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Von Van nach Dogubayazit

25. April 2000

Fernstrasse Richtung IranEin Reisetag. Natürlich ist jeder Tag auf dieser Reise ein Reisetag, aber ich erwarte heute nicht viel mehr als von A nach B, von Van nach Dogubayazit zu fahren. Ohne besondere Vorkommnisse.

Es ist alles mittlerweile zur Routine geworden: nach dem Frühstück das Schreiben meines Tagesreportes vom Vortag, der schnelle Ausflug zum Internetcafé, der Kampf gegen besetzte Leitungen, das Zusammenräumen meines Gepäckes, Bezahlen der Hotelrechnung, Fahrt zum Busbahnhof und die Suche nach einer passenden Verbindung.

Heute fahre ich nicht mit einem der komfortablen Überlandbusse, sondern per Mini-Bus, kleinen Transportern mit rund 15 Sitzplätzen, die die kleineren Städte und Ortschaften miteinander verbinden.

Die kürzere Strecke von Van nach Dogubayazit führt über "Hauptstrassen", wie es in der Legende meiner Karte heisst. Mit Hauptstrasse ist dabei wohl gemeint, dass es sich um die einzige befesigte Strasse weit und breit handelt.

Ich sitze auf der letzten Bank hinten links, da wo sich die verbrauchte Luft und die verschiedenen Köperausdünstungen sammeln. Während des ersten kurzen Haltes hatte eine junge, stämmige Frau, deren Gesicht bis zu den Augenwimpern "Platz da, jetzt komm ich!" schrie, einfach meinen Platz genommen. Glücklichweiser war ihr Sohn noch klein, der meinen Rucksack mit meiner Kamera und meinem Recorder als Plattform nutzte, um besser aus dem Fenster gucken zu können. Die Zigarillos sind zwar zerstampft, aber die Geräte blieben unzerstört.

So schaue ich von meiner Rückbank aus aus dem Fenster und betrachte die mir mittlerweile vertraute Landschaft, die an uns vorüberzieht. Vor den schneebedeckten Bergen im Hintergrund wechseln sich karge Wiesen mit einigen Flecken fruchtbarer Äcker ab. Schafherden und geduckte, fensterlose Steinhäuser werden von den entgegenkommenden Autos ebenso in Staub gehüllt wie wir.

Hotels in DogubayazitDie erste Überraschung ereignet sich bei einem Zwischenstopp an einer Teestube. Von seinem Tischchen links von mir mustert mich aufmerksam ein schmaler Mann in einem abgetragenen Anzug mit beschmuddelter Krawatte aus dem Augenwinkel. Neben ihm auf dem Stuhl liegen englische Schulbücher. Als ich beginne, mir die Zeit mit ein wenig Lesen zu vertreiben, fasst er sich schliesslich ein Herz. "Sind Sie Deutscher?" fragt er in fast akzentfreiem Deutsch und schaut mich dabei ein wenig verlegen an.

Er stellt sich mir als ein grosser Freund Goethes vor. Faust habe er gelesen. Den jungen Werther natürlich auch. Ob Weimar heut eine moderne Stadt sei. Er würde sehr gern einmal nach Weimar fahren, denn Goethe habe dort gelebt, und er interessiere sich sehr für Goethes Leben.

Seine Stimme ist sanft, leise. Ganz vorsichtig formuliert er seine Sätze, als er wolle er mir nicht zu nahe treten.

Ob es stimme, dass "Nathan der Weise" an deutschen Schulen gelesen werde. Wie denn die Deutschen heute die Figur dieses Juden interpretieren würden?

Der Mann weiss mehr über die deutsche Literatur als ich, und er behandelt mich so, als würde selbstverständlich jeder Deutsche mit der Literatur seines Landes auf bestem Fusse stehen. Ich entdecke mich dabei, wie ich die mir zugeschriebene Rolle annehme. Es ist mir peinlich, dass mir nichts Kluges zu Nathan dem Weisen einfällt und ergreife schnell die Gelegenheit, auf das Verhältnis der Deutschen zu den Türken in Deutschland überzulenken. Da fühle ich mich sicherer, obwohl mir auch nicht viel mehr als ein paar Plattheiten ("Die Mehrheit der Deutschen akzeptiert die türkischen Mitbürger" - Ja, ich habe tatsächlich das Wort "Mitbürger" benutzt!! - "Die Neonazis sind nicht repräsentativ für die allgemeine Meinung in Deutschland. Dennoch darf man sie natürlich nicht auf die leichte Schulter nehmen.") gelingen. Ich klinge wie der Pressesprecher der Bundesregierung, der einen schlechten Tag erwischt hat.

