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| 23. April 2000 |
Beim
Frühstück treffe ich zu meiner Überraschung im Speisesaal
des Hotels eine Japanerin, Hiroto. Sie ist ebenfalls gestern in Hakkari
eingetroffen.
Sie fragt mich, ob ich gestern bei der Hochzeit gewesen sei. In einem Dorf in der Nähe habe eine kurdische Hochzeit stattgefunden. Hirotos Spezialgebiet sind kurdische Dörfer. Über unserem Schafskäse mit Oliven erzählt sie, in Japan seien die Kurden völlig unbekannt. Deshalb wolle sie über ihr Schicksal schreiben. In drei Monaten habe sie eine Fotoausstellung in Tokio. Die Begeisterung für ihre Sache ist Hiroto anzuspüren. Sie spricht lebhaft und hat die Aura eines Menschen, der sich mit Leidenschaft für eine gerechte Sache einsetzt. Vor Hakkari war sie schon ein paar Monate im Nordirak und hat sich dort bei den Kurden umgeschaut. Wir rühren in unserem Tee und beklagen uns gemeinsam über die Sicherheitspolizei, die auf Tritt und Schritt hinter einem steht. Ich frage sie, wie sie es anstellt, unter solchen Bedingungen überhaupt vernünftige Gespräche zu führen. "Ich habe denen nicht verraten, dass ich Journalistin bin", lächelt sie. "Offiziell bin ich hier als Musiklehrerin. Sie sind zwar auch misstrauisch, aber Musik ist irgendwie harmlos."
Bevor ich sie noch fragen kann, ob sie ihren Freund in Japan kennengelernt habe, werden wir durch Musik von aussen unterbrochen. Auf der Strasse vor dem Hotel zieht eine Musikkappelle in historischen Kostümen vorbei. Die Männer haben sich buschige falsche Schnurbärte angeklebt. Flankiert wird der Zug von zwei kräftigen Männern in Kettenhemden mit Helm und Säbeln. Sie schauen besonders finster. Die Der 23. April ist zugleich auch der Jahrestag der Zusammenkunft der Grossen Nationalversammlung in Ankara 1920, einem wichtigen Datum in der Geschichte der Gründung der modernen Türkei.
Beim Einpacken meiner Sache im Hotel kommt das Zimmermädchen in meiner Zimmer und ist überrascht, dass ich noch da bin. Erst zögert sie, ob sie wieder hinausgehen soll, aber dann sieht sie meine Kamera auf dem Bett liegen. Sie fasst sich ein Herz und bittet mich, ein Foto von ihr zu machen. Dankbar klopft sie mir auf die Schulter, als ich ihr das Ergebnis auf dem kleinen Monitor zeige. Sie ist ganz gerührt, dass ein Fremder gekommen ist, um ein Stück Erinnerung an sie mitzunehmen. Im Bus in Richtung Van bin ich froh, Hakkari hinter mir lassen zu können. Die Stadt war kalt, grau und nass. Die hohen Berge kamen mir wie eine steinerne Bedrohung vor. Je breiter die Täler, durch die der Bus fährt, wieder werden, um so mehr lässt das klaustrophobische Gefühl nach und um so besser wird wieder meine Stimmung. Erste grössere Felder nd wieder zu sehen. Es wird grüner, die Sonne scheint und es wird wieder wärmer.
Eyvallah
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© Martin Ebbing 2000