreste 1955 bei einer Kletterpartie mit seinem Sohn entdeckt haben will. Zum Bewies brachte er tatsächlich drei Balken mit, die aus der Zeit um 5000 bis 6000 vor unserer Zeitrechnung stammen. Leider zeigte er niemandem den Fundort und Zweifel kamen auf, ob er sich die Hölzer nicht vielleicht woanders verschafft hat, um sie am Ararat "wiederzuentdecken".

Die einschlägigen Reiseführer haben sich inzwischen darauf geeinigt, den Fund des Amerikaners David Fusold als die "wahre Arche" anzusehen. Dies ist sehr praktisch, denn eine Besichtigung des Felsen am Fuss des Berges, der die Form eines Schiffes haben soll, ist auch ohne mühselige Kraxelei möglich.

Auch Mehmet hat die Arche Noah in seinem Programm. "Sie ist von Amerikanern entdeckt worden", antwortet er mit einem süffisanten Lächeln auf meine Frage, ob sich denn der Besuch lohne. Diese Ehrlichkeit macht ihn mir gleich sympathisch. Mehmet ist Reiseführer. Da sich nach seiner Zählung in der Woche nicht viel mehr als 20 Touristen in Dogubayazit verirren, läuft das Geschäft äusserst schlecht. Schuld ist der Golfkrieg, der die Ausländer verschreckt hat, obwohl der Krieg längst vorbei ist und kein Grund besteht, sich um Leib und Seele zu fürchten. Gelegentlich kommen Busse mit Touristen aus Indien und Pakistan , die sich aber weniger für den Ararat und die Arche Noah sondern mehr für den Palast des kurdischen Fürsten Ishak Pasha aus dem 18. Jahrhundert interessieren, der in der Nachbarschaft liegt. Freimütig gesteht Mehmet ein, dass er kaum einen Pfennig in der Tasche hat. Tagsüber sitzt er am Busbahnhof und grast die Restaurants ab, um die wenigen Ausländer aufzuspüren. So hat er auch mich gefunden.

Busse an der iranisch-türkisch GrenzeUm zu überleben, betätigt er sich als Helfer und Ratgeber für Ausländer in allen möglichen Fragen des Lebens. Im letzten Jahr beispielsweise hat er für einen holländischen Reiseveranstalter einen Wagen aus China abgeholt. Die Kurzfassung dieser Geschichte, die Mehmet mir im Auto auf dem Weg zur iranischen Grenze erzählt, dauert etwa 15 Minuten. Es kommen darin kasachische Räuber, sibirische LKW-Fahrer, 2.000 US Dollar, eine drohende Pfändung von Haus und Hof, unbeantwortete Hilferufe und eine leere Kasse irgendwo an der chinesischen Grenze vor. Zum Schluss war der Reiseveranstalter spurlos verschwunden, Mehmet konnte sein Haus aber behalten und möchte nun gern noch einmal nach Sibirien.

Vorher will er mir aber die türkisch-iranische Grenze zeigen. Auf beiden Seiten der Abfertigung warten seit drei, vier Tagen Hunderte von LKWs darauf, dass sich die Grenzer ihrer (oder des von ihnen angebotenen Schmiergeldes) annehmen. In einer Extraspur sind iranische Busse aufgereiht, deren Passagiere auf dem Weg nach Istanbul oder Syrien sind. Daneben warten zwei Reihen von Tanklastzügen, deren stoppelbärtige Fahrer sich die Zeit mit Tee und Brettspielen vertreiben. Männer in Anzügen mit Attacheekoffern laufen hin und her und machen eine finstere Miene. Hektischer Stillstand.

Schmuggel, so versichert mir Mehmet, finde so gut wie nicht mehr statt. Im Iran seien zwar die Lebensmittel und die Gegenstände des täglichen Bedarfs um die Hälfte billiger als in der Türkei, aber man kann ganz legal von diesen Unterschieden profitieren. Etwas abseits von der Grenzstation ist eine kleine Freihandelszone eingerichtet worden, in der Türken und Iraner einkaufen können. Die beiden Länder sind durch ein offenstehendes Tor getrennt, an dem sich ein paar uniformierte Beamte langweilen. Auf der türkischen Seite werden vor allem industrielle Chemikalien und Elektrogeräte angeboten, auf der iranischen Seite sind vor allem Lebensmittel, die egal welcher Art einfach per Kilo bezahlt werden, der grosse Renner.

LKW an der iranisch-türkischen GrenzeMehmet, dem ich zwanzig Dollar für den Ausflug gezahlt hatte, nutzt die Gelegenheit. Mit zwei schweren, prallen Plastiksäcken voller Gurken, Tomaten, Auberginen, Petersilie, Zwiebeln und Kartoffeln fahren wir nach Dogubayazit zurück.

Zum Abschied gehen wir in ein Restaurant und wählen einen Tisch, von dem aus Mehmet den Eingang zu seinem Büro überwachen kann. Ich erzähle ihm, dass ich nun das erste Mal im Iran gewesen bin, und wie schwierig es ist, ein Journalistenvisum aus Theran zu bekommen. "Ein Touristenvisum ist kein Problem", entgegnet Memet, wobei seine Augen unruhig zwischen mir und dem Eingang seines Büros hin- und herwandern. "Ich kenne da jemanden im iranischen Konsulat in Erzurun. Drei Tage, und das Visum ist da. Kein Problem."

Bevor ich eine Frage stellen kann, ist Mehmet plötzlich aufgesprungen, murmelt, die Augen auf das Geschehen draussen, eine kurze Entschuldigung und eilt davon. Auf dem Platz ist ein Reisebus vorgefahren. Mehmet wittert Kundschaft.

Ich überlege kurz, ob ich auf das verlockende Angebot nicht eingehen soll. Dann rufe ich nach dem Kellner und bitte um die Rechnung.

Eyvallah


Eine kleine Geschichte über Mehmet, den Tourismus in Dogobayazit, die Grenze zum Iran und den Golfkrieg.

Kriegsschäden im Tourismusparadies, Länge 5:23

 

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© Martin Ebbing 2000