Wie ich das neuste Buch von Grass fände? Ob Martin Walser sich mit seinen politischen Äusserungen sehr geschadet habe? Eine Ziegenherde zieht blökend an uns vorbei.

Die Peinlichkeiten erreichen ihren Höhepunkt, als er mich fragt, welche türkischen Autoren ich gern lesen würde. Verlegen gestehe ich ein, dass ich nicht mehr als zwei, drei Namen kenne, nickt er stumm mit dem Kopf.

Er sei noch nie in Deutschland gewesen. Als Lehrer habe er nur eine Chance, ein Visum zu bekommen, wenn er eine Einladung aus Deutschland besitze. Faust II habe er auch gelesen. Er habe gehört, dass man Auerbachs Keller besichtigen könne.

Ich weiss, was jetzt kommen wird. Um ihm das unwürdige Bitten und Betteln zu ersparen, komme ich ihm zuvor. Ich gebe ihm meine Email Adresse und verspreche, mein Bestes zu versuchen.

Iranischer Bus in DogubayazitAuf der Weiterfahrt sinne ich darüber nach, wie Konsularbeamte es fertigbringen, einem solchen Menschen ein Visum zu verweigern. In meinem tiefsten Inneren ahne ich aber bereits, dass ich zu vorschnell seine Hoffnung geweckt habe. Ein schlechtes Gewissen sickert ein und ich wünsche mir, ich besässe die notwendige Rohheit, einfach Nein zu sagen.

Nach der Hälfte der Strecke beginnt sich die Landschaft langsam zu verändern. Auch für mich als geographischem Amateur ist zu erkenne, dass die schwarz-grauen Kegel, die immer dichter zusammenrücken Vulkane sind, die einst Feuer und Schwefel gespuckt haben.

Aus der Ferne sind überdimensionale, frisch gefurchte, sattbraune Äcker zu sehen, die sich beim Näherkommen als buntgewürfelte Anhäufung von dunklen Felsen herausstellen So in etwa muss eine Feldmaus ihre Umwelt erleben, wenn sie gerade der Schneide des Pfluges entkommen ist.

Kurz vor Dogubayazit kommen uns die ersten Busse aus dem Iran entgegen. Der Ort selbst ist nicht viel mehr als eine Ansammlung von kleinen, billigen Hotels, ein paar Autowerkstätten, Teestuben und Geschäften, zwei Moscheen, einer Kaserne und einem staubigen Springbrunnen in Form einer grossen metallenen Pusteblume an einer Durchfahrtsstrasse. Es ist der letzte Stopp vor der 35 Kilometer entfernten Grenze.

Einst seien hier auch viele LKWs aus Deutschland vorbeigekommen, erzählt mir Yüksel, der bei einer Firma arbeitet, die Frachtformalitäten erledigt. Seit dem Golfkrieg sei es damit aber so gut wie vorbei. Nur zwei bis drei Fahrzeuge mit europäischem Kennzeichen verirrten sich noch im Jahr an diesen Grenzübergang.

Iranische WarenSo bringen vor allem türkische LKWs Chemikalien, Textilien und Möbel in den Iran, während aus der Gegenrichtung Lebensmittel, Früchte und vor allem Öl gebracht wird. Etwa 100 türkische Laster und rund 200 iranische Transporter passieren am Tag die Grenze, so Yüksel, der mich jubilierend all seinen Freunden und Bekannten in der Teestube vorstellt, als sei ihm endlich der Beweis gelungen, es gibt die Deutschen tatsächlich noch.

Vom Balkon meines Hotelzimmers aus kann ich den Fuss des Ararat auf der anderen Seite des Tales sehen. Der grössere Teil des Berges ist aber dicht von Wolken verhüllt. Bei Sonnenaufgang, wenn sich noch keine Wolken unter der Hitze der Sonne gebildet haben, habe man den besten Blick, bestätigt der Hotelmanager die Empfehlung aus meinem Reiseführer. Sonnenaufgang ist kurz nach fünf Uhr morgens.

Also gehe ich früh ins Bett. Ich habe eh nichts besseres zu tun. Die Dusche funktioniert nicht und Strom gibt es auch nicht.

Eyvallah


Vor meiner Abfahrt aus Van habe ich noch ein Live-Gespräch mit "Art und Weise" bei Radio Bremen zu Van, dem Völkermord und der ewigen Belästigung durch die türkische Polizei geführt

"Art und Weise", Radio Bremen 2, Länge 7:15

 

 

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© 2000 Martin Ebbing