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| 24. April 2000 |
Am
24. April 1915 wurden im damaligen Konstantinopel mehrere hundert Armenier
unter dem Vorwurf des Hochverrates verhaftet. Die Aktion bildete den Auftakt
einer Vernichtungsaktion des Osmanischen Reiches gegen seine eigene lang
ansässige christliche Minderheit. Vor allem im Osten der heutigen
Türkei wurden die armenischen Männer zusammengetrieben und ermordet.
Frauen, Kinder und Alte wurden missbraucht, ausgeplündert und mit
Gewalt vertrieben. Auf Zwangsmärschen nach Syrien kamen zehntausende
Menschen ums Leben. Es wird geschätzt, dass zwischen anderthalb und
zwei Millionen Armenier bei diesem Völkermord
ihr Leben verloren.
Am 24. April jeden Jahres gedenken die Armenier weltweit dieses Verbrechens und seiner Opfer. Der 24. April 2000 ist in Van ein Arbeitstag wieder jeder andere. Bereits um 6 Uhr morgens werden lärmend die Metallrollos vor den Geschäften hochgezogen. Die Baukrähne setzen sich in Bewegung, die Teestuben stellen ihre Hocker heraus und die Schuhputzer machen sich auf die Suche nach Kunden. Beim Frühstück bitte ich den Kellner, für mich in den türkischen Zeitungen nach Artikeln über den Völkermord zu suchen. Erst versteht er gar nicht, worüber ich rede. Von einem Völkermord hat er nie etwas gehört. Er blättert und sucht, kann aber nichts finden. Im Museum von Van befindet sich im ersten Stock eine kleine Abteilung mit dem Titel "Völkermord". In drei Glaskästen sind Knochen und zerschmetterte Schädel aufbewahrt. Ein kleines vergilbtes Schild gibt Aufschluss, dass hier nicht die Ermordung von Armeniern durch Türken und Kurden, sondern die Ermordung von Türken durch Armenier dokumentiert werden soll. Nach offizieller türkischer Lesart sind die Armenier nicht die Opfer sondern die Täter. Sie seien subversiv, hinterhältig, verschlagen und steckten mit den verfeindeten Russen unter einer Decke. Die "Umsiedlung" sei als militärisches Massnahme während des Krieges gegen die Russen im Ersten Weltkrieg notwendig gewesen. Es mag sein, dass es vereinzelt zu Exzessen gekommen sei, aber ein Krieg sei halt kein Betriebsausflug. Von Adolf Hitler ist überliefert, er habe die Bedenken der Führung der Wehrmacht gegen die Vernichtung der Juden mit dem Satz auszuräumen versucht: "Wer redet heute noch von der Vernichtung der Armenier?" In der Türkei heute nur sehr wenige. Van war bis 1915 mehrheitlich eine armenische Stadt, aber die komplette Altstadt wurde während des Pogroms zerstört. Eine neue Stadt wurde 4 Kilometer weiter aufgebaut.
Heute ist Van Kalesi nicht nur ein Ort, wo die Türken gern ihre äusserst beliebten Picknicks veranstalten, sondern auch eine Ansammlung von schlecht erhaltenen Ruinen. Vom Zentrum des neuen Van führt eine Strasse direkt auf den Felsen zu. An dieser Seite des Berges befindet sich am Fuss eine kleine Moschee und ein Friedhof, dessen Gräber abgesackt sind, sodass die kleinen Metallzäune wie leere Bettgestelle in der Luft hängen.
Der enge Weg windet sich an einem steilen Abhang entlang.
Wenn mir Menschen entgegenkommen, drücke ich mich ängstlich
an die dem Berg zugewandte Seite und versuche den Gedanken zu verscheuchen,
wie tief man wohl purzeln würde, wenn man ins Straucheln gerät.
Die Welt unten schrumpft. Zu hören ist nur noch das Quaken der
Eine Ansammlung von Mauern, Torbögen, Türmen, Zinnen, Felswohnungen und Gemäuern aus unterschiedlichen Materialien, in unterschiedlichen Baustilen aus verschiedenen Epochen sind der Lohn der halsbrecherischen Kletterei. In antiken Säulen haben Besucher ihre Initialen eingeritzt. Schafen sorgen dafür, dass das Unkraut nicht Überhand nimmt, und ich frage mich, wie sie es wohl geschafft haben, hier raufzukommen. Ich gehe an jähen Abgründen vorbei und stelle erschrocken fest, dass ich mitten auf einer gemauerten, von Gras überwachsenen Kuppel stehe, deren grösserer Teil schon eingebrochen ist.
Im Westen liegt der Van See, der das Licht der Nachmittagssonne reflektiert. Altan, ein Pädagogikstudent, erzählt mir bei einer Tasse Tee amüsiert, der See sei die Heimstatt des Van Gölü Canavan (Van See Monsters), einem entfernten Verwandten des Monsters von Loch Ness. Zahlreiche Sichtungen des Ungeheuers seien verbrieft. Allerdings bestehe Uneinigkeit, ob das Wesen mehr wie eine Kuh oder mehr wie ein Dinosaurier aussehe. Verschiedene Versuche, das Monster zu fangen, seien fehlgeschlagen. Deshalb sei er auch skeptisch, ob die Monster Salami, die in verschiedenen Geschäften von Van angeboten wird, tatsächlich auch echt sei.
Eyvallah Der Völkermord an den Armeniern ist auch Gegenstand eines Live-Gespräches mit dem "Funkhaus Europa" beim WDR.
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© Martin Ebbing 2000