|
| 22. April 2000 |
Erfolg
der Beharrlichkeit!
Pünktlich um 8 Uhr stehe ich wieder am Kontrollposten am Rande von Sirnak, an dem gestern meine Fahrt nach Hakkari gescheitert ist. "Alles kein Problem." Noch bevor ich meinen Begrüssungstee austrinken kann, haben die Soldaten für mich sogar eine Mitfahrgelegenheit in einem Tanklastzug gefunden. Ein Zivilfahrzeug mit zwei Militärpolizisten wird uns folgen. Zu meiner Sicherheit. Es ist ein strahlend klarer Sonnentag, alle Dinge sehr plastisch erscheinen lässt. Der Berg auf der anderen Seite erscheint nur wenige hundert Meter entfernt. Der Tanklastzug rollt abwärts auf der erste kurdische Dorf zu. Wir passieren flache, an den Berg gelehnte, aus Bruchsteinen gemauerte Häuser mit Flachdächern, auf denen sich die Ziegen besonders wohl fühlen, um sich dann wieder die nächste Steigung hinauf zu quälen. Je weiter nach Osten wir kommen, um so ärmer wird die Gegend. Standen anfangs noch Autos und gelegentlich sogar ein kleiner LKW vor den Häusern, so dominieren bald die Esel. Auch die Satellitenschüsseln werden immer weniger. Mit welchen Augen mögen diese Menschen wohl unsere Welt sehen? Schmutzige Kinder spielen auf der Strasse. Zwischen zwei Ortschaften, die mehr als 10 Kilometer auseinander liegen, fahren wir an zwei kleinen Mädchen in blauer Schuluniform vorbei. Irgendwo steht ganz einsam Gepäck am Strassenrand. Trampelpfade, die von der asphaltierten Strasse abführen, weisen darauf hin, dass wahrscheinlich irgendwo noch weitere Dörfer liegen. Immer begleitet uns Wasser. Von den schneebedeckten Bergen fliessen Bäche herunter und stürzen manchmal steil ins Tal. Meist befindet sich ein Fluss auf unserer rechten Seite. Immer wieder quält sich der Tanklastzug im ersten Gang bis weit über die Schneegrenze hinauf. Ich muss das Fenster schliessen, weil es zu kalt wird, und ich wundere mich darüber, wieviel Wasser schon so weit oben die Bäche mit sich führen.
Ich wage es nicht, Fotos zu machen. Gemal, der Fahrer, erträgt die Kontrollen, die sich meinetwegen immer hinauszögern, zwar mit Humor, aber ich bin mir nicht sicher, wie er sich verhalten wird, wenn ich mich nicht an das strenge Fotographierverbot halte. Zudem will ich ihn nicht in noch mehr Schwierigkeiten bringen. Wir kommen an Dörfern vorbei, die von ihren Bewohnern verlassen worden sind. Auf den sorgsam angelegten Terrassen, wo sonst Gemüse angebaut wird, wuchert jetzt das Unkraut. Die Dächer der Häuser sind eingestürzt. Ob die Bewohner vor den Militärs, der PKK oder vor beiden geflohen sind, ist nicht auszumachen. Je näher wir Hakkari kommen, um so höher und karger werden die Bege und um so enger werden die Täler. Die letzten Kilometer fahren wir auf einer Strasse, die von beiden Seiten von einer Feldwand gesäumt wird. Nur ein kleines Stück des Himmels ist noch zu erkennen. An der Abzweigung nach Hakkari, das ein Stück den Berg hinauf liegt, trenne ich mich von Gemal. Die Polizei am dortigen Checkpoint wartet bereits auf mich. In dem kleinen Büro liegt ein Fax aus Ankara mit meinen persönlichen Daten auf dem Schreibtisch. Während ich mit den Polizisten Tee trinke und wir darauf warten, dass ich von den Kollegen der Sicherheitspolizei abgeholt werde, weht plötzlich eine gewaltiger Windstoss durch die Schlucht. Die Plane von einem der Schützenpanzer wird abgerissen und das ganze Tal ist in eine Staubwolke getaucht. Als sich der Blick wieder klärt ist eine dunkle Wolkenfront zu sehen, die sich über den Berggipfel schiebt. Bevor noch der Regen einsetzt packen drei Sicherheitspolizisten mein Gepäck in ihr Auto und fahren mich in das Hotel, das sie für mich ausgewählt haben. "If you can't beat them, join them" lautet prägnant amerikanisch das Motto der Oportunisten. Manchmal ist es einfach realistischer, opportunistisch zu sein. Meine Begleiter werde ich nicht los. Sie bestehen darauf, mir auf Schritt und Tritt zu folgen.
Aber der Spass ist bald vorbei. Hakkari liegt laut Reiseführer nur fünf Stunden zu Fuss von der irakischen, sieben Stunden von der iranischen Grenze entfernt, aber die Stadt selbst ist zu Fuss in weniger als fünfzehn Minuten zu erkunden. Es begegnet mir eine Frau in einem schwarzen Chador. Während des Krieges zwischen dem Iran und dem Irak sind Flüchtlinge beider Seiten nach Hakkari gekommen, aber nur wenige geblieben. Geschäfte mit beiden Ländern werden auch heute noch gemacht, aber aufgrund der Allgegenwart des Militärs ist es mit dem lukrativen Schmuggel vorbei. Wir gehen in ein Restaurant. An einem Nebentisch sitzen drei Frauen ohne Kopftuch in Jeans und geschminkt. Meine Begleiter werfen immer wieder einen Blick zu ihnen hinüber und tuscheln untereinander. "Lehrerinnen", sagt Hassan, der unter den fünf das beste Englisch spricht. Auf dem Land sind es die Lehrerinnen, die oft in den Grossstädten der westlichen Türkei studiert haben, die die Tradition brechen, dass Frauen sich nicht allein an öffentlichen Orten aufhalten und erst recht nicht rauchen sollten. Das erinnert mich an die Bücher, die ich in meiner Studentzeit gelesen habe und die davon erzählten, wie in den zwanziger und dreissiger Jahren in der Sowjetunion ebenfalls die Lehrer den Fortschritt in die zurückgeblieben Dörfer brachten. Die Titel habe ich vergessen, aber es war allemal keine Weltliteratur.
Später rufe ich zwei Kurden an, die mir in Deutschland als Kontakte empfohlen worden waren, um mehr über die Situation nach der Ankündigung der PKK zu erfahren, die Waffen niederlegen zu wollen. Beide lehnen ein Treffen ab, weil es weder für mich noch für sie gegenwärtig "ratsam" sei. Eine dritte Telefonnummer versuche ich erst garnicht mehr. Meinen Saufkumpanen muss der Mut ausgegangen sein. Um 22 Uhr taucht keiner auf.
Eyvallah
[nächster Tag] [Übersicht Türkei] [Übersicht Kaukasus]
|
© Martin Ebbing 2000